Neue Ideengeschichte

Methodische Neuerungen der "Cambridge School"

Die Historiker Quentin Skinner und John G.A. Pocock haben die Ideengeschichte methodisch erneuert und aus dem Schatten anderer Forschungsfelder geführt.

Die Ideengeschichte stand seit jeher im Schatten anderer geschichtswissenschaftlicher Disziplinen. Im Zeitalter des Historismus war sie die Hilfswissenschaft einer staatszentrierten Politikgeschichte. Erneuerungsversuche von Friedrich Meinecke und der angloamerikanischen „social history of ideas“ gerieten in den 1960/70er Jahren in den Schatten einer primär an wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen interessierten Sozialgeschichte. Mit dem Boom der „neuen Kulturgeschichte“ seit den 1980er Jahren richtete sich der Fokus der Historiographie zwar verstärkt auf subjektive Welt- und Sinndeutungen. Die methodischen Instrumente lieferten jedoch Begriffsgeschichte und Diskursanalyse, während die Untersuchung historischer Ideen im Sinne konsistenter Denkmuster als rückwärtsgewandter Ansatz verabschiedet wurde. Vor diesem Hintergrund hat die „Cambridge School of Intellectual History“ um Quentin Skinner und John G.A. Pocock das Profil einer “neuen Ideengeschichte” entworfen.

Abgrenzung gegenüber anderen Schulen der Ideengeschichte

Im Schussfeld von Skinners Kritik steht primär die Ideengeschichte, wie sie in den 1950/60er Jahren vor allem von Philosophen und Politologen betrieben wurde. Die zweifelhafte Grundannahme dieser Forschungsrichtung sei gewesen, dass ein Kanon klassischer Texte überzeitliche Antworten auf anthropologische Fragen biete. Folglich wurde vorrangig die „vertikale“ Entwicklung von Ideensystemen untersucht, statt sich um eine historische Kontextualisierung auf „horizontaler“ Ebene zu bemühen. Das Ergebnis seien Arbeiten mit Titeln wie „Der Freiheitsbegriff bei Aristoteles, Luther und Marx“, in denen so getan werde, als hätten alle besprochenen Theoretiker an demselben Diskurs partizipiert. Sofern sie sich überhaupt für die Geschichte politischer Ideen interessiere, arbeite die in den 1960/70er Jahren aufgekommene politische Sozialgeschichte ähnlich anachronistisch. Sie oktroyiere der Vergangenheit gegenwärtige Erklärungsmodelle der Nachbarwissenschaften auf, anstatt Kontinuität und Wandel des politischen Ideenhaushalts einer Gesellschaft induktiv aus dem Bewusstseinsstand der historischen Akteure erklären zu wollen. Auf diese Weise reduziere man Ideen auf abhängige Größen von sozioökonomischen oder soziokulturellen Faktoren außerhalb des politischen Feldes.

Zweitens grenzen sich Pocock und Skinner gegenüber Ansätzen ab, die ihre methodische Inspiration aus der poststurkturalistischen Sprachphilosophie entnehmen. Die von Derrida und Foucault vorgebrachte Kritik an klassischen Vorstellungen von Intentionalität hat über den „linguistic turn“ auch Eingang in die Ideengeschichte gefunden. Die Intention des Autors eines Textes sei nie mit absolutrer Sicherheit zu ermitteln und für das Textverständnis überhaupt unerheblich. Sprache fülle nicht objektive Realität mit subjektivem Sinn, sondern konstruiere überhaupt erst „Realität“ mit ihren Grenzen des Denk- und Sagbaren. Die Verquickung von Sprache und Machtausübung erkennen Skinner und Pocock an. Wo allerdings Derrida und Foucault den Autor für tot erklären, lässt ihn vor allem Skinner wieder auferstehen. Sprache wird bei ihm nicht im Sinne Nietzsches von anonymen Machttechniken durchflossen, sondern von Akteuren bewusst als Machtressource eingesetzt.

Die Sprechakttheorie in der „Neuen Ideengeschichte“

Inspirierend für die methodische Neuausrichtung der Ideengeschichte durch die „Cambridge School“ wirkte vor allem die Rezeption von zwei Theoretikern, die sich mit sprachlichem Handeln befasst haben: Der Historiker und Philosoph R.G. Collingwood verneinte die überzeitliche Geltung von Ideensystemen, um sie historischer Analyse zugänglich zu machen. Äußerungen des menschlichen Geistes – kommen sie in einer noch so abstrakten Sprache daher – seinen immer situationsbezogen und liefern spezifische Antworten auf spezifische Fragen. Ebenso deutlich sind die Spuren von J.L. Austins Sprechakttheorie bei Skinner und Pocock erkennbar. Die Sprechakttheorie begreift Sprache nicht nur als Trägerin kommunikativer Botschaften, sondern erkennt in jeder Äußerung auch eine Handlung. Austin und Wittgenstein folgend stellt Skinner seine methodischen Vorstellungen von Ideengeschichte unter das Motto „words are also deeds“. (Skinner, S. 4) Jeder Sprechakt zeichne sich durch eine Lokution, d.h. die Mitteilung eines Sachverhalts und eine Illokution aus, d.h. die Absicht des Sprechers bei der Ausführung des Sprechakts (z.B. Feststellung, Warnung, Aufforderung). Die Bedeutung einer sprachlichen Äußerung zu erfassen ist daher nur eine Seite der Medaille; die andere besteht darin, herauszufinden, „what he was doing in saying something“. (Skinner, S. 82) Die Illokution ist nicht aus der Wortbedeutung eines Textes hinreichend erschließbar, sondern nur aus dem diskursiven Kontext. Ein Text ist immer eingebettet in sprachliche Konventionen, die vom Autor befolgt oder gebrochen werden, und in vorhergehende oder gleichzeitige Diskurse, in die der Autor eingreift oder die er bewusst ignoriert. Nur wenn es dem Historiker gelingt, diesen Kontext zu rekonstruieren, kann er feststellen, was ein Autor mit seiner Äußerung tatsächlich bewirken wollte. „The only histories of ideas to be written are histories of their uses in argument.“ (Skinner, S. 86) Dieser Ansatz biete für die Historiographie die Chance, gegenwärtig gültige Normen zu relativieren, Teleologien aufzulösen, sowie Andersartigkeit und Wandelbarkeit kultureller Bezugsrahmen zu erkennen.

Politische Sprachen

Geht es Skinner vorrangig um eine historiographisch angemessene Interpretation einzelner politischer Theoretiker vor dem Hintergrund „politischer Sprachen“ der Vergangenheit, stehen bei Pocock die „languages“ selbst im Mittelpunkt des Interesses. In Anlehnung an de Saussure solle der Ideenhistoriker das Verhältnis von langue und parole im politischen Sprachhaushalt einer Gesellschaft ausloten. Langue ist als stabiles Repertoire an Begriffen, Stilen, Prämissen, Themen und Lösungsansätzen einer Gesellschaft und parole als selektive Nutzung des Repertoires durch einen Autor zu verstehen. In der Forschungspraxis unterscheidet Pocock institutionelle Sprachen, die an bestimmte Milieus gebunden sind und politische Sprachen, die im Diskurs entstehen. Etablierte „languages“ bilden Strukturen, die sprachliches Handeln gleichzeitig ermöglichen und eingrenzen: Sie erlauben Personengruppen oder der Gesellschaft, Deutungen politischer Phänomene oder Artikulation politischer Interessen, allerdings im Rahmen der vorgegebenen sprachlichen Konventionen, die der Historiker aus den Quellen dekodieren und erlernen kann. Äußerungen eines Autors seien dennoch nie vollständig durch die institutionellen Sprachen determiniert. Vielmehr wirken politische Diskurse durch die Verschiebung sprachlicher Konventionen verändernd auf die institutionellen Sprachen zurück. Daher legt Pocock besonderes Gewicht auf die Erforschung sprachlichen Wandels, während die Diskursanalyse in Foucaultscher Tradition eher auf dem statischen und determinierenden Charakter von Diskursen insistiert.

(Fortsetzung Teil 2: Perspektiven und Kritik)

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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