
- Buchcover: Updike - Die Tränen meines Vaters - Rowohlt-Verlag
In wenigen Tagen, am 27. Januar 2011, jährt sich der Tod des amerikanischen Schriftstellers und Pulitzer-Preisträgers John Updike zum zweiten Mal. Rechtzeitig zum Todestag bringt Rowohlt am heutigen Samstag (15. Januar 2011) die nachgelassenen Erzählungen des Autors unter dem Namen Die Tränen meines Vaters auf Deutsch heraus.
Perspektive des alten Mannes
Achtzehn späte Erzählungen hat der Herausgeber in diesem Nachlassband vereint, die viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Am auffälligsten ist, dass sie fast alle aus der Perspektive des alten Mannes geschrieben sind. Oft sind es Rückblicke auf problematische Lebensphasen oder auf die unbeschwerte Kindheit und Jugend, die im Gegensatz zum sorgenvollen Alter stehen, Rückblicke, die bei mehreren Gelegenheiten anlässlich eines Klassentreffens unternommen werden. Damit einher geht mindestens in der Hälfte der Geschichten eine mal nur angedeutete, mal übermächtige melancholische Grundstimmung. Als beispielhaft für diese Melancholie kann die Titelgeschichte gelten.
Die Tränen meines Vaters - Die Titelgeschichte ist typisch für das ganze Buch
Wie viele der Kurzgeschichten hat auch die Titelgeschichte stark ausgeprägte autobiographische Züge. Wie Updike ist auch der Ich-Erzähler in Pennsylvania aufgewachsen, als Kind eines Lehrers. Dessen Nachname ist Werley – was sehr an den Vornamen von Updikes Vater erinnert: Wesley. Auch ist Werley im gleichen Jahr gestorben wie Updikes Vater – 1972. Auch der Ich-Erzähler der Geschichte lässt seine Heimat nach der Schule hinter sich, um zu studieren. So handelt auch diese Geschichte vom Abschied von zu Hause, von der mit dem Alter wachsenden Distanz zu Heimat und Herkunft, die soweit geht, dass der Ich-Erzähler beim Tod seines Vaters nicht einmal weinen kann. Der unterschwellige Schmerz über den Verlust der Jugend bildet den Grundton der Erzählung – auch das typisch für den ganzen Erzählband.
Der Ausreißer: Spielarten religiöser Erfahrung
Obwohl fast alle Geschichten im gleichen Tonus gehalten sind und als zusammengehörig identifiziert werden können, gibt es doch einen großen Ausreißer: Spielarten religiöser Erfahrung. Die Geschichte spielt am 11. September 2001 und spiegelt die Perspektive von Tätern, Opfern und Zuschauern wider. Am eindringlichsten und packendsten wird die Sicht der Opfer geschildert. Ein Angestellter schafft es nicht mehr, nach dem Anschlag aus dem World Trade Center zu entkommen und wird quasi bei lebendigem Leib gegrillt. Er schafft es gerade noch, seiner Frau am Telefon zu sagen, wie sehr er sie liebt und letzte Anweisungen für den Fall seines Todes zu geben. Eine alte Frau erlebt die Entführung eines der Flugzeuge mit, das in Pennsylvania abgestürzt ist.
Die Geschichte passt am wenigsten in die Reihe, weil an die Stelle von Melancholie und Nabelschau Verzweiflung, Spannung und Action treten. Ein wenig dieser Action ist auch in Stromausfall enthalten, worin es um einen Ehebruch geht, der im letzten Moment durch das Ende der Stromunterbrechung verhindert wird. Durch das Ehebruchthema, das in vielen Geschichten gegenwärtig ist, fügt sich die Erzählung aber ganz gut in die Sammlung.
Fazit
Die Tränen meines Vaters ist ganz eindeutig der Nachlass eines bald 80-jährigen Mannes, Verwechslung ausgeschlossen. Es ist ein melancholisches Altmännerbuch, dessen Motto Updike selbst in der letzten Geschichte, in der es um Altersgebrechlichkeit geht, so formuliert: „Ich musste alt werden, um zu erkennen, dass die Welt für die Jungen da ist.“ Der Autor verarbeitet in den Geschichten offenbar seine Trauer darüber, dass seine Zeit abgelaufen ist – im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei schafft es Updike, nicht abzudriften und rührselig zu werden, immer bleibt er durch Sprache und Inhalt anrührend. Die Tränen meines Vaters ist deshalb auch nicht nur ein Buch für alte Leute kurz vor ihrem Lebensende, sondern ganz im Gegenteil auch für jüngere Leser geeignet. Updike-Fans werden es mögen und das wiederfinden, was sie an dem Autor lieben: eine einfache, teils lakonisch-ironische Sprache, interessante Lebensbeschreibungen eigentlich banaler Mittelstandsbürger – und jede Menge Ehebruch.
John Updike: Die Tränen meines Vaters, Rowohlt, 19,95 Euro.
