Neuer Roman von Tim Parks

„Träume von Flüssen und Meeren“ – Buchkritik

Parks: Träume von Flüssen und Meeren - Kunstmann
Parks: Träume von Flüssen und Meeren - Kunstmann
500 Seiten Schweigen und Abwesenheit. Ein Meisterstück des Drumherumlaufens: Der am 1. Juli 2009 erschienene Roman von Tim Parks „Träume von Flüssen und Meeren".

Die Hauptfigur des Romans „Träume von Flüssen und Meeren“ ist tot. Schon bevor der Roman beginnt. Und das zentrale Thema, das alle Geheimnisse um diesen Tod umgibt, ist das Schweigen. Aus Schweigen und Abwesenheit einen 500-seitigen Roman zu machen, ist eine Herausforderung, die durchaus rechtfertigt, dass akademischer Fachjargon hin und wieder einfache Botschaften verkompliziert und Spannung im Stil von „Lindenstraße“ und „Verbotene Liebe“ aufrecht erhalten wird: Die Szene reißt im entscheidenden Moment ab. Das nächste Kapitel beginnt ganz woanders. Die inszenierte Dramaturgie wirkt flach. Aber sie wirkt.

Denn beiseite legen kann man den neuen Roman von Tim Parks nicht. Zu viele verwobene Geschichten schreien nach Aufklärung: Warum bekommt John einen Brief von seinem toten Vater, der ihn selbst weder abgeschickt haben kann noch zu Ende geschrieben hat? Warum hat seine Mutter ihm nichts zu sagen, als er in Indien ankommt? Ist sein Vater wirklich an Prostatakrebs gestorben? Wieso will der amerikanische Journalist eine Biografie über Albert James schreiben, der doch in seinem ganzen Leben rein gar nichts erreicht hat? Außer Träume von Flüssen und Meeren, die John, der in London in einem Labor arbeitet und den Unterschied zwischen toten und lebenden Zellen studiert, absolut nicht interessieren.

„Bis der Tod uns scheidet“ – eine perfekte Ehe bis zur Vollendung

John kann sich eher mit der Arbeit seiner Mutter identifizieren: Sie unterstützt als Ärztin eine Klinik in Dheli. Albert und sie waren nach Indien gegangen, um dort Hilfsdienste zu leisten. Eine gemeinsame Vision! Sie hatten immer wie ein perfektes Gespann gewirkt, obwohl der Biologe sich über die Jahre von Helen entfernt hatte. Intellektuell gesehen. Er wechselte von der Biologie zur Anthropologie und landete nach weiteren Entwicklungsstufen bei der Kybernetik. Während Helen weiterhin als Europäerin in dieser prämodernen Kultur versuchte, gesundheitliche Leiden zu heilen, stellte Albert – ganz im Gegensatz zu ihrer Arbeit – berühmte Theorien darüber auf, wie punktuelle Eingriffe in bestehende Kulturen diese in weiterem Sinne manipulieren und so das Gesamtsystem zerstören können. Er analysierte Spinnennetze, um Kommunikationssysteme zu erfassen und wurde von allen bewundert, obwohl er nichts bewirkte. War das Absicht? Teil seiner Theorie? Auch seine Frau, die sich als Mittelpunkt seiner Forschung verstand und das verkennende Schweigen der perfekten Ehe liebte, bewunderte ihn. Keiner der beiden hätte sich je getrennt. Bis der Tod sie schied – der Prostatakrebs. Oder das Gerangel in seinem Kopf ...

Empfehlenswerter Roman – kulturell und soziologisch, anspruchsvoll und lebendig

Ein grundsätzliches Interesse für Indien – Kultur und Bräuche – kann nicht schaden, wenn man sich dazu entschließt, sich auf den mehrdeutigen und vielschichtigen Roman einzulassen. Parks lässt den Leser keineswegs vergessen, wo das Geschehen spielt: Farben, Gerüche, Armut, Klima und Infrastruktur lassen sich nachempfinden, als hätte man es selbst erlebt. Seine kontextgerechte Sprache macht den Roman unglaublich lebendig: Weder vor den Möglichkeiten, die RNA eines inaktiven Tuberkelbakteriums zu deaktivieren, noch vor dem Gestank von Kacke macht der Autor halt.

Die soziologisch-kulturellen Zusammenhänge, die immer wieder aufgeworfen werden, sind mindestens so verwoben wie die zwischenmenschlichen Beziehungen in dem Roman. Erstere allerdings bleiben im Raum stehen, wenn man am Ende das Buch zuschlägt.

Der Autor Tim Parks

Tim Parks lebt mit seiner Familie in Verona. Er gewann bereits zahlreiche Literaturpreise wie den Somerset-Maugham-Award und hat mit „Träumen von Flüssen und Meeren“ sein fünfzehntes Buch veröffentlicht. Sein letzter Roman „Stille“ war ein großer Publikumserfolg. Parks wurde 1954 in Manchester geboren und lehrt heute an der Universität in Mailand literarische Übersetzung.

Tim Parks: Träume von Flüssen und Meeren. Kunstmann Verlag 2009. Gebunden, 510 Seiten. Euro 24,90.

Texterin und freie Autorin, Sabrina Bodo

Sabrina Bodo - Sabrina Bodo schreibt, konzipiert und korrigiert. Werbetexte und Sachtexte. Für Unternehmen und Privatpersonen. Bei Suite101 ist sie ...

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