
- Maria Rita - Samba Meu - www.warnermusic.com.br
Vor 50 Jahren wurde an den Stränden von Rio De Janeiro die Bossa Nova aus der Taufe gehoben. Mit dem Übertragen der Samba-Perkussion auf die Gitarre, frischer, jugendlicher Poesie und einem sanften Gesangsvortrag war ein neues Genre geboren, das in den frühen Sechzigern auch einen weltweiten Siegeszug antrat. Während die Bossa jedoch in Europa immer noch beliebt ist, gerade auch durch die Retro- und Rare-Groove-Gemeinde, hat sie in ihrer Heimat heute einen schweren Stand. Und auch wenn 2008 zum Jahr der Bossa Nova ausgerufen wurde – in Rio besinnt sich die Jugend seit einigen Jahren vielmehr auf die Vorläuferstile Samba und Choro in Kneipen und Hinterhof-Atmosphäre. Das ist nicht zu übersehen, wenn man die abendlichen Tanzveranstaltungen im Viertel Lapa besucht, die vor allem am Wochenende brechend voll sind. Mit den kommerzialisierten Paraden des Carneval haben sie rein gar nichts zu tun.
Frischzellenkur für Maria Rita
Kein Wunder, dass sich auch die Größen der brasilianischen Musikszene auf diesen Samba stürzen. Maria Rita, die Tochter die früh verstorbenen Música-Popular-Legende Elis Regina zum Beispiel. Mit ihren ersten beiden Alben wurde sie zum Superstar stilisiert, wohl auch, weil ihre Landsleute eine zweite Elis wollten. Der Druck war zu groß: Zuletzt konnte sie die Erwartungen nicht erfüllen und lieferte Songs ohne Charisma, die im Nu wieder aus dem akustischen Gedächtnis verschwanden. Dass sie nun eine Frischzellenkur mit Sambaklängen macht, mag man durchaus als Marketingschachzug der Plattenfirma sehen.
"Samba Meu" – Mein Samba
Immerhin liefert der Flirt mit dem melodieseligen Genre ein wirklich schönes Album. Für "Samba Meu" hat sie als Liedschreiber unter anderem Arlindo Cruz verpflichtet, einen der talentiertesten der Zunft derzeit. Außerdem gastiert Rios traditionsreichste Sambaschule, die Mangueira auf der Scheibe. Das Ergebnis ist keineswegs eine Anbiederung: Arrangements, die immer wieder einen leicht jazzigen Touch offenbaren und ihre nonchalante, unspektakuläre Stimme – untypisch fürs eher herzblutende Stimmung echter Sambasänger – ergeben eine ganz eigene Prägung. Maria Rita muss daher auch nicht krampfhaft verbergen, dass sie eben nicht auf den Favela-Hügeln, der Wiege des Samba aufgewachsen ist.
Marisa Monte und ihre Freunde
Auch nicht von den Hügeln kommt Marisa Monte, doch ihre Beziehung zum Samba ist schon dauerhafter und tiefgründiger. Vor zwei Jahren lieferte sie mit "Universo Ao Meu Redor" eine überzeugende Beschäftigung mit dem Samba ab. Schon 2001 hatte sie ein ganzes Album mit ihrer favorisierten Escola de Samba, der Portela veröffentlicht. Dass "Tudo Azul" nun erstmals offiziell in Deutschland erhältlich ist, spiegelt vielleicht auch wider, dass ein Interesse am unverfälschten Samba auch international entfacht werden soll. Die große Pop-Ikone Monte tritt hier ganz zurück in die Rolle der Produzentin, lässt die alten Damen und Herren am Mikro agieren, mit rustikaler Unterstützung durch Ukulele, Posaune, siebensaitiger Gitarre, Basstrommel und Brummtopf. Die Chorgesänge dazu sind kräftig und ungeschliffen.
Die Legenden Os Ipanemas
Das Highlight liefern jedoch zwei Herren ab, die seit fast einem halben Jahrhundert im Geschäft sind. Auf "Call Of The Gods" zelebrieren Os Ipanemas ein Samba-Feeling wie vor viereinhalb Dekaden, als sich der Perkussionist Wilson Das Neves und Gitarrist Neco erstmals zusammengetan hatten, um ihren Debüt-Klassiker einzuspielen. Nach Teamworks mit allen Größen Brasiliens erfreuen sich die beiden Siebzigjährigen seit einigen Jahren eines Comebacks. Für den entspannten, leicht orchestralen Sound mit starken afrobrasilianischen Unterströmungen zeichnen auf dem neuen Werk Mitmusiker von Caetano Veloso, Chico Buarque und der Fusionjazz-Band Azymuth verantwortlich. Eine feine Textur mit samtenem Flügelhorn, Posaunen und neckischen Flöten ergibt das, darunter dezente Perkussion und Akustikgitarren. So easy kann Samba sein, ohne Bossa Nova zu werden.
aktuelle Veröffentlichungen:
- Maria Rita: "Samba Meu" (Warner, VÖ: 22.3.2008)
- Velha Guarda da Portela & Marisa Monte: "Tudo Azul" (Red Circle Music/Indigo, VÖ: 29.2.2008)
- Os Ipanemas: "Call Of The Gods" (FarOut/Rough Trade, VÖ: 11.4.2008)
