
- Der neue Roman von Donna Leon ist da - Thilo Ruf
Wenn Sie in glühender Sommerhitze Schlange stehen, das Pflaster unter ihren Füßen schier zum Kochen kommt, wenn Ihnen inmitten wunderschöner Architektur faulige Gerüche entgegen wehen und bei Ihrem Nachbarn weißes, wabbeliges Fleisch aus viel zu kurzen Hosen quillt, dann befinden Sie sich wahrscheinlich Mitte August am Markusplatz in Venedig und warten in einer Schlange aus Tausenden von Tagestouristen darauf, endlich in den Markusdom eingelassen zu werden.
Jedenfalls lässt Donna Leon den mittlerweile 19. Roman um ihren Commissario Guido Brunetti in dieser Jahreszeit spielen und zeigt Venedig mal wieder genau so, wie es um den 15. August herum auch ist: Fast alle Bewohner haben die Stadt längst verlassen, die Geschäfte sind ebenso wie viele Bars geschlossen, und nur noch Touristen und Taschendiebe versuchen, so gut wie es die Hitze eben zulässt, ihren Geschäften nachzugehen.
Commissario Brunetti darf seinen wohlverdienten Urlaub nicht antreten
Auch Commissario Guido Brunetti war zusammen mit seiner Familie bereits auf dem Weg in ein Ferienhaus hoch oben in Südtirol. Dort, auf 1.500 Meter Seehöhe in einem alten Bauernhaus bei Glurns im Vinschgau, wollte er seinen Urlaub verbringen. Vergönnt war es ihm nicht. Eine Leichenfund hat ihn noch im Zug eingeholt und von Bozen gleich wieder zurück nach Venedig geführt. Seinem treuen Assistenten Vianello geht es da nicht viel besser. Eine Tante macht ihm Sorgen. Sie ist in letzter Zeit Astrologie-verrückt und bringt offenbar Unsummen zu einem dubiosen Scharlatan, so dass bereits das Familien-Vermögen gefährdet scheint.
Mal wieder führt Donna Leon in ihrem bei Diogenes in Zürich erschienenen Roman „Auf Treu und Glauben“ ganz unterschiedliche Geschichten geschickt zusammen. Das geht, weil die Klammer die Stadt Venedig ist. Diese wahrhaft einzigartige Stadt mit ihren ganz speziellen Eigenheiten, im Guten wie im Schlechten. Mit ihren genervten aber geschäftstüchtigen Bewohnern, den viel zu vielen in sie vernarrten Besuchern, ihren korrupten Politikern, dümmlichen Tageszeitungen, geschickten Lebenskünstlern, bigotten Moralpredigern und – als Gegenpol – dem treuen, tatsächlich Gesetz und Moral verpflichteten Ermittler Guido Brunetti.
Dessen Frau Paola, aus ebenso gutem wie reichem Hause, ist Professorin für Literatur an der Universität der Stadt. So wie auch Donna Leon einst in vielen Teilen der Welt Literatur unterrichtete an amerikanischen Militärstützpunkten, bevor sie vor inzwischen bereits 30 Jahren ihren Wohnsitz dauerhaft nach Venedig verlegte. Und wie es aussieht, wird sie da auch bleiben, falls die Stadt nicht plötzlich doch noch gänzlich in der Lagune versinken sollte.
Donna Leon: Eine Amerikanerin findet ihre Wahlheimat Venedig
Donna Leon, die Amerikanerin aus New Jersey, veröffentlicht ihre in Venedig spielenden Romane keineswegs unter Pseudonym. Auch wenn Donna Leon so richtig venezianisch klingt. Nein, sie hat ihren Namen von spanischen Vorfahren. Dass „leon“ auch der venezianische Dialektausdruck des italienischen „leone“ (also Löwe) ist, bleibt reiner Zufall. Donna Leons Venedig-Krimis um Commissario Brunetti sind in vielen Ländern inzwischen ein Selbstläufer, der reichlich Tantiemen einbringen dürfte, um sich auch weiterhin ein gutes Leben in Venedig leisten zu können.
Nur in Italien erscheinen die Bücher nach wie vor nicht. Und Donna Leon hat gute Gründe dafür. Zu realistisch sind ihre Beschreibungen der bigotten vornehmen Gesellschaft in der vielleicht geschäftstüchtigsten Stadt eines korrupten Landes. Diese Kehrseite des Dolce Vita kommt auch in ihrem aktuellen Roman „Auf Treu und Glauben“ nicht zu kurz. Doch ob Brunetti am Ende seine Ferien vielleicht doch noch zusammen mit der Familie in luftiger Höhe im kühlen Südtirol verbringen darf, statt weiter im Backofen Venedig zu schwitzen, müssen Sie schon selbst herausfinden.
Donna Leon, Auf Treu und Glauben, Diogenes Verlag, Zürich, 2011, kostet in Deutschland 22,90 Euro.
Sollten Sie trotzdem noch vorhaben, den Sommer 2011 in Venedig zu verbringen, dann besuchen Sie unbedingt auch die Kunstbiennale. Hier finden Sie dazu einige nützliche Tipps.
