
- Cover "Auf einer schmutzigen Toilette..." - © Moritz Thau
Nach den „20 wahren Geschichten vom Lebenretten“ des Sanitäters Jörg Niessen erscheinen jetzt im Schwarzkopf-Verlag die „Unglaublichen Geschichten eines Urologen“. Unter Autor sprach in Berlin mit dem Autor Dr. Martin Anibas und las beide Bücher.
Die Wirklichkeit ist schlimmer als die Arztserien im TV
Nach fünf Kisten Bier und reichlich Whisky im Notarztteam, bekam der „stockbesoffene Jungchirurg Charly“ eine Mönchstonsur frisiert und einen Knopf auf die Kopfhaut genäht. Zur Visite auf der urologischen Station kam Oberarzt Schulmann mit dem Motorrad, Anästhesistin Oening war im Nachtdienst ständig auf Sex aus und der alte Hund Arno des tyrannischen Chefarztes Mesmann wurde von einem akademischen Spitzenteam gegen Hämorrhoiden operiert.
Seine drastischen Erfahrungen im Krankenhaus sind „viel schlimmer als in den Ärzte-Schwestern-Schnulzenserien im Fernsehen“, berichtet Dr. Anibas. Statt einer ausgewogenen Kritik des Gesundheitswesens beschreibt er das frivole Pandämonium eitler, skrupelloser und einander quälender Medizin-Männer. Aber ganz so schlecht kommen die alten Zeiten auch nicht weg, in denen Schwertschlucker noch Magenspiegelungen vor Röntgengeräten demonstrierten.
„Es gab noch Originale“, sagt Anibas, und die „Nähe zu den Patienten, die heute durch Apparatemedizin verdrängt ist.“ Jedoch legt er sich nicht fest, ob früher nun alles besser war: „Da nehmen Sie mich aber in die Zange“, weicht er charmant aus.
Dr. Anibas ist ein großartiger Erzähler
Vor allem ist der Wiener jedoch ein wunderbarer und komischer Erzähler, weil er bereits von früher Kindheit an die Welt als Narrenhaus sah. Diese kritisch-absurde Wahrnehmung bewahrte er sich auch in seinem langen Berufsleben: „Vielleicht habe ich mich darum nicht korrumpieren lassen“, meint er. Die unglaublichen Geschichten folgen chronologisch seiner Entwicklung vom Doktor spielenden Kind bis zum spielerisch-fantasievollen Umgang als Arzt mit seinen listigen urologischen Patienten: Diese Geschlechtskrankheit „muss ich mir auf einer schmutzigen Toilette geholt haben“, schwindelten viele.
Anibas sagt, er sei kein Literat - aber einige seiner skurrilen Geschichten hätte er noch länger und ausgefeilter schildern können. Und wie schön wäre es, würde er auf einer Lesereise seine Erlebnisse mit viel Wiener Schmäh vorlesen. Aber der Pensionär wohnt im fernen Andalusien und kam nur zum Vorstellen des Buches nach Berlin.
Zum Ende schreibt der Urologe von einst erfolgreichen Methoden gegen Impotenz - über mit Silikon gefüllte Penisse zum Hochklappen oder emsige Prostituierte in der psychologischen „Kombinationstherapie“. Gruselig und in der Notaufnahme endete dagegen häufig der Gebrauch vermeintlicher Lust steigernder Geräte wie Staubsauger oder die Einführung unvorstellbarer Dinge in Harnröhre, Vagina oder Anus: Ein Soldat hatte mal eine scharfe Gewehrgranate im Darm.
Rettungswagen fahren ist kein Deckchensticken
Irgendjemand muss diese Opfer missglückter Lust ja ins Krankenhaus bringen, damit beginnt das Buch des Rettungssanitäters Jörg Niessen. Später taucht dann eine unterkühlte elegante Dame auf, „Schauen Sie sich mal diese Sauerei an, die mein Mann mir hier gemacht hat.“ Der hatte sich mit einer Schrotflinte erschossen. Ansonsten kommt eine Schwangere im Rettungswagen nieder, eine verliebte Hysterikerin alarmiert ständig den Rettungsdienst oder ein düsterer Vampirfan erstickt fast an einem rohen Steak.
Diese Ereignisse sind durchaus komisch, werden aber mit flapsigen Sprüchen und banalen Lebensweisheiten zu ermüdend langen Geschichten aufgebauscht: „Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass im Hause Zimmermann in Zukunft ein Frühstücksei weniger benötigt werden würde. Ich möchte die Spannung etwas herausnehmen, und sie sofort mit der harten Wahrheit konfrontieren: Herr Zimmermann war tot. So ist das mit dem Leben, es endet grundsätzlich tödlich…“
Nach der Anibas-Lektüre ist solch seitenlanges Gerede eine herbe Enttäuschung!
Dr. Martin Anibas, „Herr Doktor, das muss ich mir auf einer schmutzigen Toilette geholt haben“, Schwarzkopf-Verlag 2012, 9,95€
Jörg Niessen, „Schauen Sie sich mal diese Sauerei an“, Schwarzkopf-Verlag 2011, 9,95€
Zitate
„Die grotesken Ereignisse und skurrilen Charaktere gibt es heute kaum noch. Heutzutage ist vieles nüchterner und sachlicher, aber auch viel unpersönlicher. Ein großer Gewinn ist allerdings die gesteigerte Sicherheit bei sämtlichen Krankenhausprozeduren. Man braucht bei der Aufnahme in eine Klinik heutzutage kein Stoßgebet mehr zum Himmel zu schicken – auch wenn ein kleiner Schutzengel nach wie vor nicht schaden kann.“
Dr. Martin Anibas
„Schwarzer Humor ist in Feuerwehr- und Rettungsdienstkreisen weit verbreitet. Hier und da ist er sicherlich auch ein Mittel, um sich gegen belastende Situationen abzuschirmen.“
Jörg Niessen
