
- Die Stimmung in Sachen Hund ist kämpferisch. - sabine soelbeck
Hunde und Menschen gehören zusammen. Ein schöner Satz, der den verunsicherten Hundehalter erfreut. Ein Satz, der wie ein Fels in der Brandung steht, er vermittelt Sicherheit. Dieser Satz stammt aus dem Buch „Hunde brauchen klare Grenzen“ von Michael Grewe und Inez Meyer. Wer würde das fraglos unterschreiben, wenn er in einer Stadt wie Berlin lebt? Da können Bewohner der Großstadt einiges in Sachen Hund und Mensch erleben, eher selten ein harmonisches Miteinander, niedliche Gesten und Aufblicke eines entspannten Hundes, wie in der Werbung.
Apropos. Momentaufnahmen an Weihnachten.
Wie viele Hundehalter schnallen ihrem Bello ein Geweih auf den Kopf oder stülpen ihm eine Weihnachtsmütze über? Wozu? Natürlich. Um eine Momentaufnahme zu machen. Ein Foto. Denn so ein Foto ist niedlich und unterstützt den positiven Eindruck, das Mensch und Hund ein harmonisches Zweiergespann sind.
Wenn der Nichthundebesitzer morgens aus dem Haus tritt, kann er in Anbetracht der Szenen, die sich da abspielen, sicher oft nicht glauben, dass der Hundehalter durchschnittlich neunzig Prozent der einschlägigen Literatur gelesen hat. Der Hundehalter weiß, dass Mensch und Hund zusammen gehören. Doch er ist dem täglichen Kampf mit seinem Vierbeiner ausgesetzt. Sie lesen richtig, wir sprechen von Kampf.
Die Stimmung auf den Straßen ist kämpferisch.
Wenigsten in Sachen Hund, wenn schon nicht in den wesentlichen Fragen der Gesellschaft. Die viele Hunde-Literatur hat es nicht verhindert, auch die vielen Gespräche von Hundebesitzer zu Hundebesitzer nicht, dass der Mensch zumeist hoffnungslos überfordert ist. Der Hund auch, wenn wir seine Perspektive einnehmen. Ein Beispiel. Ein mittelgroßer, junger Hund tritt auf die morgendliche, fast unbelebte Straße. Jeden Tag trifft er zwei ältere Damen mit ihren Kleinhunden. Die Kleinhunde kläffen sofort, wenn sie einen anderen Hund entdecken, der junge Hund will schnuppern, was das für Gesellen sind, doch er wird barsch abgewiesen – von den Hunden an den zerrenden Leinen und von den keifenden, alten Damen, denn: ihre Hunde mögen keine großen Hunde. Nun denn, die Damen wissen, was ihre Hunde mögen. Der Hund aber versteht die Sprache der alten Damen nicht, er weiß nicht, was diese ihm gerade doch hinlänglich lautstark anvertraut haben. Das morgendliche Geschrei stört den sensiblen Hund und den sensiblen Menschen, denn beide sind noch nicht lange erwacht und haben weder Frühstück noch Kaffee genossen. Andertags kann es sein, der junge Schwarze, der gerade dabei ist ein Großhund zu werden, begegnet einer untersetzten Frau mit einem zappligen, kleinen Pitbull. Im Angesicht des im Wachsen begriffenen, das heißt im Erfahrung sammelnden Schwarzen, reißt die kleine Frau ihren Pit an der Leine bis zu ihren Ohren empor, so dass dieser am Seil baumelt wie ein reifer Apfel. Er windet sich zappelnd in der Strangulation.
Der schwarze Junghund beobachtet das.
Er möchte hin, oder doch eigentlich auch nicht, die Szene kommt ihm sehr seltsam vor. Seine Halterin ist bemüht, ihn fortzuführen, er schaut sie fragend an und setzt sich abwartend auf den Hosenboden, denn diese Szene muss er studieren. Aber die kleine Frau dort kennt ihren kleine Pit, sie schreit, „er mag keine großen Hunde!“. Der Schwarze ist ein bisschen enttäuscht, denn zu einer Begrüßung ist es nicht gekommen. Langsam trollt er sich, nachdem er sich mehrmals nach dem fliegendem Hund ungeschaut hat.
Der fliegende Hund kommt gar nicht so selten vor.
Auch der kläffende Kleinhund ist nicht nur eine Klischee-Vorstellung. Die Hundehalter werden deshalb in der Gesellschaft häufig auch nicht geachtet. Und die Hundehalter leiden unter der Ächtung der Gesellschaft, denn so haben sie sich das nicht vorgestellt. Vorgestellt war, ein Hund, eng laufend am Bein seines Besitzers, anhaltend, wenn er anhält, aufschauend, treu, rücksichtsvoll. Wenn er noch die Zeitung tragen würde, und alle riefen, wie süß, wie toll, dann wäre die Welt in Ordnung. Doch die Welt sieht anders aus. Der Bello macht nicht, was er soll. Er lässt sich nicht abrichten als Schappi-Werbeträger. Er ist ein soziales Tier, er schaut sich das soziale Leben von seinem Menschen und den Hunden ab, die er trifft. Da helfen auch hunderte von Erziehungsratgebern nicht, die helfen bekanntlich auch nicht beim „schwierigen Kind“.
Der Hirnforscher Gerald Hüther hat uns Menschen gesagt, wie der Mensch lernt.
Selbst arte hat Herrn Hüther entdeckt und alle Wichtigen der Pressebranche. Eine gute Entdeckung, denn die Popularität des Herrn Hüther sollte man hoffen, bewirke das Nachdenken eines größeren Bevölkerungsanteils. Auch mir bestätigte der Hirnforscher, Erziehung ist an Emotion gekoppelt. Die Freude am Lernen sei der ausschlaggebende Prozess für eine heranreifende Persönlichkeit. Und Motivation sowie die Möglichkeit ohne Aufhebens Fehler zu machen. Irgendwie deckt sich das auf sinnvolle Weise mit der Hundeerziehung. Erziehung hat mit Be-ziehung zu tun, schreiben auch Grewe und Meyer.
Arroganz gegenüber Hundehaltern ist gänzlich unangebracht.
Es gibt gewisse Gegner der Hundehaltung, die meinen, ein Hund habe in der Stadt nichts zu suchen. Oder auf der Welt. Andere lehnen Hunde deswegen ab, weil diese nicht in eine Gesellschaft passen, die schließlich von Geld und Arbeit strukturiert ist. Für Manchen sei es ein Unding, wie man sich einen Hund halten könnte, sehe man nicht die Bedingungen der Gesellschaft? Es sei hier nur entgegnet, ob Mensch, ob Hund, wir leben in Beziehungen. Eine Gesellschaft, die sich allein am Markt orientiert, der ist das Sozialleben bereits abhanden gekommen, Beziehungslosigkeit bewegt dann den Alltag. Der Hund verdeutlicht uns unsere Defizite, das Nichtleben mit der Natur und die soziale Verarmung. Es reicht nicht aus, sich in sein Auto zu setzen, und zu sagen, hier bin ich Mensch hier darf ich sein, hier habe ich meine Ruhe. Wenn ich Natur haben will, fahre ich mit meinem Auto aufs Land. Doch was ist mit der Natur in der Stadt. Was geben wir der Stadt an Leben? Dem Hundehalter (in Stadt, Land und Dorf) sei gesagt, der fliegende Hund ist ein Tabu. Es gibt keine fliegenden Hunde in der Natur. Es gibt auch keine kleinen Hunde, die große Hunde per se nicht mögen. Es gibt aber das gestörte Sozialverhalten und die Beziehungslosigkeit mit Hund und Mensch. Das ist eine Tatsache, die nachdenkenswert erscheint. Ein Neujahrswunsch wäre an dieser Stelle angebracht, aber das können Sie sich ja jetzt selber denken.
