
- Franz F. in besseren Zeiten - Markus Jürgens
Über Zeitarbeit scheiden sich die Geister. Auf der einen Seite eine ziemlich unkomplizierte Art und Weise, um an ein Arbeitsverhältnis zu kommen. Andererseits ist man Arbeiter zweiter Klasse und verdient deutlich weniger Geld als Festangestellte.
In einer norddeutschen Großdruckerei fällt man als Zeitarbeiter schon äußerlich auf. Während das Firmenpersonal die Arbeitskleidung gestellt und gewaschen bekommt, muss man sie sich als Leiharbeiter selbst beschaffen. Somit sieht man in der Druckerei einige Arbeiter mit Arbeitskleidung von Chemie- und anderen Firmen. Auch haben die Firmenmitarbeiter einen eigenen Eingang, während der Leiharbeiter beim Pförtner rein muss. Den eigenen Angestellten ist es nach der Arbeit möglich zu duschen, den Leiharbeitern nicht. Die Firmenmitabeiter bekommen über eine Kantinenkarte rabattierte Verpflegung, während der Leiharbeiter sich hierfür eine Gästekarte beschaffen muss.
Doch all das kann einen als arbeitssuchenden Teil der Generation Praktikum nicht von der Arbeit abhalten. Mit eigenem Brot und Kaffee ausgerüstet ist man besser verpflegt und spart auch noch Geld. Duschen und Waschen kann man ja zuhause.
"Einarbeitung"
Die eigentliche Einarbeitung mit einem erfahrenen Hilfsarbeiter dauerte zwei Tage. Danach wurde Franz F. "ins kalte Wasser geworfen". An den Produktionsgeräten wurde er nicht eingearbeitet, von ihm wurde Arbeit verlangt, die er vorher nicht erklärt bekommen hatte. Passierte ein Fehler, gab es Ärger à la "Was machst du hier wieder für eine Scheiße?" oder "Beim nächsten Mal gibt's eins hinter die Löffel!"
Mobbing
So viel, so gut. Aber man will ja nicht als "Weichei" gelten und in der heutigen Zeit sind in der Arbeitswelt nun mal Durchhaltevermögen und Belastungsfähigkeit gefragt. So können einen auch permanente Titulierungen als "schwul" oder "Wichser" nicht beirren. Selbst einen Griff in die Weichteile und einen Klaps an den Kopf kann man ja als derben Spaß oder Berufshärte klassifizieren, als Akademiker ist Franz ja eventuell verweichlicht.
Erst als bekannt wird, dass die Zahl der Leiharbeiter in der Abteilung um zwei Kräfte reduziert werden soll, beginnt es wirklich unangenehm zu werden. Die arrivierten Kräfte fürchten nun um ihre Posten und finden in den Probekräften ein willkommenes Opfer. "So, die schwächsten Glieder in der Kette müssen nun weichen und du bist hier schon dumm aufgefallen!", raunzt Franz F. sein vorbestrafter ehemaliger "Ausbilder" an, und das um fünf Uhr während der Nachtschicht.
Schluss
Obwohl Franz sich eigentlich vorgenommen hatte, sechs Monate "durchzuziehen" wirft er nach neun Wochen entnervt das Handtuch. Wohl wissend, dass im selben Unternehmen Dutzende Leiharbeiter "scharf" auf seinen Job sind, da diese am Fließband für noch weniger Geld arbeiten und sich sogar als Frauen im Kasernenhofton behandeln lassen müssen.
