Geistige Aktivität könne keinen physikalischen Einfluss auf das Gehirn haben, galt es unter Neurowissenschaftlern mehr als ein Jahrhundert. Buddhistische Mönche aber waren schon Jahrtausende lang davon überzeugt, allein durch Kraft der Gedanken aktiv auf das Gehirn einwirken zu können. Durch Erkenntnisse moderner Untersuchungen müssen Hirnforscher vermehrt feststellen, dass die in orangen Gewändern gehüllten Mönche Recht haben.
Gehirn und Geist sind also ein und dasselbe, weiß die Wissenschaft von heute. René Descartes hatte sich im 17. Jahrhundert geirrt, als er meinte, Geist und Materie seien strikt getrennte Zustände.
Experimente bestätigen die Einwirkungen des Denkens auf das Gehirn
Ein interessanter Test bestätigt, dass die bloße Vorstellung Hirnreale vergrößern lässt: Der Hirnforscher Pascual-Leone ließ Freiwillige ein simples Klavierstück üben und untersuchte anschließend die entsprechend motorischen Regionen im Hirn der Probanden. Der Bereich, welcher für die Steuerung der Fingerbewegungen verantwortlich ist, vergrößerte sich.
Doch dann folgte das wirkliche Experiment. Andere Versuchspersonen sollten sich nur im Geiste vorstellen, das Klavierstück zu spielen. Und dann die erstaunliche Erkenntnis: Bei jenem Personenkreis veränderten sich genau die gleichen Hirnreale wie bei den tatsächlich Übenden. Somit ist bestätigt, allein mit dem Denken oder mit Hilfe geistigen Trainings Umwandlungen des Gehirns durch Veränderungen neuraler Schaltkreise zu bewirken. Wie das im Einzelnen genau geschieht, ist derzeit aber noch unklar.
Ein weiteres Beispiel für das Funktionieren der Neuroplastizität
Genauso verblüffend ist auch die Geschichte des Malers Esref Armagan, denn er ist von Geburt an blind. Trotzdem ist er fähig, realistische Bilder von Gebäuden und Landschaften zu erschaffen, die er nur aus Beschreibungen kennt.
Obwohl sein Sehareal nie einen externen visuellen Reiz empfing, ist jener Hirnbereich so aktiv wie bei einem Sehenden. Durch die Beschreibungen der Objekte, welche er auf Papier bringt, erkennt sein Gehirn also mentale Bilder. Die Vorstellungskraft bewirkt folglich Enormes.
Die Neuroplastizität birgt Potenzial für die Zukunft
Die Neuroplastizität ist hervorragend dafür geeignet, sie aktiv für Therapien bei psychisch Kranken nutzbar zu machen. Auch können so ganz einfach unangenehme Verhaltensweisen oder gar Süchte ausgemerzt werden.
Buddhisten, die imstande sind, sich lange Zeit auf nur einen Gedanken zu konzentrieren, wissen zum Beispiel, wie negative Gedanken überwunden werden können. Nämlich, indem sie die Gedanken überwinden, die ein Leid hervorrufen. Und genau das bewirkt ein Ändern der Schaltkreise im Gehirn, die diesen negativen Gedanken hervorrufen.
Doch erst wenn die positiven und negativen Auswirkungen der Neuroplastizität im medizinischen Sinne vollständig verstanden sind, ist das wirkliche Ausmaß der Möglichkeiten erkennbar, um sie dann effektiv anzuwenden.
In jedem Falle aber ist die Möglichkeit der Anwendung der Neuroplastizität ein bewusster Akt der Evolution, um sich den Anforderungen der Umwelt anpassen zu können und seine individuelle Entwicklung der Persönlichkeit in Angriff zu nehmen.
