
- Britisches Erbe und Maori-Kultur vereint - Neuseeland
Folgt man Medienberichten, ist das Bild Neuseelands vor allem von Naturkatastrophen wie dem verheerenden Erdbeben in Christchurch im September 2010 oder anderem Unglück geprägt: Bei der Explosion einer Mine bei Greymouth auf der neuseeländischen Südinsel kamen 29 Arbeiter der Pike River Coal Mine ums Leben und können noch immer nicht geborgen werden. Neuseelands Lage umgeben von pazifischem Ozean und tasmanischem Meer macht es zu einer geographisch abgeschiedenen Nation, von der man außer in Reiseberichten über die Schönheit der Natur nur selten etwas zu hören bekommt. Diese hat es zweifellos zu bieten. Von Fjorden und Gletschern im Süden bis hin zu Urwäldern, schwarzen Vulkanstränden und weißen Sand- und Felsbuchten auf der Nordinsel des Landes – Neuseeland scheint alle landschaftlichen Variationen zu vereinen. Aber wer sind die Menschen, die dieses Land bewohnen? Woher kamen sie ganz am Anfang – vor tausend Jahren, so lange zurückliegend wird in etwa der Beginn der Besiedlung des Landes durch Bewohner Polynesiens geschätzt – und was ist aus diesen ersten Siedlern geworden? Die Nachkommen der ersten Ankömmlinge, die Neuseeland wahrscheinlich von den Cook Islands, Tahiti und den Marquesas erreichten, werden als die Begründer der Maori-Kultur vermutet. Diese hält der voranschreitenden europäischen Besiedlung seit jeher Stand. „Maori“ ist neben Englisch offizielle Landessprache und die Maori-Partei erhält auch 2011 wieder 5 Parlamentssitze.
Die Verwandlung Neuseelands - Von „Staten Landt“ zum Immigrantenmagnet
Der niederländische Seefahrer Abel Janszoon Tasman war 1642 der erste Europäer, der von Batavia, dem heutigen Jakarta, aus segelnd an die Küste Neuseelands stieß. Nach einer blutigen Auseinandersetzung eines seiner Begleitschiffe und einem Maori-Kanu nannte er den Ort der Zusammenkunft „Murderers Bay“ und das entdeckte Land „Staten Landt“, da er eine Verbindung zwischen der Insel und dem schon zuvor von Jacob Le Maire entdeckten Staten Landt nahe des chilenischen Cape Horn vermutete. Diese Annahme konnte widerlegt und der Insel somit der Name „Nieuw Zeeland“- nach dem niederländischen Seegebiet Zeeland - zugeteilt werden, wie auch schon die Bezeichnung „New Holland“ für Australien entstanden war. Erst 127 Jahre später wurde Neuseeland wieder von Europäern angefahren: James Cook und Jean de Surville umrundeten die beiden Inseln auf der „Endeavour“, deren Nachbildung seit 1970 im Russel Museum der Bay of Islands bestaunt werden kann. Nach dem dortigen Aufbau einer ersten europäischen Einsatzstation 1814, die unter anderem Walfängerschiffen eine willkommene Anlegestelle zur Ruhepause bot, bildeten sich durch den Handel von Flachs und Holz bald kleine gemeinsame Siedlungen von Maori und Europäern. So kamen die Maori auch in ersten Kontakt mit Waffen, was ihnen in den „musket wars“ von 1818-1836 zum Verhängnis wurde. Stämme mit Waffen bekämpften diejenigen ohne, bis es wohl zu einer etwa gleichen Waffenverteilung kam. Über 20.000 Maori hatten in den Kriegen ihr Leben gelassen; viele Gefangene wurden auch Opfer des von den Maori damals noch praktizierten Kannibalismus.
Da die Maori bis dahin jedoch von der europäischen Besiedlung auch profitierten – so brachte sie ihnen Schweine und Hühner, welche auf der Insel ohne eigene Säugetiere außer Fledermäusen ein willkommenes Nahrungsmittel waren – akzeptierten sie 1840 die britische Autorität. Die Oberhäupter von 40 Maori-Stämmen versammelten sich zur Unterzeichnung des Vertrages von Waitangi, der ihnen Recht auf die Verwaltung des Landes und Erhalt ihrer Kultur zusprach. Dass die Regierung Neuseelands jedoch Sache der Briten war, hatten die Maori so nicht verstanden und verfolgten eine andere Auffassung des Vertrages. Trotz einer späteren Aufklärung der Missverständnisse dauert die Versöhnung von Maori und der britischen Krone noch bis heute im Rahmen des „Waitangi Tribunals“ an.
Der Einfluss der Maori ist heute aber lange nicht mehr nur anhand von Städtenamen wie Tauranga, Rotorua oder Wanaka wahrnehmbar. Die neuseeländische Gesellschaft ist ein bunter Mix von Kulturen, von denen sich 2008 fünfzehn Prozent als volle Maori bezeichneten. Trotz ihrer häufigen Tätowierungen fallen die Maori auch in der größten neuseeländischen Stadt Auckland nicht auf: Junge Asiaten prägen das Stadtbild auf den Straßen, an Universitäten und mit ihren Restaurants und Souvenirshops ebenso wie europäischstämmige „Kiwis“, wie sich die Bewohner des Landes selbst nennen. Was ist denn dann der „typische Neuseeländer“? Auf jeden Fall jemand, der die Linie seiner Vorfahren nicht lange im eigenen Land verfolgen kann. Auch wenn viele Produkte einen „proudly New Zealand made“-Banner tragen – Menschen jeder Herkunft sind hier in allen Lebens- und Arbeitsbereichen vertreten und gesellschaftliches Ansehen ist wie in kaum einem anderen Land von der Nationalität unabhängig. Kein Wunder, dass 2010 wieder rund 20.000 Immigranten aus Großbritannien, Indien, China und Deutschland das „Ende der Welt“ als neues Zuhause gewählt haben.
Neuseeland heute – Modernität und Geschichte im Einklang
Seit seiner Unabhängigkeit 1947 hat Neuseeland eine selbstbewusste Einstellung bezüglich Naturschutz, kulturellem Erbe und wirtschaftlicher Entwicklung entfaltet und große Offenheit im Bereich gesellschaftlicher Akzeptanz vorangetrieben. Noch bis 1950 verbot ein Gesetz Farmern „aus moralischen Gründen“, ihr Vieh auf Weiden begatten zu lassen, die an öffentliche Straßen grenzten. Eine weitaus tolerantere Mentalität zeigte Neuseeland 1999, als mit Georgina Beyer das weltweit erste transsexuelle Parlamentsmitglied gewählt wurde.
Touristen, deren Zahl mittlerweile auf rund 2 Millionen pro Jahr angestiegen ist, werden landesweit vom Department of Conservation auf Möglichkeiten zum Erhalt des Natur- und Kulturerbes aufmerksam gemacht und zu Achtsamkeit angehalten. Allein die Stadt Auckland erhält 26 Regional Parks, die als fast unberührte Naturparadiese von Besuchern genossen werden können. Für die Einhaltung seiner lobenswert stringenten Anti-Atompolitik widersetzte sich Neuseeland dem ANZUS-Abkommen mit den USA und ist deshalb nicht länger volles Mitglied des Pazifikpaktes. Wirtschaftlich betrachtet zeigt sich Neuseeland nicht nur im regen Export von Milchprodukten, Fleisch, Wolle und der berühmten Kiwifrucht ambitioniert – es hat neben der Mitgliedschaft in GATT und APEC auch als erstes Industrieland ein Freihandelsabkommen mit China unterzeichnet. Seine Kultur und Geschichte pflegt es trotz aller modernen Einflüsse. So wird am 6. Februar 2011 wieder landesweit das Jubiläum des „Waitangi Days“ gefeiert – und live auf Maori TV übertragen.
