
- Kinder treten gegen Armut auf - UN Photo/Eskinder Debebe
Pflichtgemäß wie alle Jahre wieder hat die Gemeinschaftsaktion von BILD und ZDF ihr vorweihnachtlich erwärmtes Herz für Kinder geöffnet und am Fernsehabend des 18. Dezember 2010 ein neues Rekordergebnis an wohlgemeinten Spenden eingefahren. Wer denkt da schon daran, dass relativ wohlhabende Länder wie Italien, die USA, Griechenland, Belgien und Großbritannien ein Liste von zwei Dutzend entwickelter Staaten anführen, die ihre am härtesten von Armut betroffenen Kinder immer weiter zurückfallen lassen. Das hat einem neuen Bericht des UNO-Kinderhilfswerkes UNICEF zufolge nicht nur verheerende Konsequenzen für die Mädchen und Jungen selbst, sondern auch für die Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt.
Nur wenige Länder kümmern sich intensiv um die Jüngsten
“Während in den Parlamenten Debatten um Sparmaßnahmen und beschnittene Sozialausgaben entbrennen, wirft der Bericht ein Schlaglicht auf das Risiko jener hunderttausender Kinder, in den reichsten Ländern der Welt weiter zurückgelassen zu werden”, sagte Gordon Alexander, Direktor des UNICEF Innocenti-Forschungszentrums. Sehr behutsam und intensiv kümmern sich hingegen Dänemark, Finnland, Irland, die Schweiz und Holland, die als positive Spitzenreiter die Studie anführen, um ihre sozial benachteiligten Kinder.
Diese Unterschiede müssten nicht sein, erklärte Alexander, denn die angelegten Maßstäbe basieren nicht auf einem theoretischen Ideal für größere Gerechtigkeit, sondern auf dem, was einige Mitgliedsstaaten der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bereits erreicht haben.
Ökonomischer Abschwung trifft Kinder am härtesten
Die Studie, die unter dem Titel “Bericht-Karte 9: Die vernachlässigten Kinder” veröffentlicht wurde, bewertet zum ersten Mal 24 der 31 führenden OECD-Industrieländer hinsichtlich der Gleichbehandlung von Kindern bei der gesundheitlichen Betreuung, der Bildung und des materiellen Wohlstands. Besonderes Augenmerk wurde dabei auf die offensichtliche Ungleichheit der unterprivilegierten Kinder gelegt.
Da viele Daten aus der Zeit vor der Wirtschaftskrise stammen, nennt der Bericht seine Ergebnisse einen „Schnappschuß aus guten Zeiten“ und warnt davor, dass die Konsequenzen eines ökonomischen Abschwungs die schwächsten Familien und deren Kinder am härtesten treffen.
“In harten Zeiten sollten die ärmsten Kinder die ersten sein, die Schutz genießen und nicht die letzten, die Beachtung finden”, heißt es in der Erhebung. „Ein Kind hat nur eine Chance, seinen Geist und Körper normal zu entwickeln. Es ist daher eine vorrangige Verantwortung der Regierungen, diese Chance zu erhalten – in schlechten und in guten Zeiten“.
Geringe Fürsorge für Kinder bringt Schaden für gesamte Gesellschaft
Hunderte von Analysen in OECD-Staaten haben gezeigt, dass zu stark reduzierte Ausgaben für Kinder die Wahrscheinlichkeit für mangelnde Ernährung, geringere schulische Ausbildung, chronischen Stress für die Kinder und deren beeinträchtigte Entwicklung einschließen. Diese lange Liste von Problemen geht letztendlich auf Kosten der gesamten Gesellschaft. Deshalb hebt der Bericht hervor, dass Unterschichten-Vernachlässigung zu einer Rechnung führt, die bald dem Steuerzahler in Form höherer Anforderungen an Gesundheits- und Krankenhausleistungen, Nachhilfeunterricht oder Sozialausgaben präsentiert wird.
An Beispielen zeigt die Untersuchung wie einige Länder Familienboni und Steuererleichterungen nutzen, um die Kluft von Kinderungleichheit und Armut zu schließen. Durch die richtigen politischen Entscheidungen kann das Problem abgeschwächt werden, ohne Effektivität und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu opfern.
Erfolge zum Wohl der Kinder zeigen Möglichkeiten für alle Länder
Die 24 OECD-Staaten, die miteinander verglichen wurden, sind alle hoch entwickelte Nationen mit ähnlich großer Kapazität, die Kinderarmut einzuschränken. Dabei zeigt die Tatsache, dass einige dieser Länder besser mit den Problemen der schwächsten Glieder ihrer Gesellschaft umgehen als andere, dass die Ungleichheit überwunden werden kann. Vor allem, wenn die Anfänge des Ausschlusses einiger Gruppen zeitig erkannt werden, kann man Maßnahmen einleiten, um einen tiefen Fall zu verhindern. Die Unterschiede, die der Bericht zwischen einzelnen Ländern aufdeckt, bieten realistische Möglichkeiten für eine Verbesserung der Situation.
Zusätzlich zur Identifizierung jener Länder, die auf dem Weg der Chancengleichheit und des Wohlbefindens von Kindern führen, und jenen, die ihre Kinder weiter zurücklassen, fand die Studie auch heraus, dass die Schweiz die geringsten Unterschiede in der materiellen Versorgung zulässt, dicht gefolgt von Island und Holland. Die größten Unterschiede zwischen armen und reichen Kindern wurden dagegen in der Slowakei, den USA und Ungarn registriert. Auch sind die Bildungsunterschiede (Lesen, Mathematik und naturwissenschaftliche Kenntnisse) in Finnland, Irland und Kanada am geringsten, wogegen sie in Belgien, Frankreich und Österreich besonders deutlich ausfallen.
Datenmangel zu Gesundheit, Bildung und Wohlstand von Kindern
Darüber hinaus stellte die Erhebung fest, dass in den Niederlanden sowie in Norwegen und Portugal die Unterschiede in der gesundheitlichen Betreuung von armen und reichen Kindern relativ gering sind, jedoch in Ungarn, Italien und den USA deutliche Differenzen bestehen.
Insgesamt wurden Österreich, Belgien, Kanada, Tschechien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Ungarn, Island, Irland, Italien, Luxemburg, Holland, Norwegen, Polen, Portugal, die Slowakei, Spanien, Schweden, die Schweiz, Großbritannien und die USA in der Studie bewertet. Sieben weitere OECD-Staaten – Australien, Chile, Japan, Mexiko, Neuseeland, Südkorea und die Türkei – finden sich auch in dem Bericht, erhielten jedoch keine Platzierung, da sie nicht ausreichend Datenmaterial für zumindest eine der drei verglichenen Kategorien (Gesundheit, Bildung, materielle Situation) zur Verfügung stellen konnten.
