
- Nadja Uhl in Nicht alle waren Mörder - © ARD/SWR
Am 25. Januar 2011 zeigt der SWR um 22.30 Uhr den sehenswerten und mit mehreren Preisen ausgezeichneten Film „Nicht alle waren Mörder“. Das Drehbuch von Jo Baier entstand nach den Erinnerungen von Michael Degen. Das viel gelobte Buch erschien 1999.
Jo Baier fürchtete das Urteil Michael Degens
Selten war Jo Baier so nervös. Der vielfach preisgekrönte Regisseur, der mit „Stauffenberg“ bestes Qualitätsfernsehen schuf, präsentierte in München erstmals seinen Film „Nicht alle waren Mörder“. Im Publikum saß ein Mann, dessen Urteil er fürchtete: Michael Degen.
Der 74-jährige Schauspieler ist der Held des Films, obwohl er gar nicht mitspielt. Aber es geht um seine Kindheitsgeschichte, die er vor sieben Jahren niedergeschrieben hat. Es ist die dramatische Geschichte seiner gemeinsamen Flucht mit seiner Mutter vor den Nazis.
Das Versteckspiel begann im Frühjahr 1943 für den damals elfjährigen jüdischen Jungen. An einem Morgen im März holt die SS die Berliner Juden aus den Häusern. Anna Degen (Nadja Uhl) und ihr Sohn Michael (Aaron Altaras) reißen sich die Judensterne ab und fliehen, um der drohenden Deportation ins Vernichtungslager zu entgehen. Der Vater war bereits drei Jahre zuvor an den Folgen seiner KZ-Inhaftierung gestorben.
Abenteuerliche Odyssee durch Berlin
Für Mutter und Sohn beginnt eine abenteuerliche Odyssee quer durch Berlin. Es ist eine Zeit der Ungewissheit und der Angst. Durch die Hilfe einer Freundin finden sie Unterschlupf bei einer russischen Emigrantin. Ludmilla Dimitrieff (Hannelore Elsner) lässt sich ihre Hilfe gut bezahlen. Nachts nähert sie sich dem Jungen, ohne dass seine Mutter davon erfährt.
Als die Wohnung ausgebombt wird, müssen sie sich ein neues Versteck suchen. Keine Unterkunft bietet dauerhaft Sicherheit. Mutter und Sohn vertrauen sich Fremden an, fürchten aber ständig Verrat. Mal landen sie in einem Privatbordell, dann bei einem Kommunisten. Ein anderer hilft, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, weil er Juden in Deportationszügen nach Polen transportiert hat. Selbstlos handeln nur wenige.
Helden des Alltags – Sympathie für die Außenseiter
Trotzdem: Die kleinen Leute, die zu Helden des Alltags werden – das ist ein wichtiges Motiv für Regisseur Jo Baier: „Der Widerstand und der Mut dieser Menschen interessieren mich. Meine Sympathie gehört den Außenseitern, die sich trauen, gegen den Strom zu schwimmen.“
Es geht um die Perspektive der Opfer, aber eben auch um Zivilcourage. Der Historiker und Fachberater Dr. Peter Steinbach sieht darin ein noch offenes Feld der historischen Forschung. In den 50er Jahren legte der Bundesgerichtshof fest, dass nur Taten aus dem Zentrum der Macht als Widerstand gelten, die den Umsturz des politischen Systems anstreben. Die Hilfe der „stillen Helden“ wurde dadurch entwertet.
Es geht nicht um Aufrechnung der Schuld
„Nicht alle waren Mörder“ ist ein wichtiger Beitrag zur späten Würdigung dieser Taten. Allerdings soll der Titel die Schuld der Täter nicht relativieren, wie Jo Baier betont: „Der Titel ist gefährlich. Aber mir wird sicher niemand einen Versuch der Aufrechnung unterstellen. Es gibt für die vielen Verbrecher, die Unrecht und Mord begangen haben, kein Gegengewicht.“
So sieht das auch Professor Steinbach: „Die Widerstandsgeschichte relativiert nicht die Verantwortung der deutschen Täter.“ Doch die helfenden Menschen zeigen, dass es einen Handlungsspielraum und Alternativen zu Anpassung und Mitläufertum gab – auch wenn das ein gefährlicher Weg war. „Für Michael Degen sind die wenigen Menschen, die ihm geholfen haben, wichtiger als die vielen, die es nicht getan haben“, sagt Steinbach, der auch Fachberater des Film „Die Flucht“ mit Maria Furtwängler ist.
Michael Degens Qual der Erinnerung
Für Degen war es eine Qual seine Erinnerungen aufzuschreiben, weil längst vergessen geglaubte Leiden wieder lebendig wurden. Auch der Film ersparte ihm das nicht. Zwar führte er während der Dreharbeiten Gespräche mit Baier und las auch dessen Drehbuch, eingegriffen hat er aber nie: „Das sollte man einem Regisseur nicht antun.“
Trotzdem fürchtete Jo Baier, er könne Degens Urteil nicht gerecht werden. Aber als der Film nach der ersten Vorführung zu Ende war, stand Degen mit Tränen in den Augen auf und umarmte den Regisseur minutenlang. Was Baier nicht wusste: Degen war von Anfang an glücklich mit ihm: „Einen besseren Regisseur hätte ich mir nicht vorstellen können.“
Nadja Uhl erinnerte Degen an seine Mutter
Auch die Hauptdarsteller Nadja Uhl und der kleine Aaron Altaras bestanden vor seinem kritischen Blick: „Nadja hat sich meiner Mutter erstaunlich angenähert.“ Als Mutter und Sohn in einer Szene auf der Flucht vor der SS aus einem Fenster springen müssen, kann es Degen kaum fassen: „In dem Moment dachte ich: Das sind ja wirklich wir.“
Nicht alle waren Mörder, Deutschland 2006
Buch und Regie
Jo Baier
Darsteller:
Aaron Altaras: Michael Degen
Nadja Uhl: Anna Degen
Hannelore Elsner: Ludmilla Dimitrieff
Dagmar Manzel: Martchen Schewe
Katharina Thalbach: Oma Teuber
Maria Simon: Lona
Richy Müller: Karl Hotze
Axel Prahl: Erwin Redlich
Martin Stührk: Rolf Redlich
Merab Ninidze: Russischer Offizier
Steffi Kühnert: Käthe
