Nicht erkannte Hochbegabung schafft Verwirrung

Dr. Jürgen vom Scheidt - Christa Kaddar
Dr. Jürgen vom Scheidt - Christa Kaddar
Der Psychologe und Buchautor Dr. Jürgen vom Scheidt widmet sich vor allem erwachsenen Hochbegabten und Spätentwicklern.

„Ich vermute, dass viele Hochbegabte nicht wissen, dass sie hochbegabt sind“, sagte Jürgen vom Scheidt, Psychologe und Buchautor, der im Salon im Fachwerk in Eltville-Martinsthal zum Thema Hochbegabung referierte. „und viele Eltern hochbegabter Kinder wissen nicht, dass sie selbst hochbegabt sind.“ Er ist sich sicher: „Ein schnelles Gehirn wird vererbt.“ Auch ein normal begabtes Kind könne hohe Leistungen vollbringen, wenn es gefördert werde. „Das Wesentliche passiert in den ersten Wochen und Monaten, wenn eine Mutter da ist, die sich kümmert.“ Ob ein junger hochbegabter Mensch sich zum Wunderkind oder zum Leistungsverweigerer entwickelt, hängt von vielen elterlichen, gesellschaftlichen und vor allem auch schulischen Faktoren ab.

Hochzivilisationen sind Hochbegabtenzivilisationen

„Lange Zeit waren Kraft und Intelligenz das, was man brauchte, um gut durchs Leben zu kommen“, erläuterte vom Scheidt. „Hochzivilisationen könnte man auch als Hochbegabtenzivilisationen bezeichnen.“ Man gehe davon aus, dass in Deutschland drei Prozent der Bevölkerung hochbegabt seien, also rund 2,4 Millionen Menschen. Dass Hochbegabung nicht unbedingt zum Lebensglück beiträgt, wurde an diesem Abend sehr deutlich, gibt es doch auch Beispiele „lebensuntüchtiger“ Hochbegabter – Menschen deren Hochbegabung nicht in die richtigen Bahnen gelenkt wurde und die infolgedessen auf der Sonderschule, in der Psychiatrie oder im Gefängnis landeten. „Nicht adäquat geförderte und insbesondere nicht erkannte Hochbegabung schafft Verwirrung. Der betroffene Mensch ist unsicher und sucht unter Umständen sein ganzes Leben lang nach dem Sinn seiner Existenz“, schreibt Jürgen vom Scheidt in seinem Buch „Das Drama der Hochbegabten - Zwischen Genie und Leistungsverweigerung“.

Hochbegabung sollte mit einer gewissen sozialen Kompetenz einhergehen

An diesem Abend wurde rege diskutiert und es wurde deutlich, dass manch ein Gast sich klarere Aussagen zum Thema Hochbegabung gewünscht hätte. Doch die konnte Jürgen vom Scheidt nicht liefern. „Hochbegabung hat so viele Gesichter wie es Hochbegabte gibt“, betonte er. Hochbegabte können große Wohltäter, aber auch raffinierte Verbrecher sein. „Hochbegabung ist vermutlich ein Verstärker – im Guten wie im Bösen.“ Mit den Salongästen kam er überein: „Für ein gelingendes Leben sollte Hochbegabung mit einer gewissen sozialen Kompetenz und einer ethischen Haltung einhergehen.“

Dr. Jürgen vom Scheidt arbeitet vor allem mit erwachsenen Hochbegabten und sogenannten Spätentwicklern. Schon in seinen früheren Büchern hat er Anleitungen zum kreativen Schreiben veröffentlicht, und genau diese Methode setzt er heute in Seminaren ein, um Erwachsenen – ob hochbegabt oder nicht – einen Weg zu noch unentdeckten Talenten und Fähigkeiten zu öffnen. In seinem Buch „Das Drama der Hochbegabten“ geht er auf die besondere Bedeutung des Schreibens ein. Im Vorwort schreibt er: „Dass ich das Schreiben als hauptsächliche Hilfe für blockierte Talente vorschlage, hat seinen Grund darin, dass ich und meine Frau Ruth Zenhäusern in jahrzehntelanger Arbeit mit Schreib-Seminaren fast 2.600 Menschen begleitet haben, die Schritt für Schritt ihr Schreibtalent entdecken und entwickeln konnten, dabei außerdem noch andere Talente ausgruben und vor allem viel neue Lebensqualität in Form von mehr Zufriedenheit fanden.“ Weitere Themen in dem umfangreichen Taschenbuch sind das „Panorama der Begabungen“, „Neun Wege der Forschung“ oder „Tools für Talente“.

Jürgen vom Scheidt: Das Drama der Hochbegabten - Zwischen Genie und Leistungsverweigerung. Piper-Taschenbuch, 360 Seiten. 9,95 Euro.

Christa Kaddar, Christa Kaddar

Christa Kaddar - Christa Kaddar ist freie Journalistin und Fotoreporterin. Als freie Mitarbeiterin der Redaktion des Rheingau Echos und der Gesellschaft ...

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