Nicht nur bei den Inuits gibt es mehr als 40 Wörter für "Schnee"

Ein verbreiteter Mythos besagt, Eskimos hätten mehr als 40 Wörter für den "Schnee". Hierbei wird aber weder die Kultur noch das Sprachsystem beachtet.

Vor allem im Winter wird das Thema „Kälte“ und „Schnee“ immer öfter angesprochen. Nicht selten kommt man so darauf, den altbekannten Mythus anzuführen, dass die Eskimos, oder Inuits wie sie heute besser nach einem ihrer Stämme genannt werden, etliche Wörter für das deutsche Wort „Schnee“ besitzen. Als Erster hatte Franz Boas diese Aussage 1911 ins Leben gerufen. Um seine These zu begründen, dass die Menschen mithilfe der Sprache die Welt und ihre Lebensumgebung verschieden klassifizieren, führte er vier Begriffe der Inuits an, die Klassifizierungen des Schnees ausdrücken sollten. Knapp dreißig Jahre später nahm Whorf das Thema auf und erhöhte die Zahl auf sieben. Seitdem wurde die Anzahl der Wörter immer weiter in die Höhe getrieben, so dass heutzutage von 40, 70 oder sogar über 100 Synonymen die Rede ist.

Die Glaubwürdigkeit erhält Mythen aufrecht

Die Glaubwürdigkeit dieses Mythos wurde durch das Bild, welches in Deutschland über die Inuits existiert, gestützt. So war leicht vorstellbar, dass für Menschen, die im Schnee leben, dieser eine wichtigere Rolle spielt als für die Einwohner Deutschland beispielsweise, die ausschließlich im Winter mit dem Schnee konfrontiert werden. Weil Inuits sich tagtäglich mit jenem auseinandersetzen müssen und diesen daher eventuell auch in seinen Unterschieden besser kennen, wäre es naheliegend, dass sie die verschiedenen Sorten auch unterschiedlich benennen. Das oft nicht ausreichende Wissen über jene Kultur sorgte somit zur Aufrechterhaltung des Mythos und seiner Glaubwürdigkeit.

Kritik am Mythos

Der Mythos muss mindestens auf zwei Aspekte hin untersucht werden: Zum einen ist vorweg zu nehmen, dass es keine Sprachgemeinschaft „Die Eskimos“ gibt. Was unter diese Bezeichnung fällt, sind viele unterschiedliche arktische Völker, zu welchen auch die Inuits gehören, und die insgesamt fünf verschiedene Sprachen sprechen. Von einer gemeinsamen Sprache der „Eskimos“ zu sprechen, ist somit der erste Irrtum, der sich in der Aussage verbirgt. Des Weiteren sollte beachtet werden, dass diese Sprachen der antarktischen Völker ein anderes System aufweisen als die indogermanischen Sprachen. Sie werden als polysynthetische Sprachen bezeichnet und dadurch charakterisiert, dass sie sehr umschreibend sind. Das bedeutet, es sind wenige Grundwörter vorhanden, welche zusammengefügt ein neues Wort ergeben, die Umschreibungen verschmelzen also zu einem neuen Wort.

In allen Sprachen gibt es etliche Wörter für „Schnee“

Zu Vergleichen ist dieses Zusammensetzen mit den Komposita im Deutschen: Ein Gemisch aus „Schnee“ und „Matsch“ wird so zum „Schneematsch“. Im Deutschen allerdings, finden nicht alle Umschreibungen durch Komposita statt. Ebenso werden Adjektive hinzugefügt, was zum Beispiel den „fallenden Schnee“ entstehen lässt oder Nebensätze gebildet. Besonders beliebt hierfür ist der Relativsatz. Er kann den Schnee wie folgt näher beschreiben: „Der Schnee, der auf der Wiese liegt.“ In den Sprachen der antarktischen Völker verhelfen Affixe zur Umschreibung, so dass Beschreibungen, die in den indogermanischen Sprachen durch Sätze ausgedrückt werden, in jener Sprache wie ein einzelnes Wort aussehen. Von unser Sprache ausgegangen, sind es strenggenommen aber keine Wörter, sondern Sätze.

Insgesamt haben auch die Inuit nur zwei Grundwörter für „Schnee“, nämlich „qanik“ für die fallenden Schneeflocken und „aput“ für den schon gefallenen Schnee. Der Irrtum Boas lag auch im Vergleich, denn in anderen Sprachen sind ebenfalls verschiedene Synonyme für Schnee vorhanden. Im Deutschen findet man so noch den Firn, wie auch den nicht so häufig genutzten Harsch und Sulz. Was in der Antarktis nun mit den zwei Grundwörtern gemacht wird, kann auch in der deutschen Sprache vollzogen werden, nur mit dem feinen Unterschied, dass die Umschreibung „Schnee, der gerade auf die Fensterbank gefallen ist und nun anfängt zu schmelzen“ eben nicht ein Einzelwort ist. Die Vorgehensweise und die Bedeutung bleibt aber dieselbe. Somit können mit der deutschen Sprache genauso viele Umschreibungen entstehen wie in der Sprache der Inuits, sie unterscheiden sich bloß in der grafischen Darstellung. Die Grundwörter für „Schnee“ bleiben dabei auf wenige beschränkt. Dieses System ist auch auf zumindest alle anderen Substantive anzuwenden.

Quellen:

Santana Overath - Seit 2008 studiere ich an der Universität Mannheim das Kernfach Germanistik und das Beifach Hispanistik. Mein vorausgesehener ...

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