Nicki Liszta, backsteinhaus produktion – "zwischen häuten"

Kein Ballett - Tanztheater: Liszta zwischen häuten - mpranalli/PhotoXPress.com
Kein Ballett - Tanztheater: Liszta zwischen häuten - mpranalli/PhotoXPress.com
Das Tanztheater-Stück - eine mal bissige, mal heitere Charakterstudie - wurde mit dem Stuttgarter Theaterpreis 2008 ausgezeichnet. 2010 im Rennen: "Avatar".

Drei Frauen leben in einer WG zusammen. Doch wo kein Miteinander, da zwangsläufig ein Nebeneinander, wie schon in der ersten Aufstellung verdeutlicht wird. Diese Prämisse wird das gesamte Tanztheaterstück "zwischen häuten" prägen, das in vielerlei Hinsicht mit frischen Ideen aufwartet.

Ohne zu viel zu verraten: Wasser wird gegen Ende der Inszenierung von Nicki Liszta (Konzept, Idee, Choreografie) und Kaspar Wimberley (Szenografie) eine tragende Rolle spielen und dem ohnehin vitalen, an Überraschungen reichen Plot nicht nur bissigen Witz, sondern auch noch mehr buchstäblichen Tiefgang verleihen.

Nicki Lisztas Tanztheater-Stück "zwischen häuten" – die Ausgangslage

Schon die erste Minuten in "zwischen häuten" sprechen eine deutliche Sprache. Jede der Protagonistinnen (Isabelle Gatterburg, Dimitra Kolokouri, Ineke Wolters) sitzt in ihrer Ecke, scheinbar jede Sekunde bereit loszuschlagen. Es ist eine Konfrontation ohne Zusammenprall. Doch wie lange noch? Die eisige Distanz zwischen den Charakteren scheint trotz der räumlichen Nähe zueinander kaum überwindbar. Sie ist anfangs nur durch das Hochhalten von Schildern zu überbrücken. Darauf stehen Behauptungen, Charakterisierungen, unausgesprochene Wahrheiten wie "Sie masturbiert fünf Mal am Tag", "Ich bin das, was sie von mir erwarten", "Ich habe ihre Zahnbürste benutzt (um damit die Toilette zu putzen)". Doch zu einer echten Aussprache kommt es nicht.

Getanztes Ringen um die Stellung im vertrackten Beziehungsgeflecht

Eine der Frauen löst sich, um ein Abendessen vorzubereiten, zu dem am Ende doch niemand kommen wird. Es steht wie ein Symbol für die Langeweile und Abstumpfung inmitten der gemeinsamen Einsamkeit. Die anderen ringen zunächst allein um ihre Stellung innerhalb des Beziehungsgeflechts, das später auch in anderen Paarungen aufgedröselt wird. Die Bewegungen – oftmals ruppig, stark, fast schon gewaltsam, mit teils latentem sexuellen Unterton ausgeführt – bilden einen Kontrast zum emotionslosen Gesichtsausdruck der Tänzerinnen. Als ob das Körperliche über die Gefühle siegen könnte.

Teils werden die Bilder durch das Flohmarkttrio – Thorge Pries (Percussion), Heiko Giering (Saxofon/Flöte), Georg Bomhard (Bass) – mit Live-Jazz musikalisch untermalt, doch immer wieder überwiegt in diesem Stück auch die Stille. Gerade letztgenannte Szenen dürften sich umso stärker in das Gedächtnis der Zuschauer einbrennen.

Alltägliche Dramen, in "zwischen häuten" reizvoll tänzerisch und schauspielerisch aufbereitet

Ganz klar: Leichte Kost darf man bei Nicki Lisztas Choreografie "zwischen häuten" nicht erwarten, vielmehr eine packende Studie dreier Individuen, zwischen denen jede Annäherung scheitert. Dennoch hat "zwischen häuten" auch seine leichten, schwarzhumorigen Seiten, die gefallen, ohne gefällig zu sein. Die Überzeichnung der Charaktere, der teils abstruse Einsatz der Requisiten und das Spiel mit der Erwartungshaltung des Publikums wird immer wieder auf die Spitze getrieben. Die Story schlägt dadurch unvorhersehbare Wendungen ein, bleibt kurzweilig und weit weniger anstrengend, als man angesichts der Materie denken könnte.

Stuttgarter Theaterpreis für Nicki Liszta – "zwischen häuten" 2008 ausgezeichnet

Nicki Liszta wurde für ihr Stück "zwischen häuten" 2008 mit dem renommierten Stuttgarter Theaterpreis ausgezeichnet. 2010 ist sie erneut im Wettbewerb. Nominiert ist "avatar" (Nicki Liszta, backsteinhaus produktion, Stuttgart), das natürlich nichts mit James Camerons 3D-Spektakel "Avatar – Aufbruch nach Pandora" zu tun hat. Die Choreografie dreht sich um Identitätsfindung im realen und virtuellen Raum... ein Thema, das auch von Johannes Wieland stammen könnte, der sich in seinen Produktionen ebenfalls immer wieder mit der menschlichen Psyche, Selbstfindung und Kommunikation befasst. Ob Nicki Lisztas "avatar" den Stuttgarter Theaterpreis 2010 gewinnt, steht am 11.12.2010 fest.

Elisa Reznicek - Ich interessiere mich für die unterschiedlichsten Themenbereiche und möchte immer noch etwas mehr wissen. Wenn am Ende dabei ein ...

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