Lorenzo ist nicht wie die anderen. Nach einem schwierigen Lernprozess hat er gelernt das ziemlich gut zu verbergen, hat sich eine Art soziale Mimikry zugelegt, mit der er einigermaßen unbeschadet durchs Leben und die Schule kommt. In Wirklichkeit ist Lorenzo am liebsten allein, allenfalls mit seiner Mutter, dem Vater und seiner Großmutter „Nonna Laura“ beisammen. Ansonsten vergräbt er sich in seiner Welt aus Träumen, Playstation und Stephen King.

„Du und ich“ ist das Psychogramm eines Kindes mit autistischen Zügen

Lorenzo will für sich allein sein. Gelingt ihm das nicht und jemand tritt ihm zu nahe, dann sieht er rot und schlägt unkontrolliert um sich. Als er einen Klassenkameraden dabei verletzt, wird man auch in der Schule auf ihn aufmerksam, kontaktiert die Eltern und die bringen ihn zu einem Psychologen. Dieser attestiert Lorenzo eine narzisstische Störung. Bei ihm lernt Lorenzo aber auch so viel über „normales“ Verhalten, dass er seine Mimikry so weit verfeinern kann, dass er den Alltag meistert. Meistens jedenfalls. Als seine Mutter von einem Unfallgegner angegriffen wird, „versagt“ er in den eigenen Augen, weil er vor Angst gelähmt ist.

Lorenzos Skiausflug nach Cortina

Um seiner Mutter eine Freude zu machen, erzählt ihr Lorenzo, eine Klassenkameradin habe ihn zu einer Woche Skifahren nach Cortina eingeladen. Seine Mutter ist so gerührt über diese positive Entwicklung im Leben ihres Sohnes, dass er nicht mehr aus der Sache heraus kommt und beschließt, die Woche Skiurlaub im verlassenen Keller des Hauses zu verbringen. Das klappt auch ausgezeichnet, bis ihn dort seine ältere Stiefschwester Olivia aufstöbert. Sie ist drogenabhängig und ohne Bleibe. Nachdem sie Lorenzo ein wenig erpresst hat, nimmt er sie schließlich in seinem Kellerdomizil auf und übernimmt auch Verantwortung, als Olivia einen Entzug versucht.

„Du und Ich“, Olivia und Lorenzo im Keller als Lebenslabor

Bei seinem Skiaufenthalt im Keller lernt Lorenzo, dass es ein Du und ein Ich gibt. Das enge Zusammenleben mit Olivia, die Verantwortung, die zu übernehmen er gezwungen ist, aber auch die Zuwendung seiner Schwester machen ihm deutlich, dass es auch etwas Wichtiges außerhalb des eigenen Ich gibt. Er entwickelt quasi im Schnelldurchlauf soziale Kompetenz.

All das beschreibt Ammaniti konsequent aus Lorenzos Ich-Perspektive so klar und schnörkellos, dass man diese kurze Geschichte kaum aus der Hand legen möchte.

Anders als in „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ von Junot Díaz oder „Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn“ von André Kubiczek, die ebenfalls vom Erwachsenwerden handeln, hat sich Ammaniti in fast novellistischer Weise auf diese eine Kellerepisode aus Lorenzos Leben beschränkt. Hier bringt er auf den Punkt, was in Lorenzos Leben fehlt, hier beschreibt er einen Wendepunkt, der Lorenzo den Start in ein anderes Leben ermöglicht. Ein Buch, das deutlich in die Kategorie „unbedingt lesen“ gehört.

Nicolò Amaniti: Du und Ich. Piper Verlag, 2012. gebundenes Buch, 149 Seiten, Euro 14,99