Q-Fieber in den Niederlanden

Prof. Georg Baljer im Gespräch über Coxiella burnetii

Prof. Georg Baljer, Uni Gießen - Georg Baljer
Prof. Georg Baljer, Uni Gießen - Georg Baljer
Interview mit Prof. Georg Baljer über Coxiella burnetii. Das Bakterium verursacht das Q-Fieber, auch Krim-Fieber genannt.

Erkrankungen an Q-Fieber und sechs Todesfälle haben die niederländische Regierung zum Handeln gezwungen. Die meldepflichtige Infektionskrankheit Q-Fieber, auch Krim-Fieber genannt, verursacht Grippe ähnliche Symptome, begleitet von einem heftigen Kopfschmerz. Verursacht wird sie durch das Bakterium Coxiella burnetii und wird meist von Wiederkäuern auf den Menschen übertragen. Bis Anfang Februar 2010 wurden in den Niederlanden mehr als 40.000 Ziegen mit der Giftspritze gekeult. Suite101 sprach mit Professor Georg Baljer vom Institut für Hygiene und Infektionskrankheiten bei Tieren an der Universität Gießen über den Erreger, die Krankheit und die niederländischen Maßnahmen.

Suite101: Herr Baljer, wie werden Coxiellen von Tier zu Tier übertragen?

Georg Baljer: Die Infektion der Ziegen erfolgt auf aerogenem Weg, also über die Luft, und die Infektionsquelle sind meist andere bereits infizierte Tiere, die in den Bestand eingebracht werden. Oder aber es kann auch durch Infektionen aus dem Wildtierreservoir zu einem Eintrag in die Nutztierpopulation kommen.

Suite101: Wie wird das Bakterium genau übertragen?

Georg Baljer: Auf den Menschen wird es hauptsächlich durch Aerosole (Gemisch aus Schwebeteilchen und Gas; Anm. d. Red.), die beim Geburtsvorgang der Ziegen entstehen, übertragen. Bei der Geburt werden über die Fruchtwasserplazenta riesige Mengen dieser Coxiellen ausgeschieden. Die Infektion erfolgt durch direkten Kontakt, wenn Personen in unmittelbarer Nähe der Geburt beiwohnen. Oder aber auch indirekt durch Windübertragung, wenn diese Geburten auf der Weide stattfinden und die Nachgeburt nicht ordnungsgemäß entsorgt wurde.

Suite101: Die Übertragung geht durch die Luft, aber besteht auch irgendeine Gefahr dadurch, dass ich Ziegenfleisch esse, Ziegenmilch trinke, Ziegenkäse verzehre?

Georg Baljer: Also wir wissen, dass der Erreger auch mit der Milch ausgeschieden wird. Die Frage der oralen Infektion ist sehr umstritten. Aber ich bin mir sicher, dass es ein sehr geringes Risiko ist. Und das Problem entsteht nur bei Rohmilch und Rohmilchkäse. Pasteurisierung inaktiviert den Erreger.

Suite101: Wie kann ein Züchter erkennen, ob seine Tiere infiziert sind?

Georg Baljer: Kann er eigentlich nicht. Denn der Erreger ruft meistens subklinische (leicht verlaufende; Anm. d. Red.) Infektionen bei den Tieren hervor. Das einzige klinische Problem sind Früh- oder Totgeburten. Ansonsten gibt es bei den Tieren keine Symptome. Man kann die Infektion nur durch labordiagnostische oder serologische Untersuchungen erkennen oder über den direkten Erregernachweis im Fruchtwasser oder in der Plazenta. Aber wir wissen, dass etwa 40 bis 50 Prozent der infizierten Tiere weder den Erreger ausscheiden, noch bei ihnen eine serologische Reaktion erkennbar wird.

Suite101: Welche Symptome machen sich beim infizierten Menschen bemerkbar?

Georg Baljer: Es gibt zwei Formen: die akute Form ist gekennzeichnet durch Grippe ähnliche Erscheinungen, wobei das hervorstechendste Merkmal das Kopfweh ist, das schwere Kopfweh. Und es kommt bei der akuten Form bei etwa ein bis fünf Prozent der Personen zu atypischen Lungenentzündungen. Etwa bei 20 Prozent der Personen haben wir ein Ermüdungssyndrom nach der Infektion, d.h. man ist abgeschlagen, man hat Nachtschweiß, man ist nicht mehr so fit wie früher. Und bei etwa fünf Prozent der akut erkrankten Personen kann es dann zur chronischen Form kommen. Und die ist hauptsächlich geprägt durch eine Herzklappenentzündung. In der Regel bei Personen, die eine vorgeschädigte Herzklappe haben.

Suite101: In den Niederlanden ist die Anzahl der Infizierten in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Liegt das an einer besonderen Art von Ziegenhaltung?

Georg Baljer: In Holland hat die Ziegenhaltung sehr stark zugenommen. Der Erreger wird schon immer dagewesen sein, aber durch die Zunahme der Ziegenhaltung wird natürlich dann das Risiko erhöht, sich zu infizieren.

Suite101: Coxiella ist ein besonderes Bakterium, mit außergewöhnlichen Eigenschaften.

Georg Baljer: Die Bekämpfung von Coxiella ist derart schwierig, weil dieser Erreger vor allem sehr, sehr widerstandsfähig ist. In der Natur überlebt er bei 20 Grad mindestens ein Jahr - wahrscheinlich noch länger. Zweitens: er hat ein sehr weites Wirtsspektrum. Also wir kennen kaum einen Erreger, der so viele Tiere, aber auch Menschen befallen kann wie Coxiella burnetii. Und das dritte ist, dass Coxiella Infektionen hervorruft, die kaum zu erkennen sind. Das macht dann die Bekämpfung so schwierig.

Suite101: Es gibt inzwischen Impfungen für Tiere. Wie effektiv sind sie, wann können sie eingesetzt werden?

Georg Baljer: Es gibt einen aktuellen Impfstoff. Der hat aber noch keine Zulassung. Mit diesem Impfstoff kann man wahrscheinlich die Fehlgeburten verhindern. Da bei denen besonders viele Coxiellen freigesetzt werden, lässt sich so das Risiko für den Menschen auch reduzieren. Was man sicher nicht erreichen kann, ist die Infektion vollständig zu verhindern. Also wir werden nach wie vor infizierte Tiere haben.

Suite101: Kann jedes Tier geimpft werden?

Georg Baljer: Der Hersteller empfiehlt, ausschließlich nicht trächtige Tiere zu impfen.

Suite101: Ist das auch ein Impfstoff für den Menschen? Und wenn es eine Impfung gibt, ist die verfügbar?

Georg Baljer: Also dieser Impfstoff wird nur vorbereitet für die Impfung bei Ziege und Schaf. Es gibt einen Impfstoff für den Menschen in Australien, der aber nur bei Risikogruppen eingesetzt wird und der mit einer sehr hohen Impfschadensquote behaftet ist.

Suite101: Lässt sich durch die Massenkeulung das Bakterium wirklich bezwingen?

Georg Baljer: Also diese Massenkeulung wird aktuell den Infektionsdruck vermindern. Man wird den Erreger aber sicher nicht aus den Niederlanden wegbekommen, d.h. die Niederlande werden den Erreger weiterhin haben. Das liegt sowohl an seiner Zähigkeit als auch daran, dass er auch draußen in freier Natur vorkommt. Es wird immer das Problem geben: hält man Wiederkäuer, vor allem Schafe und Ziegen, ist man auch immer mit dem Problem Q-Fieber konfrontiert.

Suite101: In den Niederlanden werden Ziegen gekeult. Aber auch Schafe und Rinder werden Coxiellen haben. Ist das nicht inkonsequent?

Georg Baljer: Es ist sicherlich eine sehr kurzsichtige Aktion, die wahrscheinlich die Bevölkerung beruhigt und die kurzfristig den Infektionsdruck vermindert. Aber langfristig gesehen würde ich eigentlich - um dem Problem Herr zu werden - eher seuchenhygienische Maßnahmen sehen als diese Massenkeulung.

Suite101: Gehen wir einmal weg aus den Niederlanden. Sind Coxiellen auch in Deutschland ein Problem?

Georg Baljer: Q-Fieberausbrüche haben wir immer wieder in Deutschland. Es gibt Hot-Spots wie jetzt in Thüringen oder Hessen oder Bayern, Baden-Württemberg. Wir haben diesen Erreger auch in unseren Breiten. Wir werden immer wieder mit diesen Ausbrüchen rechnen müssen. Wir können Coxiella Burnetii nicht aus unserer Umwelt eliminieren.

Suite101: Coxiellen waren auch als B-Waffen, also als biologische Waffen, angedacht. Wie ist das mit der Coxiellenforschung, ist die durch das Militär zustande gekommen und finanziert worden?

Georg Baljer: Also über viele Jahrzehnte ist der wissenschaftliche Fortschritt bei Coxiella burnetii vom Militär finanziert worden. Denn Coxiella burnetii ist ein potentieller Erreger für den B-Waffeneinsatz. Er hat eine hohe Tenazität (die Zähigkeit eines Mikroorganismus auch unter nicht optimalen Bedingen zu überleben Anm. d. Red.) und über aerogene Verbreitung lassen sich Menschen infizieren. Das sind Tatsachen.

Suite101: Vielen Dank für das Interview Herr Baljer.

Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat - zum Beispiel durch einen Arzt - nicht ersetzen kann.

Swen Gummich im Studio, Swen Gummich

Swen Gummich - Name: Swen Gummich Beruf(ung): Wissenschaftsjournalist, Regisseur, Filmemacher Studium: Mathematik, Physik, Ethnologie, ...

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