Nina Kramer – Ein Leben ohne mich

Hintergründe zum brisanten Thriller über Reproduktionsmedizin

Kramer: Ein Leben ohne mich - www.pendragon.de
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Nina Kramer befasst sich in ihrem Thriller "Ein Leben ohne mich" mit dem Thema Reproduktionsmedizin und geht der Frage nach, ob man alles darf nur, weil man es kann.

David schlief elf Jahre lang in einem Bett aus flüssigem Stickstoff, bis er in Boston das Licht der Welt erblickt. Eine junge Frau wird in Hamburg kaltblütig ermordet. In Schweden wundert sich eine Kinderfrau über die Jungen und Mädchen eines privaten Kindergartens, die sich untereinander ähnlicher sehen als ihren unterschiedlichen Eltern. Ein Mann entdeckt, dass er ein wurzelloser Niemand mit elf genetischen Geschwistern ist und will sich rächen.

"Schneeflocken“ nennt man die hunderttausend Embryonen in den Kühlschränken der Reproduktionslabore. Schlafende Seelen, die man wie eine maßangefertigte Küche kaufen kann. Namenlos wie jene Frau, die schwer verletzt, nackt und mit verbrannten Fingerkuppen in eine Klinik eingeliefert wird. Es handelt sich um Romy Cohen, die ihr Gedächtnis verloren hat, sich weder an ihre persönliche Vergangenheit noch an das, was sie über den skrupellosen Handel mit menschlichen Genen wusste, erinnern kann. Auf der Suche nach sich selbst und ihrer Vergangenheit, entschlüsselt sie nach und nach einen perfiden Fall von organisiertem Sperma- und Embryonenhandel, in den auch ihr Vater verwickelt war.

Auf der ganzen Welt gibt es Eizellen in Laborkühlhäusern

Nina Kramer stellt in dem Thriller "Ein Leben ohne mich“ die Frage, ob wir alles tun dürfen, nur weil wir es können. Auslöser für die Geschichte war eine kurze dpa-Meldung, in der von einer 54-jährigen Italienerin berichtet wurde, die einen gesunden Sohn zur Welt gebracht hatte. Der Embryo war zuvor elf Jahre lang tiefgefroren gewesen. "Elf Jahre lang?! Ich versuchte, mehr über diesen Fall herauszufinden. Und so lernte ich bald, dass es auf der ganzen Welt tief gefrorene, befruchtete Eizellen in Laborkühlhäusern gibt. Ich habe mich gefragt, was mit der Seele passiert, wenn sie so lange auf Eis liegt", erzählt die Schriftstellerin.

Geschäftemacherei mit der Verzweiflung

Während der knapp zweijährigen Recherche las Nina Kramer alles rund um künstliche Befruchtung: Von Gesetzeslagen in allen Staaten der Erde, von Methoden, gesundheitlichen wie psychischen Konsequenzen; in Fachblätter, englischen Datenbanken, amerikanischen Studien. "Was ich vor allem fand, war Geschäftemacherei mit der Verzweiflung, und dass Kinder zur designbaren Ware degradiert wurden.“

Nina Kramer sprach mit Frauen, die sich ein Kind wünschten

Sie sprach mit Paaren, Ärzten, ließ sich von Kinderwunschkliniken aus Deutschland, Österreich, Tschechien und den USA "Angebote“ schicken. "Irgendwann stieß ich auf einen Mann, der aus dem Erbe eines Bremer Altnazis eine fünf Millionen Euro hohe Zuwendung erhielt, um 'anthropologische Forschungen' an Embryonen und ähnlichem durchführen zu können. Sitz seiner Firma ist London, Ort seines Basislagers ein Dorf in Schweden. Da entschied ich mich, das Thema in einem Roman zu behandeln.“ Ein Jahr schrieb sie an dem packenden Thriller, der den Leser rasch in seinen Bann zieht.

Die primäre Frage bei „Ein Leben ohne mich“: Wo beginnt die Fiktion?

Zwar sind die handelnden Figuren weitestgehend erfunden und stehen für unterschiedliche Haltungen zu künstlicher Befruchtung, doch Fakten und medizinische Vorgehensweisen entsprechen der Realität: Es gibt Snowflakes, Selektionsverfahren, Ärzte, die Singlefrauen Samen aus Dänemark und Schweden spritzen; es gibt den eingefrorenen Zwillingssohn von Celine Dion und Samenspender-Kinder, die im Internet nach ihren Vätern suchen. "Ob in dem beschriebenen Camp in Schweden tatsächlich Menschenzucht betrieben wird, oder ob es Kreise in Deutschland gibt, die Fertilisationsärzten wirklich vorselektierte Spendersamen zukommen lassen, ist nur eine These – dass es möglich wäre, ist jedoch Realität.“

Ungeborenes Leben als Handelsware

Unter ihrem Pseudonym Anne West veröffentlicht die Journalistin und Schriftstellerin Sachbücher rund um Sexualität und Partnerschaft, unter ihrem Mädchennamen Nina George schreibt sie Krimis und Liebesromane. Unter Nina Kramer erschien ihr erster Wissenschaftsthriller "Ein Leben ohne mich“, dem noch weitere folgen werden, obwohl die Arbeit an solchen Projekten emotional anstrengend ist: "Die intensive Recherche gefährdet meine Naivität.“ Dass die moderne Reproduktionsmedizin auch viele Familien glücklich machen kann, ist für Nina Kramer nicht das Thema. Für sie stellte sich immer die Frage, wo die Grenzen sind. "Niemand hat das Recht auf ein Kind oder einen anderen Menschen.“

Nina Kramer: Ein Leben ohne mich. Pendragon Verlag 2008. Broschur, 306 Seiten. Euro 14,90.

Ilona Mayer-Zach, Sabine Windsor

Ilona Mayer-Zach - Geboren in Graz, Wahlwienerin. Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften; Medienkundlicher ...

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