Der Verfasser muss gestehen, dass er bei dem Thema NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) sehr unschlüssig ist. Es ist schwer, sich zu einer eindeutigen Bewertung durchzuringen. Je nach Betrachtungsweise drängt sich das Urteil ‘genial’ oder ‘plump’ auf. Aber die gar nicht mehr so Neue Unübersichtlichkeit zwingt uns ja glücklicherweise nicht mehr, sich auf die falsche Seite schlagen zu müssen.
„Neuro-“, „Linguistisch“, „Programmieren“
Aber der Reihe nach: NLP beruft sich auf verschiedene Wissenschaftsdisziplinen, um seine Konzepte (oder Wahnideen) zu begründen (zu verkaufen). ”Neuro-” bezieht sich auf die vergleichsweise junge Kognitionswissenschaften, die Geistesaktivitäten unter neuronalem Aspekt betrachten, also das alte Geist-in-der-Maschine-Problem neu angehen; ”Linguistisch” beruft sich auf die ältere Linguistik/Sprachwissenschaft, insbesondere auf die herkömmliche Linguistische Semantik, die sich mit der Bedeutung von Wörtern befasst; ”Programmieren” verweist natürlich auf die Informatik und Künstliche Intelligenz. Je nach Laune oder Toleranz kann man das als Interdisziplinarität oder hohl tönendes Sammelsurium von halb verstandenen Begriffen hoch spezialisierter Wissenschaftszweige verstehen. In jedem Fall sind die Bezüge recht vielfältig (oder vage).
Umprogrammierung als Ziel
NLP beruft sich darauf (unter ebenfalls nur vagen Bezügen auf die Kybernetik 2. Ordnung oder konstruktivistische Ansätze), dass der Mensch seine Umwelt aktiv gestaltet. Das heißt, die Umwelt ist veränderlich. Dementsprechend kann der Mensch auch seine Sicht der Dinge ändern – vorausgesetzt, er bringt sein Gehirn dazu, die Realität (als etwas Veränderliches) neu, anders wahrzunehmen. Der Mensch soll sich in seinem Denken quasi ‘umprogrammieren’. Das sollen Experten in NLP besorgen, die diese Umprogrammierung an den Klienten vornehmen. Das Ziel besteht darin, neue Assoziationen herzustellen und damit Ängste, negatives Denken, Aversionen gegen das Erlernen von Fremdsprachen oder gegen andere Personen, Nikotinsucht u. ä. auszuräumen. Dazu muss der Coach den Klienten erst einmal genau beobachten, sich dessen Sprachmustern (Linguistik!) anpassen, um Vertrauen zu erzeugen, ehe er dann Negativerlebnisse in etwas Positives umdeutet, z. B. Gefahren als Chancen, Schwächen als Stärken neu im Bewusstsein verankert.
Innovative Begrifflichkeiten
Um die notwendige fachliche Vorgehensweise zu sichern (oder vorzutäuschen), hat die NLP-Lehre ein interessantes Arsenal an innovativen Begrifflichkeiten hervorgebracht; hier ist vom Rapport die Rede, dort geht es um das Reframing. Ein objektives Beobachten soll dadurch gewährleistet werden, dass die Blickrichtungen des Klienten in unterschiedliche Sektoren (links, Mitte, rechts; oben, Mitte, unten) eingeteilt werden. Sie verraten dem Coach, welche mentalen Bilder dem Klienten gerade durch den Kopf gehen, selbst, wenn dem das sprachlich nicht bewusst ist.
Kritik
Wie jede Form des Eingriffs in die psychische Befindlichkeit einer Person ist NLP nicht unumstritten. Es geht nicht allein um die notorisch problematische Verantwortung des Coaches in therapeutischen Zusammenhängen, sondern auch um die Weitergabe dieses Wissens an Laien, die sich entweder selbst programmieren wollen, um erfolgreich zu sein, oder aber ihr Wissen – beispielsweise in beruflichen Situationen – nutzen möchten, um Mitarbeiter auf die sanfte Tour auf Linie zu bringen. Dass sich auch zurückhaltend formuliert schillernde Seiteneinsteiger auf die Methode berufen (haben), um als Motivationsgurus Hallen zu füllen, tut ein Übriges, um das Neuro-Linguistische Programmieren ins Zwielicht zu rücken. Zu mächtig scheint der Coach zu sein, Assoziationen kraft seines Wissens zu manipulieren. NLP-Kritiker beharren darauf, dass die Abgrenzung zur Gehirnwäsche viel sagend schwer fällt. Darum dürfte hier ein Ethik-Kodex als freiwillige Selbstverpflichtung aller Zauberlehrlinge fällig sein, wenn es ihn nicht bereits gibt, um schwarze Schafe identifizieren zu können.
Wie wirksam ist NLP?
Wie eingangs erwähnt, ist der Verfasser also unschlüssig, was er von NLP zu halten hat; aber es ist nicht die ethische Zweideutigkeit, die ihn unentschlossen lässt. Das Pflegen der moralischen Ambivalenz ist für ihn im Gegenteil ein eindeutiges Plus, das ihm Respekt vor NLP einflößt; man muss neidlos anerkennen, dass es schon ein genialer Schachzug ist, sein Produkt als irgendwie gefährlich zu deklarieren. Denn unter der Hand hat man damit vorausgesetzt, dass das NLP-Produkt überhaupt etwas bewirkt. Anders gesagt: man streitet darüber, ob der Effekt von NLP gut oder schlecht ist und akzeptiert damit die stillschweigende Voraussetzung, dass NLP überhaupt einen Effekt hat. Und genau diese Voraussetzung ist es, die der geneigte Laie anzweifelt. Irgendwie fühlt er sich an die Filmverleiher der 1950er Jahre erinnert, die treuherzig ihr Publikum warnten, der neue Thriller sei für herzkranke Zuschauer nicht geeignet, weil er so spannend sei.
Wen es interessiert, der fragt, ob man Menschen einfach so manipulieren darf; niemand fragt, ob man Menschen einfach so manipulieren kann; ob die verheißene oder angedrohte Wirkung von NLP nicht vielleicht eher in den gruppendynamischen Umständen zu suchen ist, unter denen sich Selbstfindungsinteressierte in Seminarräumen zusammenfinden, aufstiegstrunkene Filialleiter in der Stadthalle dem Mann auf der Bühne alles nachbrüllen, was er ihnen vorschreit. Der geneigte Laie weiß es auch nicht; aber die Vermutung bleibt, dass Veranstaltungen im Zirkus oder auf dem Rummelplatz ehrlicher sind. Das ist die negative Seite an der ganzen Geschichte. Und so bleibt die Ungewissheit über den genialen Schwindel.
