
- Nora Helmer, Marionette ihres Ehemanns - olga meier-sander
Henrik Ibsens "Nora oder Ein Puppenheim" erzählt von der gleichnamigen Protagonistin Nora Helmer, die mit ihrem Ehemann Torvald und ihren drei Kindern in einer gutbürgerlichen Wohnung lebt. Als ihr Ehemann an einer schweren Krankheit litt, nahm Nora bei dem Rechtsanwalt Krogstad ein Darlehen auf, um die Erholungsreise nach Italien finanzieren zu können. Ihr Vater sollte den Schuldschein als Bürge unterschreiben. Doch dieser war zu jenem Zeitpunkt bereits verstorben, sodass Nora dessen Unterschrift fälschte. An Weihnachten häufen sich die Ereignisse: Krogstad soll bei der Bank, in der Torvald Helmer an Neujahr zum Bankdirektor ernannt wird, entlassen werden. Mit dem von ihr gefälschten Schuldschein beginnt Krogstad Nora zu erpressen.
Die Stufen der Moralentwicklung nach Lawrence Kohlberg
Lawrence Kohlberg war ein US-amerikanischer Psychologe und Professor für Erziehungswissenschaft. Aus dem dreistufigen Modell Jean Piagets entwickelte er ein differenziertes Modell, das aus drei Hauptstufen mit jeweils zwei Substufen besteht. Dieses Modell beschreibt die verschiedenen moralischen Entwicklungsstadien eines Menschen, wobei ein Zusammenhang zwischen dem Alter und der erreichten Stufe nach Kohlbergs Modell identifizierbar ist.
Präkonventionelles Niveau
1. Die heteronome Stufe
2. Die Stufe des Individualismus, des Zweck-Mittel-Denkens und des Austauschs
Konventionelles Niveau
3. Die Stufe gegenseitiger interpersoneller Erwartungen, Beziehungen und interpersoneller Konformität
4. Die Stufe des sozialen Systems und des verlorenen Gewissens
Postkonventionelles Niveau
5. Die Stufe des Sozialvertrages oder des Nutzens für alle und der Rechte des Individuums
6. Die Stufe der universalen ethischen Prinzipien
Einordnung Nora Helmers in das Stufenmodell nach Lawrence Kohlberg
In "Nora oder Ein Puppenheim" spielt Nora Helmer eine Rolle und versucht stets die an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen. Diese Haltung ist in ihrer Kindheit begründet: In ihrem Elternhaus hatte sie ein gutes Verhältnis zu ihrem Vater, der mit ihr seine Ansichten teilte. Um ihm zu gefallen schwieg Nora, sobald sie andere Meinungen entwickelte und passte sich ihm an. Dieses erlernte Verhalten behielt Nora auch nach der Vermählung mit Torvald bei. Was er von ihr verlangte, das erfüllte sie wie von ihm gewünscht. Damit lässt sich Nora Helmer innerhalb des konventionellen Niveaus in die dritte Stufe einordnen. Sie ist stets bemüht anderen zu gefallen, loyal und zuverlässig zu sein sowie Erwartungen und Regeln zu erfüllen.
Die moralische Entwicklung Nora Helmers und deren Folgen
Ein Veränderung in Noras Leben bringt der Rechtsanwalt Krogstad mit dem gefälschten Schuldschein an Weihnachten. Vertuschtes, wie beispielsweise das aufgenommene Darlehen bei ihm, treten ans Licht. Nora wird bewusst, dass keine Geheimnisse zwischen ihr und Torvald stehen sollten. Sie lässt es zu, dass ihr Ehemann von der Unterschriftsfälschung erfährt und hofft auf das Wunderbare. Als das Wunderbare nicht eintritt, Torvald also nicht die Schuld Noras auf sich nimmt, erkennt Nora, dass Torvald Helmer und sie nicht gleichgestellte Partner in ihrer Ehe sind und der eine nicht für den anderen einstehen wird. Stattdessen gilt Nora als Torvalds Besitz, seine Marionette, die er zwar behütet, jedoch nicht als gleiches Wesen anerkennt. Sie bezeichnet sich als Puppenfrau und ihr Heim als Puppenstube. Gleichzeitig beschuldigt sie Torvald und ihren Vater, sie zu einer willenlose Puppe erzogen zu haben.
Noras Entschluss steht fest: Sie verlässt das behütete Heim samt Ehemann und Kindern, um ihre eigene Persönlichkeit zu finden. Konkret bezeichnet Nora den kommenden Lebensabschnitt als Erziehung ihrerselbst. Mit diesem radikalen Ausbruch verlässt Nora die dritte Stufe des Kohlbergschen Stufenmodells und begibt sich zurück in ihre Heimat, um sich zu besinnen und Klarheit über ihre Umwelt und ihr Leben zu gewinnen.
Quellen und weiterführende Literatur:
- Henrik Ibsen: Nora oder Ein Puppenheim. Hamburger Lesehefte Verlag, 2010
- Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung
