
- TEM: Noroviren sind unbehüllte ssRNA-Viren - CDC: Charles D. Humphrey
Durchfall erzeugen nicht nur bakterielle Durchfallerreger wie Campylobacter, EHEC und Salmonellen; besonders Noroviren und Rotaviren sind zur Zeit in Deutschland die Hauptursache infektiöser viraler Durchfallerkrankungen – alleine 2010 wurden dem Robert Koch-Institut (RKI) 116.892 meldepflichtige Krankheitsfälle mit Noroviren gemeldet (siehe Grafik). Nach Schätzungen verursachen die weltweit verbreiteten Noroviren global etwa ein Drittel aller Darmerkrankungen bei Kindern und die Hälfte aller Gastroenteritiden bei Erwachsenen. Als wichtige Krankheitserreger stufte das Nationale Institut für Allergie und Infektionskrankheiten (NIAID) der Vereinigten Staaten die Familie der Caliciviren sogar als Biowaffen der Klasse B ein – am 5. September 2011 meldete das RKI bereits 75.994 Norovirus-Krankheitsfälle für das laufende Jahr in Deutschland.
Schon 10 bis 100 Norovirus-Partikel reichen für die Infektion
Mit Noroviren infiziert man sich meist durch eine direkte Norovirus-Übertragung von Mensch zu Mensch, besonders wenn man durch mangelnde Hygiene mit virushaltigem Erbrochenem per Tröpfcheninfektion in Kontakt kommt oder sich mit dem Stuhl von erkrankten Menschen infiziert: Dies erklärt die Norovirusausbrüche in Altenheimen, Kindergärten, Krankenhäusern oder Schulklassen. Wie bei EHEC ist die so genannte Infektionsdosis recht gering, es reichen schon 10 bis 100 Virionen (Viruspartikel) oder EHEC-Bakterien für eine Infektion aus. Auch auf Reisen sollte man als Urlauber auf die Hygiene und Lebensmittel-Hygiene achten. Norovirus-Infektionen entstehen auch durch verunreinigte Getränke und Wässer sowie durch kontaminierte Speisen – so können selbst rohe Austern und Miesmuscheln den ganzen Urlaub vermiesen.
Nach 6 bis 48 Stunden Inkubationszeit infizieren Noroviren als Biowaffen den Dünndarm
Gegenüber Campylobacter-, EHEC-Bakterien oder Salmonellen sind Noroviren mit einem Durchmesser von circa 27 bis 35 Nanometer (nm) wahre Winzlinge, EHEC-Bakterien sind dagegen etwa 2 bis 6 Mikrometer (µm) lang und etwa 1 bis 1,5 µm breit (1 Mikrometer entspricht 1.000 Nanometer). EHEC-Bakterien und Noroviren düsen dank ihrer Säurestabilität durch unseren Magen und landen so auf den menschlichen Darmzellen. Mit dem Kapsidprotein Vp1 lagert sich das Norovirus vermutlich an unsere Darmzellen an, es ist wohl für die Virus-Darmzell-Bindung verantwortlich – dann dringt das Norovirus in die Darmzellen ein und vermehrt sich. Als Folge kommt es nach einer Inkubationszeit von etwa 6 bis 50 Stunden wie aus heiterem Himmel zum explosionsartigem Krankheitsausbruch.
Norovirus-Symptome Erbrechen und unblutiger, leicht wässriger Durchfall
Ging es einem gerade noch saugut, geht es einem urplötzlich sauschlecht: Über die Hälfte aller Patienten leidet überwiegend am ersten Tag einer Norovirus-Infektion an explosionsartigem Erbrechen – doch nicht nur die Übelkeit lässt einen ständig auf die Toilette flitzen. Zu allem Überdruss treten am ersten Tag auch noch etwa vier bis acht wässrige Durchfälle (Diarrhoe) auf. Gerade in der akuten Phase der Norovirus-Erkrankung ist man als Patient hoch ansteckungsfähig für seine Mitmenschen. Hier muss man im Haushalt an eine konsequente Händedesinfektion und an Einmal-Handschuhe denken. Auch die Toilette und verunreinigte Bereiche im Bad müssen desinfiziert und gereinigt werden – als geeignete Desinfektionsmittel gegen Noroviren gelten aber nur desinfizierende Präparate mit einwandfreier viruzider Wirksamkeit.
Norovirus-Begleitsymptome Bauchschmerzen, Fieber und Kopfschmerzen
Neben den Leitsymptomen Durchfall, Erbrechen und Übelkeit können auch noch Begleitsymptome wie krampfartige Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Muskelschmerzen auftreten – auch zu erhöhter Temperatur kann es kommen, hohes Fieber tritt allerdings nur selten auf. Bei normalerweise gesunden Menschen dauern die unangenehmen Beschwerden der Norovirus-Infektion etwa einen halben Tag bis drei Tage an, die Norovirus-Infektion endet normalerweise von selbst. Als asymptomatische Norovirus-Infektion kann die Erkrankung auch fast ohne Symptome ablaufen, solche still infizierten Menschen sind Norovirusausscheider und gelten als wichtige Infektionsquelle und wichtiges Erregerreservoir für Noroviren.
Symptomatische Therapie gegen Flüssigkeits- und Elektrolytverlustes
Die Norovirus-Infektion führt zu einer Funktionsstörung der Darmepithelzellen, eine Therapie erfolgt symptomatisch: Je nach Schweregrad der Norovirus-Erkrankung gleicht man den Wasserverlust durch Durchfall und Erbrechen mit Getränken aus, gleicht man den Elektrolytverlust mit Mineralstoffen aus. Als Erkrankter sollte man deshalb immer genügend trinken. Bisher gibt es gegen Noroviren keine Impfstoffe oder Medikamente – Antibiotika sind gegen Viren leider wirkungslos. Bei immungeschwächten Menschen kann die Norovirus-Infektion ohne therapeutische Behandlung auch lebensbedrohlich werden, gar zum Tod führen. Deshalb werden betroffene Kleinkinder und älteren Menschen auch mal für kurze Zeit ins Krankenhaus eingewiesen. Für kleine Kinder gibt es in der Apotheke von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin empfohlene Elektrolyt-Glukose-Trinklösungen – die pulverförmige Trinklösung mit Salz (Natrium) und Traubenzucker (Glukose) sollte bei Eltern in keiner Reiseapotheke fehlen.
Weitere Informationen & Literatur
AGES – Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH in Zusammenarbeit mit BMG – Bundesministerium für Gesundheit (2011): VORGEHEN BEI GASTROENTERITISAUSBRÜCHEN DURCH NOROVIRUS...
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ): Hier finden Sie als pdf-Dokument die kostenlose Elterninformation "Mein Kind hat Durchfall".
Auf der Internet-Präsenz des Robert Koch-Instituts (RKI) finden Sie den RKI-Ratgeber für Ärzte über Noroviren. Die Datenbank SurvStat mit den Daten aller Kalenderwochen mit Datenstand vom 20. Juli 2011 finden Sie auch online auf der Homepage des RKI.
Bild-Informationen: TEM: Abkürzung für Transmissions-Elektronen-Mikroskopie. Schema eines Norovirus-Kapsids mit Ikosaeder-Symmetrie nach ViralZone: Einzelsträngige RNA (ssRNA, single-stranded RNA, orange); "Virus-coded Protein" (VPg, grün); polyadenyliertes 3'-Ende (poly-A, rot). Die photorealistische Szene programmierte der Autor mit POV-Ray (Persistence of Vision). POV-Ray ist ein kostenloser Ray-Tracer – ein 3D-Computergrafik-Programm.
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