
- Norwegen trauert - Wilhelm Wulff - pixelio.de
Bisher sind es 93 Tote, die die Wahnsinnstat von Anders Breivik gefordert hat. 93 Unschuldige Menschen fielen einem Mann zum Opfer, der alles hasste, was eine aufgeklärte, freie Gesellschaft ausmacht. Norwegen befindet sich immer noch im Schockzustand. In seinem etwa 1.500 Seiten langen Pamphlet schwadroniert Breivik von einer "europäischen Unabhängigkeitserklärung". Alles, was eine bunte, vielfältige, friedliche Gesellschaft ausmacht, hat in seiner Welt keinen Platz. Menschen, die für eben diese Vielfalt und Freiheit eintreten, bezeichnet er in seiner Schrift als "Verfechter einer antieuropäischen Hassideologie".
Wirklich "nur" ein Wahnsinniger?
Natürlich, so ist man geneigt zu sagen, handelt es sich hier um einen "wirren Einzeltäter", einen "Wahnsinnigen" mit einer abstrusen Ideologie. Doch wie kann es sein, dass ein Mann neun Jahre lang einen Massenmord plant, ihn begründet, ihn erklärt? Wie kann es sein, dass in diesem kleinen und für Fremde doch so friedlich scheinendem Land so etwas möglich ist? Man könnte es sich einfach machen und von einem "Einzelfall" sprechen, von einem Amoklauf eines Verrückten. Man kann sich ein wenig voyeuristisch mit medial aufbereiteten "Psychogrammen" des Täters befassen. Es wäre ein Leichtes, diese Tat als ein "Unglück" abzutun, was einen, einem Naturereignis ähnlich, jederzeit einholen kann.
Doch ist dem so? Ist es wirklich die Tat eines Wahnsinnigen, eines Einzeltäters? Polemisch ausgedrückt könnte man sagen: Wäre dieser Anschlag von einem islamischen und eben nicht von einem christlichen Fundamentalisten verübt worden, man hätte sofort wieder eine Grundsatzdiskussion über diesen angeblich doch so "gewalttätigen" Islam. Man würde Diskussionen über konspirative Treffen in Moscheen führen, über "Hassprediger", darüber, ob dieser Glaube wirklich seinen Platz in der Mitte der Gesellschaft haben darf.
Man ist nicht unbedingt ratlos, sondern eher erschrocken
Doch nun, wo der Täter eben genau aus dieser Mitte der (norwegischen) Gesellschaft kommt, bleibt neben der Fassungslosigkeit eben auch Ratlosigkeit zurück. Wie konnte dieser Hass, diese Wut dieses Mannes so gedeihen, dass unschuldige Menschen ihr Leben lassen mussten? Wer hat die Saat gelegt, die es einem Menschen ermöglicht, seine kruden Gedanken in einem "Manifest" festzuhalten, in dem Ressentiments, Vorurteile und Ängste geschürt werden, die man doch aber alle kennt? Und genau deshalb ist man vielleicht doch gar nicht so fassungslos, sondern eher erschrocken darüber, dass "altbekannte" Vorurteile die Grundlage für eine Tat sind, die in ihrer Feigheit und Kälte möglicherweise einzigartig in Europa ist.
In Zeiten, in denen "Multikulti" mehr und mehr zu einem negativ besetzten Begriff wird. In denen das Buch eines ehemaligen Berliner Finanzsenators reißenden Absatz findet, weil von "Kopftuchmädchen" die Rede ist, von genetisch bedingter mangelnder Intelligenz von Migranten. In Zeiten, in denen Politiker die durchaus berechtigten Globalisierungssorgen von Bürgern nutzen, um gegen alles Fremde zu polemisieren, ist es letztlich nicht unbedingt verwunderlich, dass es Menschen gibt, die ihre Angst in blinden Hass kanalisieren.
Rechtes Gedankengut in bürgerlichem Gewand
Es sind nicht mehr kahlgeschorene Skinheads, die stumpfe Parolen gröhlen. Die Protagonisten heute sind oft wohlerzogene, gut aussehende und gebildete Menschen, die es verstehen, alles Fremde, alles Neue als Gefahr darzustellen. Ob es Rechtspopulisten wie Haider in Österreich, Wilders in den Niederlanden oder scheinbar bürgerliche Bewegungen wie "Pro Deutschland" in der Bundesrepublik sind. Rechtes Gedankengut ist eben genauso in der bundesdeutschen, gesellschaftlichen Mitte verhaftet, wie Liberalität und Toleranz. Natürlich wird diese Gesellschaft einen solchen perfide geplanten und durchgeführten Anschlag, wie den vom 22.Juli 2011 nicht verhindern können. Unvorstellbares kann nicht vorgebeugt werden. Aber man kann, man muss versuchen, jede freiheitliche und offene Gesellschaft gegen Vorurteile und Hass zu verteidigen. Auch nach Norwegen. Gerade wegen Norwegen.
