
- Per Rad durch Stavanger - Judith Weibrecht
Beginnen kann man in Sola am Meer und vorbei an der Ruinenkirche mit ihrer alten Wikingeraltarplatte und dem Monument „Schwerter im Stein" gen Stavanger radeln.
Stavanger
Stavanger hatte stets mit Öl zu tun. Eine Stadt mit Geschichte, die auch heute noch Klein-Dallas genannt wird. 2008 ist Stavanger Kulturhauptstadt Europas und bietet für Besucher eine Fülle an Veranstaltungen. Die Siddis, wie die Einwohner Stavangers genannt werden, gehen selbst gerne zu Fuß oder fahren Rad. Die Entfernungen in der Stadt sind kurz, das Flair international und die Sehenswürdigkeiten wie das Ölmuseum oder Gamle Stavanger, die Altstadt, liegen nicht weit auseinander. Am Hafen findet man nette Kneipen in Holzhäusern.
Der Hardangerfjord
Zunächst per Schiff geht es anderntags zum Hardangerfjord, dem König der norwegischen Fjorde. Am Fjord ist Norwegen so norwegisch wie es nur sein kann. Hier könnte man vom Rad absteigen und auf den Gipfeln der umliegenden Berge auch im Sommer Ski fahren. Doch unten im Tal liegen Obstgärten an der Route und sogar Bananen gedeihen hier. Rosen finden wir rund um das Minischloss Baronie Rosendal. Doch Rosendal ist auch für seine Schiffsbautradition berühmt, die man im örtlichen Museum nachvollziehen kann.
Der Fjord wird enger, die Landschaft lieblicher. Nennenswerte Steigungen sind bislang nicht zu bewältigen. Hyggelig! Sprühregen, Nebelwände und Wasserfälle lassen alles unwirklich erscheinen. Das Wasser gluckst und gluckert, es erzählt Geschichten. Dort vorne, sind das Trolle? Doch sie kommen nur in Souvenirläden vor und haben vier Zehen, vier Finger, einen Schwanz und eine knollige Nase.
Der Sørfjord
Wir trollen uns per Fahrrad in den Sørfjord, wo Edvard Grieg eine Hütte mit Blick auf den Folgefonna-Gletscher bewohnte. Auch das Skredhaugen-Folkloremuseum liegt am Weg. Die Ritzen der alten Holzhäuser sind mit Moos abgedichtet, die Dächer mit Gras und Rinde gedeckt. Wir radeln weiter über Kinsarvik, einen ehemaligen Wikingerhafen, nach Eidfjord und von diesem aus in einen Seitenarm, in den Simadalsfjord zum mächtigen Sima-Wasserkraftwerk.
Die Radtour von dort zurück zum Hotel am Fjord ist traumhaft: grünlich schimmert das Wasser, hölzerne Angelboote dümpeln, dunkelgrün leuchten die Nadelwälder, bleigrau der Granit der Felsen. „Syklist velkommen", Radfahrer willkommen, steht an der Tür zu lesen. Also werden die Fahrradhandschuhe abgestreift und erstmal eine Portion Moltebeeren vertilgt. Hyggelig.
Die Hardangervidda und der Rallarvegen
Damit es den Radfahrern nicht zu hügelig wird, bringt sie ein Bus auf die Hardangervidda und zur legendären Bergenbahn, um den Rallarvegen zu erreichen. Dieser Weg war einst der Versorgungsweg für die Wanderarbeiter (norwegisch: Rallare) an der Bahnstrecke und wird heute als Radweg benutzt. Die Hardangervidda, eine 7500 qkm große Hochebene und damit das größte Hochplateau Nordeuropas, wirkt karg, rau und weit, fast wähnt man sich in der Tundra: Stein, Moos, Brechbirken, Moorseen in länglicher Form, Bäche und Flüsse und beeindruckende Panoramen. Der Radweg führt eine unbefestigte Schotterstraße entlang und wir rollen vorsichtig, denn auch im Sommer liegt hier noch etwas Schnee, nach einem kleinen Anstieg abwärts durch grandiose Landschaften bis nach Flåm am Ende des Aurlandsfjords. Ein Kreuzfahrtschiff, ein Riesenpott, legt gerade ab, tutet dreimal und wendet erstaunlicherweise direkt auf der Stelle.
Die Flåmsbahn und Bergen
Staunen kann man auch auf der letzten der insgesamt sieben Etappen: Über die Flåmsbahn. Auf 20,20 km Länge bringt sie Radfahrer von der Talstation in Flåm, die auf 2 m ü. d. M. liegt, mit Stopp am sagenumwobenen Kjosfossen-Wasserfall auf 866 m nach Myrdal. Eine Meisterleistung der Ingenieurskunst mit 20 Tunnels und 5 % Steigung. Nun heißt es wieder rauf aufs Rad und runter durch kleine Dörfer mit weinroten Holzhäuschen, vorbei an dunkelgrünen Wäldern, störrischen Kühen und Schafen bis nach Voss, 57 m. ü. d. M. Freie Fahrt! Zunächst geht es abwärts, doch dann folgt ein kleiner Hügel. Das ist wirklich hyggelig! Wobei hyggelig nicht hügelig bedeutet, es sei endlich verraten, sondern nett, gemütlich, angenehm.
Das letzte Stück ab Voss bringt uns die Bergenbahn bis Bergen. Die angeblich regenreichste Stadt Europas empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein. Hunderte von Menschen bevölkern in der Abendsonne die schicken Straßenkneipen, das Leben pulst, fatøl (Fassbier) und lettøl (Dünnbier) machen die Runde. Auch auf dem Fischmarkt, Torget genannt, wo frische Garnelen aus der Tüte besonders lecker schmecken. Der Stockfisch, getrockneter Kabeljau, hängt meist kopfunter, jedoch ohne Kopf. Herr der hängenden Fische auf dem Fischmarkt ist Ole. Sieben Minuten nur braucht die Fløibanen hinauf auf den Hausberg Fløyen. Von hier aus versuchen wir die sieben Berge und die sieben Fjorde, an denen Bergen angeblich liegt, zu erspähen. Unten liegt das wunderhübsche Hotel Havnekontoret, in dem früher die Hafenbehörde ihren Sitz hatte. Gleich nebenan der Stadtteil Bryggen mit den 280 spitzgiebeligen bunten Holzhäusern der Hanse am Kai. Sie gehören zu den von der UNESCO zertifizierten „Kulturdenkmälern der Menschheit". Im Hanseatischen Museum kann man mehr über Handel und Leben der Hanse erfahren. Getrockneter Fisch wurde hier gegen Leinen, Salz, Bier, Getreide und dergleichen mehr getauscht und auf Hansekoggen nach Lübeck gebracht. Nach Lübeck? Auch für uns heißt es nun Abschied nehmen, wenn auch nicht auf einer Kogge.
Eine leichte Radtour durch Fjordnorwegen, die bei Rotalis als Komplettangebot gebucht werden kann. Norwegen, adjø! Es war echt hyggelig!
Wer noch bleiben möchte, kann die Bergenbahn nach Oslo nehmen und sich noch Norwegens Hauptstadt ansehen, die auf jeden Fall einen Besuch wert ist.
