Für erfahrene Notfallmediziner gibt es große Unterschiede zwischen Notfällen mit jüngeren Menschen und solchen, die ältere betreffen. Ein Beispiel kann es verdeutlichen: Elfriede K., 84 Jahre alt, allein stehend, wird von einem Nachbar im Hausflur auf dem Boden liegend gefunden - akut verwirrt, über Schmerzen klagend und stark geschwächt.
Die Gründe für den bedrohlichen Gesundheitszustand der alten Dame können vielfältig sein. Und ohne ihre Vorgeschichte zu kennen, ist es für die Ärzte nicht einfach, die Ursache(n) zweifelsfrei zu erkennen und entsprechende Maßnahmen einzuleiten.
Erleiden junge Menschen Notfälle, dann ist ihr Körper viel eher in der Lage mit körpereigenen Reserven mangelhafte Organfunktionen auszugleichen - einen plötzlichen Blutdruckabfall durch erhöhte Herztätigkeit zum Beispiel. Ganz anders verhält es sich bei Menschen über 70 Jahren: Der altersbedingte Abbau vieler Körperfunktionen und die im Alter häufig vorkommenden Mehrfacherkrankungen (Multimorbidität) sorgen oft dafür, dass
- bestehende Erkrankungen sich plötzlich krisenhaft verschlechtern,
- nach einem Sturz/Unfall durch Schmerzen, Aufregung und die besondere körperliche und seelische Belastung noch weitere Symptome und zusätzliche Komplikationen auftreten
- Fieber, eine Infektion, ein Grippevirus lebensbedrohlich verlaufen können.
Richtig gerüstet sein für den Notfall
Was aber können ältere Menschen und ihre Angehörigen tun, um die Überlebenschancen in einem Notfall zu verbessern? Den Ersthelfern müssen unbedingt die richtigen Informationen über Vorerkrankungen und sonstige gesundheitliche Beeinträchtigungen zur Verfügung stehen.
Im Fall von Frau K. haben – wie übrigens häufig in diesem Alter – gleich mehrere Faktoren dazu geführt, dass sie im Hausflur gefallen ist: Sie litt unter Exsikkose (Austrocknung) wie es im Alter häufig vorkommt. Ihr Durstgefühl hatte in letzter Zeit altersbedingt stark abgenommen, aber auch Medikamente könnten dafür verantwortlich gewesen sein. Frau K. nimmt derzeit vier unterschiedliche gleichzeitig ein – mit Neben- und Wechselwirkungen. Austrocknung und Medikamente sind häufig die Ursache für Schwindelgefühle und daraus resultierende Stürze oder für eine vorübergehende Desorientierung. Diese lässt sich übrigens ohne weitere Abklärung zunächst auch nicht von demenzbedingter Verwirrtheit unterscheiden.
Verschlechtert sich plötzlich der Gesundheitszustand von allein lebenden Menschen wie Frau K., können sie jedoch, wenn sie ohne Bewusstsein oder eben vollkommen verwirrt sind, keine Auskunft zu ihrer Vorgeschichte geben.
Der beste Schutz: ein Notfall-Netzwerk
Der beste Schutz besteht aus
- einem gut funktionierenden Netzwerk. Es besteht aus Nachbarn, Freunden und Angehörigen. Sie alle sollten sich kennen, Telefonnummern austauschen, über ihre mögliche Erreichbarkeit Auskunft geben und natürlich genau Bescheid wissen über den Gesundheitszustand der allein lebenden älteren Person. Jeder von ihnen erhält eine Liste mit deren Vorerkrankungen oder Beeinträchtigungen, mit Medikamenten und den Telefonnummern von Angehörigen und allen weiteren Beteiligten des kleinen Netzwerks, die genaue Auskunft geben können.
- Telefonketten (einmal morgens, einmal mittags). Sie schaffen nicht nur regelmäßigen Kontakt, sondern geben auch Sicherheit: Ist ein Kettenteilnehmer nicht erreichbar (Sturz, Ohnmacht usw.), kann ein Nachbar, ausgestattet mit einem Schlüssel nachsehen, ob alles in Ordnung ist.
Wer nicht in der glücklichen Lage ist, sich auf ein solches Netzwerk verlassen zu können, sollte sich einen so genannten Hausnotruf installieren lassen. Dabei trägt man einen Signalgeber um Handgelenk oder Hals, mit dem man Hilfe holen kann. Bekannteste Anbieter für Hausnotruf sind Wohlfahrtsverbände wie Malteser aber auch zunehmend private Unternehmer.
Aktiv werden, statt zu verdrängen
Nur dann, wenn man sich rechtzeitig auf solche Notfallsituationen vorbereitet, kann man, wenn es wirklich darauf ankommt, entsprechend ruhig und überlegt handeln, den Notarzt alarmieren, Symptome aufmerksam registrieren und die Fragen des Helferteams nach Vor- oder Grunderkrankungen umfassend beantworten. Deshalb sollten sich die betroffenen älteren Menschen, ihre Lebenspartner, Angehörigen, Freunde und Nachbarn gemeinsam und rechtzeitig einen Plan für den Notfall zurechtlegen.
Auf folgende, am häufigsten vorkommende Notsituationen sollte man sich mit steigendem Alter vorbereiten. Persönliche Risikofaktoren oder Vorerkrankungen wie etwa Herzinfarkt oder Schlaganfall und Grunderkrankungen wie zum Beispiel Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Demenz usw. müssen natürlich ganz oben auf die Liste.
- Sturz
- Medikamente
- Austrocknung (Dehydrierung, Exsikkose)
- Diabetes, Blutzuckerentgleisungen (Über- oder Unterzuckerung)
- Herz-Kreislauferkrankungen
- Herzinfarkt und Schlaganfall
- Fieber, Infektionen (Lungenentzündung), Virus-Grippe
Angehörige oder Menschen, zu denen man besonderes Vertrauen hat, sollten außerdem darüber informiert sein, wo notwendige Unterlagen wie beispielsweise Patientenverfügung oder Vorsorgevollmachten bereitliegen.
Auch wenn allein der Gedanke an solche Notfall-Szenarien uns schreckt und dazu bringt, lieber alles zu verdrängen, sollten wir uns trotzdem dieser unangenehmen Aufgabe stellen. Kennen die Ärzte die möglichen Ursachen für eine akute Gesundheitsverschlechterung, dann können sie schneller das Richtige tun. Sind sie allein auf ihr Gespür, Annahmen und Vermutungen angewiesen, steigt das Risiko für die betroffenen Patienten zu Notfallpatienten zu werden und Schäden zu erleiden, von denen sie sich nur noch schwer oder gar nicht mehr erholen.
