Notizen zur Rhetorik des Zwiebelfischs (Bastian Sick)

Zwiebelfisch-Kolumnen: Formen der Ironie.  - Frederik Weitz
Zwiebelfisch-Kolumnen: Formen der Ironie. - Frederik Weitz
Bastian Sick gehört zu den bekanntesten deutschen Sprachbetrachtern. Mit rhetorischen Mitteln geht er in seinen Kolumnen sparsam um.

Sick wurde zunächst durch seine Kolumne Zwiebelfisch auf Spiegel online bekannt. Diese Kolumnen veröffentlichte er dann als Buch, "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod", das sich hervorragend verkaufte. Hier erfahren Sie einige wichtige stilistische und rhetorische Mittel, mit denen der Bestseller-Autor seine Texte "würzt".

Nachahmung und Ironie

Schon der Titel des bekannten Buches weist auf eine typische rhetorische Figur hin, die Bastian Sick gerne benutzt: die Nachahmung, die zugleich übertreibt oder – durch den Kontext – als uneigentlich gekennzeichnet ist. Die Ironie lebt von dieser Nachahmung. Sie übernimmt eine fremde Sicht oder eine fremde Marotte, tut so, als sei dies die eigene Sicht oder Marotte, übertreibt diese aber so sehr, dass sie als Bruch der Perspektive verstanden wird und so die eigentliche Perspektive, etwa die von Bastian Sick, wieder hergestellt werden kann.

So schreibt er in seiner Kolumne "Glücksgefühle in Hülle und Fülle": "Danach begann ich, ganze Sätze mit Ü-Wörtern zu bilden. Dieses übermütige Vergnügen kostete mich eine weitere schlaflose Nacht." In dieser Kolumne geht es um das "ü", das durch türkische Mitbürger, aber auch durch mundartliche Einflüsse zur Verunstaltung von Wörtern führt: Gürüstbau, Kürchtürme. Sick übertreibt die Häufung des Vokals und ironisiert dadurch.

Hyperbel und Frequenz

Die Häufung einer stilistischen oder rhetorischen Figur bezeichnet man in der Rhetorik als Frequenz. Durch eine solche unübliche Ansammlung einer einzelnen Figur erzeugt Sick eine Übertreibung, also eine Hyperbel, wie der fachlich richtige Name lautet.

Hyperbeln kommen in ganz unterschiedlicher Weise vor. In der selben Kolumne spricht Sick vom "deutschen Konsonantengestrüpp". Dies ist eine Metapher, die der deutschen Sprache Unrecht tut. So schlimm ist es nun auch wieder nicht, und Sick weiß das. Er übertreibt und diese Übertreibung geschieht auf der Ebene der Wortsemantik. Dagegen ist die übertreibende Häufung einer bestimmten Figur entweder innerhalb eines Satzes, eines Textabschnittes oder eines ganzen Textteils zu finden.

Morphologische Devianzen

Typisch bei Sick sind Betrachtungen über die Einflüsse von Dialekten, sei es das Deutsch-Türkische, sei es das Schwyzerdütsch. Solche Dialekte glänzen durch morphologische Devianzen, soll heißen: die normale Gestalt eines Wortes wird durch Einfügungen (Gülühwein), Auslassungen (Frise, statt Frisur) oder Ersetzungen (Kürchturm) verunstaltet.

Solche morphologischen Devianzen eignen sich deshalb so gut für Kolumnen, weil sie ironische Missverständnisse erzeugen können. Das Wort "Präse" für Präsentation könnte nämlich auch, wie Sick süffisant in seiner Kolumne "Tanke? Nein, danke!" mitteilt, für Präservativ stehen. Morphologische Devianzen finden sich übrigens bei vielen großen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, wie James Joyce, Alfred Döblin, Hermann Broch, Arno Schmidt, Günter Grass, Friederike Mayröcker, Ernst Jandl, und nicht zuletzt in der Humorkultur der feineren Art bei Loriot, Robert Gernhardt oder eben Bastian Sick.

Exempel und Exkurse

Die Häufung von Stilmitteln kann aber nicht nur auf der morphologischen Ebene der Sprache vollzogen werden. Viel wichtiger – und viel banaler! – ist die Häufung von Beispielen zu einem bestimmten sprachlichen Phänomen, also die Aufzählung. Diese findet man eigentlich ständig bei Sick. Aber mal ehrlich: Wie sollte es auch anders gehen?

In eine Aufzählung lässt sich übrigens, und Bastian Sick nutzt dies auch, eine Steigerung hineinbringen, etwa vom Gewöhnlichen zum Skurrilen, vom Einfachen zum Komplexen oder vom Eindeutigen zum Schlüpfrigen. Das Beispiel nennt sich auch exemplum. Dagegen ist ein excursus durch eine Abschweifung vom eigentlichen Thema geprägt. Diese kann entweder kontrastierend oder erläuternd sein. Ein kontrastierender Exkursus wäre in einer Kolumne über das "ü" eine kurze Betrachtung über das "ä". Oder in einer Kolumne über sprachliche Vereinfachungen stände ein Absatz über deren Gegenteil, die sprachliche Aufblähung.

Ein erläuternder Exkurs dagegen erklärt ein bestimmtes Phänomen oder einen bestimmten Zusammenhang. So findet sich in "Glücksgefühle in Hülle und Fülle" eine Anmerkung zur türkischen Morphologie, also zur Wortgestalt in den westoghusischen Sprachen.

Metaphern und Wortfelder

Auch die Metaphern werden bei Sick häufig zur Ironisierung eingesetzt. Und wiederum findet man hier die Figur in einer Häufung: "'Frise' ist vielleicht nur ein weiterer Plastikbecher auf dem Müllberg der Sprachdeponie, aber immerhin noch nicht ganz so verbraucht wie andere fetzige Wörter." (aus: "Tanke? Nein, danke!")

Hier finden sich "Plastikbecher", "Müllberg", "Sprachdeponie" und "verbrauchen", die nicht nur Wörter ersetzen, sondern untereinander auch einen gemeinsamen semantischen Bezug aufweisen. Sie gehören alle in das Wortfeld "Abfall".

Werden Metaphern bevorzugt oder ausschließlich aus einem Wortfeld entnommen, entstehen rasch seltsame, häufig äußerst komische Effekte. Es ist ein beliebtes Stilmittel von Satirikern und Kabarettisten. Sick nutzt diese Technik jedoch meist nur innerhalb eines Satzes, manchmal auch in einem Dialog oder einer kurzen, erzählenden Passagen, dies allerdings selten.

Parallelisierung und Opposition

Spannung und damit Lesererwartung entsteht durch Schilderungen von Konflikten. Kommentierende Texte müssen hier auf real existierende Kontraste und, der schärferen Form, Oppositionen zurückgreifen. Kontraste und Oppositionen beschreibt man, auch Sick, durch Beispiele oder durch schlichtes Benennen des Kontrastes, etwa gut/böse. Allerdings kann sich Sick darauf stützen, dass die Leser wissen, dass die grundlegende Opposition seiner Kolumnen das richtige/falsche Sprechen oder Schreiben ist. In diesem Fall muss die regelhafte Seite nicht explizit ausgeführt werden.

Häufig markiert Bastian Sick den Kontrast durch eine Übersetzung: "Philipp ist Journalist und hat, wie er findet, eine 'flotte Schreibe'. Damit meint er seinen Schreibstil. Meine 'Denke' sei manchmal ganz schön verdreht, sagt er. Ich denke, mit 'Denke' meint er meine Denkweise." (aus: "Tanke? Nein, danke!") So parallelisiert der Autor durch die Übersetzung ins richtige Deutsch und kontrastiert damit zugleich sprachliche Abweichungen.

Kontrastierende Metaphern

In "Glücksgefühle …" nutzt Sick eine Kombination aus Metaphern zur Parallelisierung: "Daher wird beim Sprechen (und offenkundig auch beim Schreiben) ins deutsche Konsonantengestrüpp gern die eine oder andere türkische Vokal-Blume gepflanzt." Das abwertende Wort "Gestrüpp" steht der "Blume" entgegen und schiebt dadurch den Kontrast Konsonant/Vokal in Richtung Opposition. Ein Kontrast ist einfach nur ein sinnlicher Unterschied, während eine Opposition wertet. Der Unterschied Deutsch/Türkisch wird ebenfalls verschärft, aber auch ironisiert. Die Formulierung "die eine oder andere Blume pflanzen" verweist auf die Ausnahme, der eine Regel gegenüber stehen muss. Was aber ist das für eine Regel, die durch das Wort "Gestrüpp" metaphorisiert wird? Dieser Satz ist ein meisterhaftes Beispiel, wie durch die Häufung rhetorischer Mittel Kontraste zugleich verdeutlicht und gekippt werden können.

Den Sinn aufs Spiel setzen

Eine ironische Wendung durch die Häufung von Figuren findet sich in dem bereits oben zitierten Satz: "'Frise' ist vielleicht nur ein weiterer Plastikbecher auf dem Müllberg der Sprachdeponie, aber immerhin noch nicht ganz so verbraucht wie andere fetzige Wörter." Das Wort "fetzig" entspringt dem Soziolekt der Jugendsprache und kann als verblasste Metapher gelten. Ironisch ist hier schon, dass Sick diese Jugendsprache kritisiert, dann aber selbst darauf zurückgreift. Doch das Wort "fetzig", das auch für modern und aktuell steht, kontrastiert mit dem Wort "verbraucht". In einem Subton allerdings ist ein Fetzen ebenfalls etwas, was verbraucht ist. So ergibt sich hier ein witziger Effekt, indem die sinnhaften Bezüge innerhalb eines Satzes dermaßen erhöht werden, dass eine eindeutige Aussage über die Satzbedeutung gar nicht mehr möglich ist.

Bastian Sick als Stilist

Trotzdem: Der eigentliche Aufbau von Sicks Kolumnen und die meisten seiner Sätze gehorchen dem Prinzip der Einfachheit. Die Kolumnen sind klar gegliedert: eine Überschrift, dann eine knappe, orientierende Darstellung des Problems, dann folgt die Ausführung, meist eingeleitet durch ein überraschendes oder witziges Beispiel, dem einige weniger dramatische Beispiele und allgemeine Betrachtungen folgen, schließlich ein besonders skurriles oder sogar schlüpfriges Beispiel oder eine pointierte Verdichtung einer sprachlichen Devianz und einige abschließende Worte.

Die Sätze halten sich in einer Mischung von einfachen Hauptsätzen und Hauptsätzen mit einem Nebensatz. Oft findet sich sogar der Journalisten empfohlene Wechsel zwischen einem Hauptsatz, dann einem Hauptsatz plus einem Nebensatz, dann wieder ein Hauptsatz, dann wieder ein Hauptsatz mit Nebensatz, und so weiter.

Vertiefende Links

Rhetorisches Basiswissen – die soziale Gruppierung von Zeichen

Rhetorisches Basiswissen – Zeichen im Kontext

Rhetorisches Basiswissen – Zeichen und Zeichenstruktur

Links

Zwiebelfisch

Literatur

Plett, Heinrich F.: Systematische Rhetorik. München 2000

Link, Jürgen: Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe. München 1993

Frederik Weitz, Frederik Weitz

Frederik Weitz - "Ich denke gern." hat der französische Philosoph Michel Foucault mal gesagt. Das ist zwar nicht mein einziges Lebensmotto, aber ...

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