Novalis Hymnen an die Nacht

Die Hymnen an die Nacht sind ein aus Trauer entstandenes Werk. Es beinhaltet die Gefühle und Gedanken des Novalis als autobiographische Elemente

4. Hymne - Bewusstseinveränderung

Schaut man sich die Einleitung der vierten Hymne an, erkennt man eine Veränderung des Bewusstseins des lyrischen Ich: “Nun weiß ich, wenn der letzte Morgen sein wird- wenn das Licht nicht mehr die Nacht und die Liebe scheucht-“ Das Ich gibt hier eine Antwort auf die Einleitung der 2. Hymne.

Es ist ihm nun bewusst, dass es einen letzten Morgen geben wird und dass es sich dann der ewigen Nacht, also dem Tod, hingeben kann, um dort mit der Geliebten auf alle Ewigkeit verbunden zu sein. Es akzeptiert nun den Tag mit all seinen Pflichten und empfindet sogar wieder Fröhlichkeit. “Noch weckst du, munteres Licht, den Müden zur Arbeit- flößest fröhliches Leben mir ein- aber du lockst mich von der Erinnerung moosigem Denkmal nicht.“Trotz des Lichtes bleibt das Ich der Nacht, und somit Sophies Andenken, verbunden.

Das Leben bis zu seinem letzten Morgen wird hier als „ Wallfahrt zum heiligen Grabe“ bezeichnet, die unter der Last des Kreuzes stattfindet. Hier werden persönliche Empfindungen und Schlüsselworte mit christlichen Vokabular vermischt und es entstehen Doppelbedeutungen. Das angesprochene heilige Grab kann das Grab des Jesus Christus sein, welches für alle Christen heilig ist. Oder das lyrische Ich spricht hier über sein persönliches heiliges Grab, nämlich das der Geliebten Sophie.

Dem Prosatext in Hymne 4 folgt ein Gedicht aus 28 Versen. In diesem Schlussgedicht wird die Sehnsucht nach der Nacht und somit das Streben nach dem Tode ausgedrückt. Der Tod bietet nun endlich die Möglichkeit, nach den langen Jahren des Lebens, zu seiner Geliebten zu gelangen.

Hier wird die nächste Erkenntnisstufe erreicht. Das lyrische Ich zieht nicht mehr nur die übersinnliche Welt (Tod) der irdischen Welt vor. Sondern es akzeptiert beide. Denn man muss das endliche irdische Leben (Licht) mit all seinen Höhen und Tiefen durchleben, um im Tode (Nacht) das ewige überirdische Leben zu erreichen. Der Todeswunsch ist endgültig überwunden worden.

5. Hymne - Die Geschichte der Menschheit

Anders als die vier vorangegangenen Hymnen ist die Fünfte eindeutig die Längste. Diese Hymne beschäftigt sich nicht mehr mit persönlichen Erfahrungen, sondern erzählt von der Geschichte der Menschheit. Statt in der Ich-Erzählung wird die Hymne nun in der dritten Person erzählt.

Novalis gibt hier auch einen religiös geprägten Überblick über die Geschichte der Menschheit von der Antike bis zu Gegenwart. Dieser ist nach dem Erkenntnisschema aufgebaut.

Die Hymne beginnt mit dem antiken Griechenland. Es werden indirekt viele griechische Gottheiten beschrieben, die im Einklang mit dem „Erdbewohner“ ein „ewig buntes Fest“ feiern. Es werden folgende Gottheiten genannt: „ Ein alter Riese trug die selige Welt. Fest unter Bergen lagen die Ursöhne der Mutter Erde. [...] -ein Gott in den Trauben- eine liebende, mütterliche Göttin, emporwachsend in vollen goldenen Garben- [...] Dienst der schönsten Götterfrau.“Entschlüsselt sind das: Atlas, die Titanen, Gaia, Dionysos, Demeter und Aphrodite.

Dem rauschvollen Fest des Lebens stellt sich allerdings ein Problem entgegen: Der Tod, der nicht in das freudige Leben mit integriert wird. Denn er ist nur die Beendigung der Existenz und kein Tor in ein weiteres Leben: „Es war der Tod, der dieses Lustgelag/ Mit Angst und Schmerz und Tränen unterbrach.

Dann begann das Zeitalter der Spätantike. Diese Übergangsphase ist geprägt durch Zerfall und Verlust der alten Gottheiten. Die Götter wandeln nun nicht mehr im Licht, sondern sie existieren nur noch in der Nacht - im Schlaf. Sie sind in Vergessenheit geraten.

Diese Phase der Menschheitsgeschichte führt, innerhalb dieser Hymne, auf die dritte Stufe des Erkenntnisprozesses. Diese beginnt mit der Geburt Christi. In dieser Phase wird Jesus als ein Mittler zwischen Menschheit und Gott angesehen. Durch die Lehren Jesus gilt Tod nun als Schwelle ins ewige Leben: „Im Tode ward das ew´ge Leben kund, / Du bist der Tod und machst uns erst gesund.“

Somit ist die dritte Stufe der Erkenntnis innerhalb dieser Hymne erreicht. Der Tod durchlebte eine Wandlung. Statt Existenzen kalt zu beenden, wird der Tod nun zum Tor in das ewige Leben bei Gott. Novalis geht in dieser Hymne auf zentrale Elemente des Christentum ein. Er beschreibt die Auferstehung als wichtiger Bestandteil des ewigen Lebens nach dem Tod. Ebenso setzt er Jesus als Mittler zwischen Menschheit und Gott ein. Die selbe Mittlerfunktion hat auch das Bild der Geliebten inne. Sie steht zwischen dem irdischen Bewusstsein des Lebens und dem noch nicht greifbaren Übersinnlichen.

Der Sänger, der im letzten Drittel der Hymne genannt wird, repräsentiert den Dichter des Textes, der auszieht, um die frohe Botschaft vom Tod und dessen Erlösung zu verkünden. Der Sänger übernimmt hier eine Rolle eines Verkünders und somit erhält die Botschaft die Stellung eines Evangeliums .

Mit der 5. Hymne wird die dritte Erkenntnisstufe des gesamten Werkes erreicht. Das lyrische Ich erkennt den Weg zu Gott. Licht (Leben) und Nacht (Tod) gehören zusammen und nur diese beiden können zur göttlichen Erlösung führen. Der Tod ist das Tor zum ewigen Leben und der Begegnung mit Gott und somit die Zusammenkunft mit seiner Geliebten.

6. Hymne - Sehnsucht nach dem Tode

Die sechste Hymne hat die Überschrift „Sehnsucht nach dem Tode“ und ist die einzige betitelte Hymne. Sie ist in 10 Strophen zu je 6 Versen aufgeteilt und in der 1. Person Plural geschrieben. Sie erinnert stark an ein geistliches Lied und ist absolut ernüchternd nach der Euphorie der 5. Hymne, deren Gehalt sie gänzlich annulliert. Gerade diese ernüchternde Haltung lässt sie nicht mehr in das Gesamtwerk passen, da sie der Allgemeinenaussage des Werkes absolut widerspricht. Diese Losgelöstheit sowie der melancholischer Charakter der 6. Hymne lässt vermuten, dass sie nicht nach den ersten fünf Hymnen geschrieben wurde, sondern schon viel früher entstanden ist.

Die Stimmung dieser Hymne ist absolut negativ. Sie beschreibt einen Zwiespalt zwischen dem irdischen Diesseits und dem Jenseits. Dessen Lösung nur im Tod liegen kann. Sie beschreibt die Einsamkeit auf Erden, wenn alle Lieben schon unter der Erde sind und sich „der Sehnsucht Hauch.“ des Menschen bemächtigt und ihn nach dem Tode streben lässt.

Novalis macht in der letzten Strophe auch eine Andeutung an seine Geliebte:

„Hinunter zu der süßen Braut,“Hier wird wieder das Streben nach der ewigen Vereinigung mit der Braut, wie in der 1. Hymne, deutlich. Es wird auch eine Gottesferne beschrieben, die wieder absolut gegensätzlich zu der Gottesgewissheit der 5. Hymne ist „Die Vorzeit, wo die Sinne licht / In hohen Flammen brannten, / Des Vaters Hand und Angesicht / Die Menschen noch erkannten,[...]“ Diese gefühlte Gottlosigkeit, lässt den Menschen noch mehr nach dem Tode streben.

In dieser Form darf man die 6. Hymne nicht zum eigentlichen Gesamtwerk rechnen. Da sie der Aussage dem Gehalt des Werkes absolut widerspricht und sie absolut losgelöst zu den anderen Hymnen steht.

Trotz der scheinbaren Abgeschlossenheit des Werkes, lässt sich doch vermuten, dass es sich bei den „Hymnen an die Nacht“ dennoch um ein Fragment handelt.

Zum 1. Teil der Interpretation

Die Hymnen an die Nacht in Bezug auf die Romantik

Quelle:

http://gutenberg.spiegel.de/buch/5237/2 (Originaltext)

Denise Plättner - Hallo, mein Name ist Denise. ich schreibe erst seit Kurzem auf diesem Forum,aber ich glaube hier in suite101 gefunden zu haben, das mir ...

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