NS-Ordensburgen: Vogelsang, Sonthofen, Krössinsee

Von der Adolf-Hitler-Schule über die Ordensburgen in die "Hohe Schule der NSDAP", die geplante Bildungslaufbahn des "Dutzend- oder Tausendjährigen Reiches".

Das Unbegreifliche der Ordensburgen schwankt zwischen der Faszination des Nebulösen und der Banalität des Alltäglichen, zwischen NS-Kaderschmiede und vermeintlich ganz normaler Schule.

Den NS-Ordensburgen haftete lange Zeit das Stigma des Unbegreiflichen, weil unbekannten und unfassbaren, an. Ein Stigma, das bis heute eine grundlegende und sachgerechte Auseinandersetzung mit einem Thema verhindert hat, das für das tiefere Verständnis der NS-Diktatur und das Erfassen des Geschehenen eigentlich unverzichtbar ist. Franz Albert Heinen ist es gelungen, mit seinem Buch „NS-Ordensburgen: Vogelsang, Sonthofen, Krössinsee“ einem Tabu in Sachlichkeit zuleibe zu rücken.

Propagande, Agitation, Indoktrindation

In ländlichen Bereichen, zugleich in Grenznähe gelegen, sollten die Ordensburgen nicht nur der direkten Ausbildung der Ordensjunker dienen. Sie sollten auch im Umfeld, auch bei den grenznahen Auslandsdeutschen, Propaganda, Agitation und Indoktrination betrieben. Franz Albert Heinen bricht ein Tabu, geht sachlich-konsequent mit dem oft verdrängten Thema um. Er hat gründlich recherchiert, und lässt zugleich auch Zeitzeugen – Ordensjunker, Schüler der Ordensburgen – aus ihren Erinnerungen und Lebenserfahrungen berichten. Schließlich sollten sie die „Fackelträger der Nation“, die lebendigen „Festungen des Glaubens an Deutschland“ werden.

"Fackelträger der Nation" als Nachwuchs der Parteisoldaten

Auf dem Weg der Ordensburgen wollte sich ein Regime, dessen Führungskorps aus eigener Sicht zu überaltern drohte, den passenden Nachwuchs prägen und heranziehen. Die „Tempel des Nationalsozialismus“ waren großzügig eingerichtete Internate, geplant für die Aufnahme von 500 auserwählten Schülern. Versehen mit allen damals erdenklichen Versorgungseinrichtungen und den mordernsten Sportanlagen jener Zeit. Die werdenden „politischen Soldaten“ und „Priester der Weltanschauung“ sollten fest an das System gebunden werden.

Von der Adolf-Hitler-Schule bis zur "Parteiuniversität"

Die Vorstufe der Ordensburgen waren die „Adolf-Hitler-Schulen“, welche die Aufgabe hatten, Internatsschüler bis zum 18. Lebensjahr unter Führung der Hitler-Jugend zu erziehen. Die Krönung der nationalsozialistischen Bildungslaufbahn – die Ordensburgen unterstanden dem Reichsorganisationsleiter Dr. Robert Ley, im Volksmund „Reichstrunkenbold“ genannt“ – wäre nach dem Besuch einer der Ordensburgen (dazwischen waren noch Arbeits- und Wehrdienst abzuleisten) dann die „Parteiuniversität“ - die „Hohe Schule der NSDAP“ gewesen. Die permanente Auslese hätte also in eine Universität geführt, welche direkt dem Ideologen Alfred Rosenberg unterstanden hätte. Der Lauf der Zeit verhinderte, dass dieses Programm umgesetzt werden konnte.

Offene, sachliche Darstellung der Tatsachen

Franz Albert Heinen nennt die Tatsachen beim Wort. Er geht offen und ehrlich mit der Geschichte um. Auch mit der Tatsache, dass nicht wenige Ordensjunker bei der deutschen Besatzungsherrschaft im unterjochten Polen zum Einsatz kamen. Und dabei eben nicht im Sozialdienst tätig waren, sondern sich mit Umsiedlungsaktionen, Ghettoisierung, Selektion und Zwangsarbeit befassten. Teilweise als Gebietskommissare, als deren Stabsleiter, als Judenreferenten, als Abteilungsleiter… Sie waren damit mit allen Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung betraut – mit Ausnahme der letztendlichen Ermordung.

Monumental-berrschende NS-Protzbauten

Neben den Ordensburgen geht Franz Albert Heinen in einem Kapitel auch auf die Adolf-Hitler-Schulen ein. Das insgesamt mehr als gelungene und sehr sachliche Werk erläutert auch, was nach dem Kriege mit den monumental-beherrschenden NS-Protzbauten, welche Jahrtausende hätten überstehen sollen, geschah. Auch aus dem Schicksal der Gebäude lässt sich erklären, warum so lange Schweigen über ein notwendig zu erörterndes und darzustellendes Thema geherrscht hat.

Franz Albert Heinen: NS-Ordensburgen. Vogelsang, Sonthofen, Krössinsee. Ch. Links Verlag, März 2011. 216 Seiten mit 241 Abbildungen, Festeinband, ISBN 978-3-86153-618-5, Euro 34,90 (D), Euro 35,90 (A), 49,90 (sfr).

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