
- Nullte Stunde? - Gerd Altmann/pixelio
5:45 Uhr, die zehnjähirige Lara wird aus dem Schlaf gerissen, um pünktlich zur nullten Stunde, um 7:30 Uhr, in der Schule zu sein. Um diese Zeit bekommt sie keinen Bissen von ihrem Frühstück herunter, wie in Trance packt sie ihre Sachen und macht sich noch vor dem Morgengrauen auf den Weg zum Bus.
Lara ist kein Einzelfall. Viele Kinder in Deutschland müssen noch vor 8.00 Uhr die Schulbank drücken, obwohl das nachweislich ihrem Biorhythmus widerspricht. In anderen europäischen Ländern wie z. B. Spanien und England haben die Verantwortlichen diesen Zusammenhang bereits erkannt und mit der Verlegung des Unterrichtsbeginns eine Entlastung geschaffen.
Was Schlafforscher behaupten
Die Chronobiologie untersucht "die zeitliche Organisation von Organismen. In dieser Organisation spielen Rhythmen, häufig von inneren biologischen Uhrsystemen verursacht, eine große Rolle". In diesem Zusammenhang wurde festgestellt, dass z. B. Grundschüler mindestens 10-12 Stunden Schlaf benötigen. Ein früheres zu Bett gehen beeinflußt die "innere Uhr" leider nicht, daher hilft nur, morgens länger schlafen. Während der Pubertät reduziert sich das Schlafbedürfnis auf 8,5 - 9 Stunden, allerdings steigt in diesem Alter das Bedürfnis nach einem Mittagsschlaf.
Der wissenschaftliche Berater des schlafmedizinischen Zentrums der Universität Regensburg, der Chronobiologe Prof. Jürgen Zulley ist der Ansicht, dass der Schulbeginn um 9.00 Uhr absolut sinnvoll wäre, da die Zeit viel besser zum biologischen Rhythmus der Kinder passt. Die Leistungskurve von Schulkindern ist morgens um acht Uhr noch nahe dem absoluten Tiefpunkt, ihre Lernfähigkeit tendiert um diese Zeit gegen Null. Erst ab neun Uhr erreicht ihre Leistungskurve ein Niveau, das sich zum Lernen eignet. Den Höhepunkt ihrer Kreativität erreichen sie im Normalfall zwischen zehn und elf Uhr. Internationale Studien belegen, dass ein späterer Beginn zu weniger Verspätungen, zu Leistungsverbesserungen und geringerer Anfälligkeit für Krankheiten führt.
Noch stärker betroffen sind Kinder, die einen längeren Schulweg haben und somit noch früher aus den Federn müssen. Dauerhaftes Schlafdefizit führt zum sog. delate sleep phase syndrom (DSPS), auch Schlafphasensyndrom genannt. Die Kinder sind schneller gereizt und nicht mehr so lernfähig. Was erreicht werden kann, wenn der Unterricht nur um eine halbe Stunde verschoben wird, zeigt eine aktuelle amerikanische Studie .
Gründe für einen Frühunterricht
Nach all dem, was man weiß, drängt sich die Frage auf, warum es in Deutschland nicht möglich ist, den Schulbeginn nach hinten zu verlegen. Fragt man an den Schulen nach, hört man immer wieder ähnliche Begründungen:
- Die Schüler haben ein bestimmtes Stundenpensum. Wenn sie später beginnen, müssen sie länger bleiben.
- Viele Eltern haben einen frühen Arbeitsbeginn. Ihnen kommt der noch frühere Schulbeginn sehr entgegen.
- Lehrer wünschen sich den frühen Unterrichtsbeginn, da sie nicht bis in den Nachmittag hinein in der Schule sein wollen.
- Die Schule hat die Erfahrung gemacht, dass Schüler in der nullte Stunde ruhiger und aufnahmefähiger sind.
Politiker stimmten bereits vor zehn Jahren einem späteren Schulbeginn zu, überliessen die Entscheidung jedoch den Kommunen und gaben zu bedenken:"Die Arbeitswelt ist darauf nicht eingestellt."*
Die Nutznießer dieser Regelung scheinen eindeutig die Erwachsenen zu sein, die durch den frühen Start der Kinder ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen, oder es dadurch zumindest einfacher haben. Allerdings - auch den Erwachsenen fällt es schwer, morgens zu früh ihrer Arbeit nachzugehen. Oftmals brauchen sie erst eine Stunde "Anlaufzeit", um produktiv zu werden.
Würden wir umdenken und unsere Arbeitszeiten in Einklang mit unserem Biorhythmus bringen, würden wir unser Potenzial erfolgreicher und gesünder nutzen. Die Folgen wären u. U. ein geringerer Krankheitsstand, produktivere Mitarbeiter und ausgeglichenere Kinder. Volkswirtschaftlich gesehen durchaus positive Aussichten.
*Quelle: Der Spiegel 50/2000, "Falscher Rhythmus"
