Nur Mut für Knut - was tut den Eisbären gut?

Knut und Katjuscha  - Birgit S.
Knut und Katjuscha - Birgit S.
Es geht hier nicht nur um Knut - es geht um alle im Berliner Zoo lebenden Eisbären, um ihr Wohlergehen, um ihre Lebensfreude und einen medialen Hype.

Abseits der letzten, fast hysterischen Wortmeldungen der Presse und der Fernsehkanäle, ging die ganze Diskussion um den Eisbären Knut in dieser Oktoberwoche 2010 ganz einfach am Thema vorbei: Was tut den Eisbären gut?

Kurze Chronologie der Ereignisse im Zoologischen Garten Berlin

Am 17. Oktober dreht eine der regelmäßigen Knut-Beobachterinnen ein Video von einer Szene aus dem Eisbären Alltag. Das erste Mal seit ihrem Zusammenkommen, also seit etwa einem Monat, plumpst Knut bei einem etwas unerwarteten Hinschnappen von Katjuscha rücklings ins Wasser. Für einen Eisbären keine allzu dramatische Situation. Knut schwimmt ein kurzes Stück, steigt aus dem Wasser, die drei Eisbärinnen empfangen ihn, wie so oft – neugierig – er brummt, geht wieder an seinen Platz.

Was wird aus dieser einzelnen Szene in den Medien? Das große Eisbärenmobbing.

Die Verselbstständigung einer kurzen Szene

Das auf You Tube eingestellte Video wird verzerrt, diese eine Sequenz einzeln herausgepickt, mit Wiederholungen abgespielt, um das Ereignis nur dramatisch genug dar zu stellen – alles ohne die Filmerin auch nur zu kontaktieren oder dazu zu befragen. Vereinzelte Medien hatten zwar dann angefragt, trotz eines "Neins" der Verfasserin die Bilder dennoch gezeigt. Dass diese eine Sequenz einen gänzlich verfremdeten Blick in den Eisbärenalltag gibt, beweisen die Schlagzeilen der nächsten Tage.

Schlagzeilen der Tage vom 17. Oktober bis etwa 23. Oktober 2010

  • Knut wird von den Eisbärinnen gemobbt
  • Knut wird von den drei großen Bärinnen gebissen
  • Drei alte Schachteln mobben Knut
  • Die treuen Fans ertragen den Anblick nicht mehr
  • Knut versteckt sich, Knut zittert
  • Die alten Bärinnen fühlen sich vom jungen Männchen bedroht
  • Eisbär Knut schwebt in akuter Lebensgefahr
  • Ein Video zeigt das Leiden des einsamen Bären

Ein dringend notwendiger Kommentar zu diesen Schlagzeilen

„Es wird geschrieben, dass Knut von den drei Eisbärinnen gebissen wurde. Das entspricht nicht den Tatsachen. Egal, wie man auf diese Situation reagiert, man sollte bei der Wahrheit bleiben.“ Das stellt eine regelmäßige Besucherin der Eisbären eindeutig fest. Denn nicht jeden Tag kommt es zu solchen spektakulären Szenen. Meistens geht es viel entspannter zu. Es wird auch mal „Küsschen gegeben“, aber das ist natürlich nicht so Schlagzeilen-trächtig. Tosca, Nancy und Katjuscha sind ein liebenswertes Eisbären-Trio und keine Megären; ein Glück, dass die Tiere nicht lesen können.

Was diese ganze Schlagzeilen bewirken sollen?

Es geht einfach darum, was und vor allem, wie die Presse in den letzten Tagen über den Zoo berichtet hat und das Ganze weltweit. Glaubt ehrlich irgendjemand, dass dies eine Basis für eine sachliche Diskussion mit der Zooleitung ist?“, fragt sich zurecht der Leser.

Wollte man damit etwas zur Verbesserung der Situation von Knut bewirken, dann ist man kontraproduktiv vor gegangen. Man kann nicht jemanden vorher beschimpfen und sich dann zu einem konstruktivem Gespräch an einen Tisch setzen wollen.

Ein medialer Lichtblick in diesen Tagen

Die Berliner Morgenpost vom 21. Oktober 2010; Bericht von Sabine Flatau:

„Doch das Bild, das sich an diesem Mittwochmittag bietet, ist friedlich. Nur die große und schwere Katjuscha ist von Unruhe erfüllt. Sie tappt umher, langt mit den Krallen ins Wasser. Trottet wieder bergauf. Katjuscha ist in Verruf geraten durch ein Video, das im Internet zu sehen ist. Sie habe Knut bedrängt und gebissen, heißt es seither. Aber möglicherweise ist das eine Täuschung.

"Man muss genau hinsehen", sagt eine regelmäßige Besucherin. "Katjuscha fühlt sich einsam. Denn die Bärinnen Tosca und Nancy seien dicke Freundinnen. Oft lägen sie dicht aneinander gekuschelt auf einem Felsen oder in der Höhle. Katjuscha ist davon ausgeschlossen und sucht Kontakt. Bei Knut. Oft beschnuppern und umkreisen sich die beiden. Eine Beziehung bahnt sich an, die durchaus freundschaftlich ist. Dass die ältere Bärin mal nach dem jüngeren schnappt und er dann ins Wasser purzelt, sei kein Grund zur Besorgnis. Sogar einen Eisbärenkuss habe Katjuscha schon von Knut bekommen.“

Was die Eisbären wirklich brauchen und was sich die Eisbären-Freunde wirklich wünschen

Beschäftigungsmaterialien, Enrichment – das Zoo-Zauberwort, das wünschen sich die Meisten. Objekte, im Gehege platziert, damit das Tier seine Verhaltensweisen ausüben kann. Diese Gegenstände könnten Säcken, Seile, Boomer Bälle, Kauspielwaren, Holzpflöcke als Beute-Ersatz oder Äste sein. Ob gezieltes Enrichment, gerne auch Naturmaterialien, wie Äste, wirklich Unruhe unter die Bären bringen würde?

Gehege-Gestaltung: Sand, Gras, Mulch, Dinge, die Knut in seinem ursprünglichen Gehege zur Genüge hatte, die ihm sicher auch die Anpassung an die neue Gruppe erleichtern würde. Oder wie es ein Zoo in Amerika ausdrückte: "Only a messy bear is a happy bear."

Zweige, mit denen sich die Bären quasi „Betten“ bauen können. Die Tannen nach Weihnachten finden ja bei den Eisbären auch alljährlich beachtliches Interesse.

Frischwasser, sofern das in dem Gehege verwirklichbar ist.

Knut und sein vierter Geburtstag am 5. Dezember 2010

Es wäre das schönste Geburtstagsgeschenk für diesen Bären und zahlreiche Freunde von den Eisbären wären sicher bereit, das Ihre dazu bei zu tragen. Das wäre doch eine Möglichkeit für den Zoo den Eisbär-Freunden eine Patenschaft an zu bieten. Was sowohl den Zootieren eine Hilfe wäre, als auch dem Zoo und natürlich den Tierfreunden, die sich solcherart aktiv um das Wohlergehen ihres Tieres bemühen können und nicht nur als reine Nörgler von der Zooführung wahrgenommen werden.

Nachdem es vor einigen Monaten mit Dr. Blaszkiewitz ein Gespräch zu der damaligen Situation von Knut und Giovanna gab, er selbst erwähnte: „Sie vertragen sich, sie spielen miteinander und sie ruhen auch miteinander. Auch wenn es geraume Zeit dauerte.", kann man annehmen, dass er dieses Ergebnis auch bei der jetzigen Eisbärengruppe wünscht.

Dr. Blaszkiewitz betonte selbst, dass die Tiere im Zoo Geselligkeit brauchen, zum Spielen, zur Beschäftigung, weil die natürliche Hauptaufgabe des Wildtieres, die Nahrungsbeschaffung, weg fällt. Die Hoffnung, dass sich mit etwas Fantasie und gutem Willen passendes Enrichment für die Bären finden lässt, lebt weiter. Es ist noch nicht so lange her, dass Dipl. Biologe Heiner Klös eigenhändig einen mit Heu vollgestopften Jutesack zu Knut ins Gehege warf. Lassen wir uns überraschen.

Update am 19. März 2011: Knut ist tot

Nach Angaben von Bärenkurator Heiner Klös brach das gut vierjährige Tier zusammen und schwamm tot im Wasser des Eisbärgeheges. Knut war durch einen Virus, der das Gehirn angriff, erkrankt.

Aber alle Empfehlungen für eine Veränderung im Eisbärengehege gelten ja nicht nur für Knut, sondern genauso für die verbliebenen drei Eisbärinnen. Nach wie vor gilt: Nur Mut für Knut und seinesgleichen!

Adele Sansone, Adele Sansone

Adele Sansone - Als Autorin für suite101.de interessieren mich vor allem die Bereiche Pflanzen und Tiere: Wie leben sie heute? Wie sind die einzelnen ...

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