Um Richard Wagners romantische Oper „Lohengrin“ gibt es einiges Gewese. Mythisch ist das Ganze, denn das Alte (heidnische Götter und Ortrud) ringt mit dem Neuen (christlicher Gott und Lohengrin), kriegerisch ist es nicht minder, denn das Aufgebot für einen Heerzug gegen eine Gefahr aus dem Osten führt den König nach Brabant. Und es ist zutiefst menschlich, weil es die typischen menschlichen Schwächen sind, die vor polittheatralischem Hintergrund die Oper überhaupt erst zum Klingen bringen: Die vorurteilsfreie Liebe zwischen Elsa und Lohengrin zerbricht am Neid Dritter, die erfolgreich Misstrauen säen, um ihre Machtansprüche doch noch zu realisieren. Bei Wagner ist das Ende vom Lied die Heimreise des Schwanenritters mit Friedenstaubenschwingen, nachdem der Erbe von Brabant, Gottfried, Elsas Bruder, von seiner Fron als schwanenhafter Lastkahnzieher Dank der Gebete des Gralkönigsohnes erlöst ward.

Aber: Die Oper ist auch eine Räuberpistole, mit schlichtesten Zutaten. Eine unauffindbare Leiche (Gottfried von Brabant), eine unbedarfte junge Frau (Elsa, bislang unbescholtene Schwester der unauffindbaren Leiche), ein wackerer aber unbedarfter Held (Friedrich von Telramund) und seine ehrgeizige, intrigante und zudem mit heidnischem Spuk vertraute neue Gattin (Ortrud), ein König und dessen Sprachrohr (damals Herold genannt), viele Ritter (männlich), viel Volk (weiblich/männlich) und er, der Schwanenritter, Retter, Schützer, heldische Projektionsfigur aller Brabanterinnen und Brabanter usw. usf. (Lohengrin).

Regisseur Kasper Holten – zunächst jugendlicher Direktor der Oper in Kopenhagen, jetzt Direktor von Covent Garden in London – hat sich aus diesen Möglichkeiten einiges herausgepickt. Und wie das so ist mit Ideensplittern hat er keine neue Lesart des Lohengrin angeboten, geschweige denn eine zeitgenössische Aneignung.

Beim Vorspiel fällt der Blick auf tote Soldaten, Gefallene in irgendwelchen Kriegen, denn wieder aufgestanden und bei Licht besehen, tragen sie Uniformen aus allen möglichen Zeiten, vom Mittelalter bis zu den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. Doch mehr wird daraus nicht, denn während die Soldateska Jahrhunderte übergreift, sind die Frauen kostümtechnisch im Mittelalter stecken geblieben (Bühne und Kostüme Steffen Aarfing). In diese martialische Welt kommt Lohengrin als Friedensengel. Damit das keiner vergisst, trägt er erzengelgleiche Flügel auf seinen Heldenschultern. (Überlegungen, ob er später zu Gottfried mutieren könnte, werden schnell verworfen, Schwäne fliegen auf kleinerem Flügel.) Überhaupt mimen die Protagonisten tiefes Mittelalter. Das Lichtpaar Elsa und Lohengrin in weiß, die Intriganten in dunkel, der König mit Krone und der Sprecher mit bandagiertem Kopf. Die Irritation wächst nach knapp 205 Minuten Musik weiter, nachdem Gottfried, offensichtlich entseelt, auf das Multifunktionsmöbel Liebeslager der Lichtgestalten und Altar niedergelegt wird. Das lässt sich, daran besteht wenig Zweifel, oberflächlich alles zurecht reden oder schreiben. Aber bei der schlichten Ansicht, bleiben nur Fragen und Verwunderung, warum dafür Götz Friedrichs Lohengrieninszenierung in den Gral, sprich ins Archiv schweben musste.

Aber, einen Lohengrin hat die Deutsche Oper Berlin mit Klaus Florian Vogt wie selten einen. Er ist für Marco Jentzsch eingesprungen, für den die Partie noch etwas zu früh kam. Vogt singt mit lyrisch-strahlkräftigem nuancenreichem Tenor und gibt der Rolle abseits des Federschmucks Präsenz, wenn er im dritten Akt mit dem mimischen Ausdruck „Ich bring’ Euch schlechte Kunde“ wieder auf der Szene erscheint. (Übrigens wird Vogt in der nächsten Spielzeit an der Deutschen Oper Berlin den Parsifal singen.) Die Elsa von Ricarda Merbeth bleibt hingegen blass, nicht stimmlich, aber zwischen der expressiv präsenten Ortrud von Petra Lang und diesem Gralsritter ist wenig Raum. Gordon Hawkins und Bastiaan Everink erfüllen ihre Aufgaben solide. Die, die das Werk noch nicht kennen, dürften bei Albrecht Dohmens König Heinrich von der Texteinspielung über der Bühne profitieren.

Großes Lob hat sich der Chor der Deutschen Oper Berlin unter William Spaulding mit seinem glanzvollen Einsatz in der optischen Ödnis verdient. Denn die Bühne ist meist karg und düster, ein Eindruck, den ein, wie es schien mit Landescheinwerfern ausgestatteter, Schwan bei seiner Ankunft genauso wenig mildert, wie die in güldenem Bilderrahmen steckende Kathedrale, die ein überdimensionierter Vorhang aus der Augsburger Puppenkiste freilegt.

Eine sichere Bank ist das Orchester der Deutschen Oper unter seinem Chef Donald Runnicles. Seinem beherzten Zugriff liegt das Ätherische Elsas und der Gralsgestalt weniger als der Bombast im Blech. Das Premierenpublikum in der Deutschen Oper Berlin feierte seine Protagonisten und überzog das Regieteam mit Buhs. Die nächsten Aufführungen von Richard Wagners „Lohengrin“ in der Deutschen Oper Berlin finden am 19., 22., 25. und 28. April 2012 sowie am 1. Mai 2012 statt.