Oberbürgermeister in Zeiten der Revolution

Maire Friedrich de Dietrich, Stadtoberhaupt von Straßburg

In seinem Hause erklang erstmals die Marseillaise - gewidmet dem deutschen Grafen Luckner. Er rettete den Straßburger Münsterturm und starb unter dem Fallbeil.

Das Schicksal in Gestalt der Guillotine traf den Bürgermeister von Straßburg, den Baron Friedrich de Dietrich, ungeachtet der Tatsache, dass in seinem Hause der Hauptmann des Ingenieurkorps Rouget d’Isle die Marseillaise geschrieben hat, jenes Lied, das zum Symbol der französischen Revolution und zur Nationalhymne werden sollte.

Entstehung der Marseillaise

Über die Marseillaise schrieb Baronin Luise de Dietrich, die Frau des Straßburger Bürgermeisters, im Mai 1792 an ihren Bruder:

Ich möchte Dir mitteilen, dass ich seit einigen Tagen nichts anderes tue als Noten abschreiben und umsetzen, eine Beschäftigung, die mir Freude macht und die mich ablenkt, besonders jetzt, da man überall nur über Politik jeder Art redet und disputiert. Da wir, wie Du weißt, viele Leute empfangen, und man sich immer etwas ausdenken muss, um Abwechslung in das Gespräch zu bringen, so hat mein Mann den Einfall gehabt, ein Gelegenheitslied komponieren zu lassen.

Der Kapitän vom Ingenieurkorps Rouget de L’Isle, ein liebenswürdiger Dichter und Komponist, hat das Kriegslied schnell vertont. Mein Mann, der einen schönen Tenor hat, sang das Stück, das sehr mitreißend und von einer gewissen Eigenart ist...

Gewidmet dem deutschen Grafen Luckner

Gewidmet war die Marseillaise, die in Paris erstmals von einem Freiwilligenbatallion aus Marseille gesungen worden ist, dem Grafen Johann Nicolaus von Luckner, gewesener hannoveranischer Generalleutnant und Marschall von Frankreich. Auch er, dem die Revolution einen kometenhaften Aufstieg gegeben hatte, endete 1794 unter dem Fallbeil, als er nach Paris gereist war, um seine Pension einzufordern. Einer seiner Nachkommen, Korvettenkapitän Felix Graf von Luckner, hat übrigens den Seefahrern Frankreichs als Kommandant des letzten deutscher Kaperschiffes des I. Weltkrieges, des unter Segeln fahrenden Hilfskreuzers „Seeadler“, noch manches Kopfzerbrechen bereitet.

Münsterturm gerettet

Ungeachtet der Tatsache, dass es Maire Friedrich de Dietrich war, dem die Rettung der Turmspitze des Münsters zu verdanken ist, wurde er ein Opfer der Revolution, genauso wie die Turmspitzen der Gotteshäuser: In Clerment-Ferrand, Laon, Toulouse und Strasbourg sollten die Kirchtürme der Kathedralen geschleift werden, angeblich aus Respekt vor der Gleichheit.

Es galt, die störend gegen den Himmel ragenden Baudenkmäler der Kirchen zu beseitigen. Auf Befehl des Konventskommissars mussten aus dem Münster viele wertvolle Statuen verschwinden. Bilderstürmerei, wie sie zu Zeiten der Reformation auch in Deutschland nicht unbekannt und in England durch das Gesetz vom 26. August 1643 sogar festgeschrieben war.

Bilderstürmer

Wobei die extremen Puritaner Englands davon überzeugt waren, Bilderstürmerei zur höheren Ehre Gottes zu betreiben. Der Straßburger Bürgermeister de Dietrich sorgte dafür, dass der Münsterturm nicht geschleift, sondern zu einem Symbol der Revolution wurde: Dem Turm wurde eine riesige, kupferrote, phrygische Blechmütze übergestülpt.

Nationale Symbolik

Den die Revolution anführenden „Sansculotten“ mag dies recht gewesen sein, den Jakobinern weniger: Sie fürchteten, dass durch dieses Symbol der Sklavenbefreiung die blau-weiß-rote Kokarde als nationales Symbol in den Hintergrund gedrängt werden könnte.

Ralf Bernd Herden, Ralf Bernd Herden

Ralf Bernd Herden - Liebe Leserinnen und Leser, historische Fakten, das Ergründen von Zusammenhängen und neuen Perspektiven waren schon immer ...

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