Ode an den Rausch

Gesellschaftliche Fehlinterpretation eines menschlichen Phänomens

Warum Rauschzustände so gut wie nichts mit einer Sucht zu tun haben und nur ganz wenig mit Drogen

Der Wunsch, sich von Zeit zu Zeit zu berauschen, ist wohl eines der ältesten Phänomene der Menschheitsgeschichte. Soweit sich die Historie zurückverfolgen lässt, waren Rauschzustände, Ekstase oder Trance Teil aller menschlichen Kulturen (neurochemisch laufen bei Rausch, Ekstase und Trance nahezu identische Prozesse ab). Im Grunde handelt es sich um einen kurzfristigen Ausstieg aus dem Alltag, ein Abgeben der Kontrolle, ein „Fallenlassen“, raus aus täglichem Leistungsdruck und dem omnipräsenten Stress einer überkontrollierten Arbeits- und Lebenswelt.

Drogenmissbrauch als negative Konnotation

Oft wird dem Rausch zu Unrecht ein negativer Beigeschmack verliehen: Er wird nur allzu gern mit dem Missbrauch von Suchtmitteln gleichgesetzt. Vorhandene positive Wirkungen des Rausches werden in der gesellschaftlichen Diskussion entweder verdrängt, totgeschwiegen oder wider besseres Wissen verneint - in völliger Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass der Rausch in allen Gesellschaften untrennbar zum menschlichen Dasein gehört und vermutlich sogar maßgeblich zur kulturellen Entwicklung beigetragen hat.

Inspiration durch Rausch

Wenn im Rausch erlebte Eindrücke in Kunst und Wissenschaft verarbeitet werden, so resultiert aus der Anregung der Inspiration durch Rauschzustände die Förderung der Phantasie und Kreativität als deren Umsetzung. Wie viele der Kunstwerke und wissenschaftlichen Errungenschaften, die wir heute mit Recht bewundern, unmittelbar und mittelbar hierdurch geschaffen wurden, lässt sich heute kaum abschätzen. Beispiele bekannter und berühmter Persönlichkeiten, die den Rausch nutzten, sind SIGMUND FREUD, QUEEN VICTORIA, ROBERT LOUIS STEVENSON, SIR ARTHUR CONAN DOYLE, PAPST LEO VIII, KONSTANTIN WECKER, HOMER, PARACELSUS, BAUDELAIRE, NOVALIS, EDGAR ALLEN POE, BILLY HOLIDAY, MILES DAVIS, CARL PERKINS, JEAN COCTEAU, JANIS JOPLIN, JIM MORRISON, DEMOKRIT, ERNST JÜNGER, HENRY MICHAUX, ERNST BLOCH, WALTER BENJAMIN, HERRMANN HESSE, BAUDELAIRE, JACK KEROUAC, ALAN GINSBERG, ALDOUS HUXLEY, TIMOTHY LEARY, ALBERT HOFMANN, DANIEL COHN-BENDIT, BOB MARLEY, JIMI HENDRIX, die BEATLES, die ROLLING STONES und unzählige andere (wobei der Aufrichtigkeit halber bemerkt werden muss, dass einige der Genannten ihr Rauscherleben soweit übertrieben haben, dass sie selbst daran zu Grunde gingen).

Der Gegenpol zur Sucht

Der Rausch selbst lässt sich kaum klar abgrenzen gegenüber der Nüchternheit im Sinne völliger Bewusstseinsklarheit. Die Grenzen sind nach allen Richtungen fließend und Verliebtsein oder eine bestandene Prüfung vermögen ebenso Rauschzustände auszulösen, wie der Konsum von Drogen - sportliche und berufliche Erfolge ebenso, wie die Erfüllung lang gehegter Wünsche durch einen Kauf, Gewinne beim Glücksspiel oder befriedigende sexuelle Erlebnisse. All diese Erfahrungen können süchtig machen und sind mit dem Konsum von Drogen vergleichbar. Insofern gebührt dem Rausch eine würdigere Position, als es die vereinfachende Gleichsetzung mit dem Missbrauch einer Droge zulässt.

Tatsächlich handelt es sich um das Bestreben nach angenehmen Gefühlen, emotionell befriedigenden Erfahrungen und neuen Erlebnissen. Doch so angenehm die mit dem Rausch verbundenen Erfahrungen im Einzelfall sein mögen, so unterliegt jede übermäßig beanspruchte Glücksquelle einer Abnutzung; um das zu verstehen, muss man nur ein paar Wochen lang jeden Tag sein Lieblingsgericht essen.

Das übermäßige Bedienen einer Glücksquelle vermindert die Intensität des Rauscherlebnisses mit stetig zunehmender Tendenz. Am anderen Ende des Kontinuums steht dann die Sucht - letztlich also als Gegenpol zum Rausch. Wer süchtig ist, kann durch den Konsum des Rauschmittels nur noch einen emotionalen Gleichgewichtszustand erreichen, die angestrebte Euphorie, wie sie ein echter Rausch bietet, aber nicht mehr.

Für einen aufrichtigen Umgang

Damit der Rausch wieder das ihm ursprünglich zustehende gesellschaftliche Ansehen erreicht, wäre allerdings ein anderer Umgang damit notwendig. Eingebunden in gesellschaftliche Rituale und damit auch sozialen Regeln unterstellt, erlebt allein oder in einer gleichgesinnten Gemeinschaft, kann der Rausch sein Potential voll entfalten. Eine Sanktionierung ist angesichts des gemeinsamen Betrinkens zu diversen gesellschaftlichen Anlässen, wie Silvester, Geburtstagsfeiern oder Fasching geradezu heuchlerisch und widerspricht der eigentlichen Intention. Das Gleiche gilt für die willkürliche und wissenschaftlich nicht haltbare Einteilung von Drogen in legal und illegal. Nur ein aufrichtiger Umgang mit Themen wie Rausch, Rauschmittel aller Art und eine stoffunabhängige Betrachtung von Sucht als psychisch verursachtem Verhalten ermöglicht den Süchtigen letztlich die entsprechende effiziente Hilfe und uns allen die Möglichkeit zu bewusstseinserweiternden Erfahrungen mit erfüllenden und glücklichen Rauscherlebnissen.

Peter Engert, Peter Engert

Peter Engert - Als Drogenberater hat er einige Jahre in der Schweiz verbracht, für eine Vortragsreihe zur Drogenpolitik war er mehrere Monate in Irland, ...

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