
- Odetta singt den Blues. Im Rollstuhl. - Judy h, flickr.com
Eine kleine alte Frau kommt aus dem Hintergrund der Bühne bei ihrer letzten Deutschland-Tournee Ende 2005. Sie wirkt zerbrechlich und bewegt sich am Krückstock vorwärts. Dann klettert sie mühsam auf einen Barhocker, kramt ein Tuch aus ihrem Brustbeutel und tupft sich erst einmal das Gesicht ab. Der Kopf steckt in einer Wollmütze, aber auf der Stirn funkelt nach wie vor ein Schmuckstück.
Das soll sie also sein, die große alte Dame des amerikanischen Folk und Blues? Die Frau, die Joan Baez und Bob Dylan dazu brachte, Folkmusik zu spielen - unabhängig voneinander, damals noch. Die Frau, die zu den größten Idolen von Janis Joplin, Harry Belafonte, Miriam Makeba und vielen anderen zählte. Die Weggefährtin war von Martin Luther King und eine der Ikonen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Das soll sie sein?
Odetta lässt ihr Licht leuchten
Mit zartem Stimmchen verliest sie zunächst ein Zitat, wie sie es auf jedem Konzert ihrer letzten Lebensjahre getan hat: "Our Deepest Fear" von Maryanne Williamson. Dann beginnt sie, "This Little Light of Mine" zu singen - und plötzlich ist sie da, die tiefe, kräftige Stimme, die bei dem Marsch der Schwarzen Amerikas auf Washington fast bis zum Capitol Hill zu hören war. Die Stimme, die Generationen amerikanischer Musiker inspiriert und beeinflusst hat. Die Stimme, in der alles Leid der Sklaverei noch einmal zum Leben erwacht, und auch alle Hoffnung.
Diese Tournee ist vor allem dem Musiker Leadbetter gewidmet, genannt Leadbelly. Die alten Klassiker des Folk und Blues sind dem Publikum zumeist bekannt. Das gibt Odetta die Möglichkeit, Modulationen und Variationen unterzubringen, zu klagen, anzuklagen. Sie wirft ihr ganzes großes Herz in jedes einzelne Lied und lässt mutig die Stimme folgen. Sie verschleppt die Tempi, dass der Zuhörer meint, sie werde die Kurve nie mehr kriegen - um dann doch zielsicher nicht auf dem allerletzten Ton der Phrase, sondern punktgenau zu Beginn der nächsten wieder zu landen. Sie reizt die Möglichkeiten des Blues weiter aus, als es irgend jemand jemals getan hat.
Ihr Körper hockt alt und schmächtig auf seinem Barhocker, aber ihre Stimme füllt die Halle; sie trauert, ermutigt und amüsiert sich wie eh und je. Alle Facetten ihrer Musik spiegeln sich in ihrem Gesicht wider. Die verlassene Frau in "Careless Love", der Lausbub bei "Rock Island Line" - bei dem sie das Publikum zum Mitsingen auffordert und dann ein Tempo anschlägt, bei dem keiner mit ihr mithalten kann. Ein hoffnungsvolles junges Mädchen und das offene Gesicht von Janis Joplin. Und die Verzweiflung von Urgroßmüttern bei Bessie Smiths "Poor Man", dessen Inhalt sie zuvor erzählt: Der Hungernde in der amerikanischen Depression fleht den Reichen an um Hilfe. Warum kannst du essen und ich nicht? Sind wir nicht Menschen wie ihr, wir Armen? Und als die Herzen ihrer Zuhörer sich mit Mitgefühl gefüllt haben, fügt sie trocken an, dass derzeit fast eine Milliarde Menschen auf unserer Welt hungert.
Ein Leben voller Mitgefühl
Odetta Holmes wurde 1930 in Birmingham in Alabama geboren. Sie hat in Los Angeles klassische Musik studiert und ist in Musicals aufgetreten. Aber das ist nie die Musik gewesen, die mit ihrem Leben etwas zu tun hatte. Ihr wahres musikalisches Leben, das war die Musik der schwarzen amerikanischen Sklaven; und es war auch die Musik der Weißen, der Kettensträflinge, der Folksänger wie Woody Guthrie, die sich gegen Ungerechtigkeiten auflehnten. Für Odetta hatte Musik immer auch eine politische, eine menschliche Komponente.
Johnny Cash erzählt, dass sie sich bei einer gemeinsamen Show geweigert habe, "All God's Children got Shoes" zu singen - denn es hätten nicht alle Kinder Gottes Schuhe. Für ihre Interpretation der Lieder von Kettensträflingen soll sie selbst mit dem schweren Nine-Pound-Hammer auf Felsbrocken losgegangen sein; wer "Waterboy" hört, will es gerne glauben. Und in der Bürgerrechtsbewegung rief sie die Afroamerikaner auf, stolz zu sein auf ihre Geschichte, und sang beim Marsch auf Washington die alten Gospels "I'm on my Way" und "Freedom", als Martin Luther King von seinem Traum erzählte. Sie sei immer gerufen worden, wenn es darum gegangen sei, Spenden zu sammeln, meint sie über ihr Leben als Aktivistin, und: sie sei zusammen mit der Bürgerrechtsbewegung gewachsen.
Abschied von Odetta
Als Zugabe singt sie noch einmal "This Little Light of Mine". Sie hätte sich gewünscht, dass die Zuhörer mitsingen und ihr Konzert mit diesem Versprechen auf den Lippen verlassen. Die deutschen Zuhörer ziehen es vor, Odetta zu lauschen und trotzdem mit einem Versprechen im Herzen nach Hause zu gehen.
Nach dieser Deutschlandtournee von 2005 hat Odetta in den nächsten beiden Jahren noch 60 Konzerte gegeben - im Rollstuhl. Das Foto zeigt sie bei ihrem letzten großen Konzert, dem Hardly Strictly Bluegrass Festival, vor über 200.000 begeisterten Zuhörern am 4. Oktober 2008 in San Franciscos Golden Gate Park.
Am 2. Dezember 2008 ist Odetta gestorben. Weggefährten wie Pete Seeger und Harry Belafonte, ihre Cousins, die Holmes Brothers, und Schüler wie Sweet Honey on the Rock, Steve Earl, Maria Muldaur, David Amram haben sie auf einem dreieinhalbstündigen Abschiedskonzert gefeiert. Und auch ihre Botschaft ist nicht vergessen: Diese selben Weggefährten singen heute "This Little Light of Mine" für Occupy Wallstreet.
Quelle: Die Countrymusicnews in ihrem Nachruf auf Odetta,
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