Ökonomie der Unsicherheit sucht Extremisten mit Pflichtenheft

2b AHEAD Kongress - Tom Koehler, Hamburg
2b AHEAD Kongress - Tom Koehler, Hamburg
Hausaufgaben der besonderen Art nahmen die Teilnehmer des Zehnten Zukunftskongresses von 2b AHEAD mit: Unsicherheiten als Chance für Innovationen.

Wenn soziale Lebenswelten unsicher werden und die Wirtschaft ihre hergebrachten Strukturen verliert, sind Mensch und Gesellschaft auf der Suche nach Antworten auf ungewöhnliche Fragen. Prognosen geben nur ein grobes Raster, die Zeit ist schnelllebig geworden. Wie soll sich die Unternehmenskultur entwickeln? Woraus schöpfen Denker Innovationen und welches Potential steckt in Unwägbarkeiten? Denker, Tüftler und Strategen aus innovativen Branchen trafen sich am 14. und 15. 6. 2011 nahe Braunschweig, um über die Zukunft Deutschlands in zehn Jahren zu sprechen. Der Zukunftskongress des ThinkTanks 2b AHEAD ist einer der innovativsten Deutschlands.

Immer mit der Ruhe!

Abläufe und Strukturen sind dazu da, Ordnung und Ruhe in einem Unternehmen zu gewährleisten. Dafür, so Tim Gotthart von Audi "sorgen die Angepassten, die sich nicht an schwierige Dinge wagen und nach oben gespült werden". Innovationen aber bringen Unruhe, sorgen für mehr Fragen, als Antworten. "Und eine Innovation kann es nicht sein, im jährlichen Ideenprogramm beidseitiges Kopieren zu statuieren." Laut Gotthart gehören Kreative in ein Extra-Team, braucht dieses Team einen direkten Draht nach oben und eine Kriegskasse. Ideen müssen gehört und deren Umsetzung soll nicht an den vorhandenen Strukturen scheitern. Die damit entstehenden Unsicherheiten müssen wertgeschätzt werden – nicht einfach für die an Sicherheit gewohnten Mitarbeiter und Manager.

Die Drei Extremisten

Ein Währungserfinder, eine Extrembloggerin und ein Gedankenvisualisierer – die typische Mischung für ein 2b-AHEAD-Panel. Stefan Thomas sorgte für ein Rauschen im virtuellen Blätterwald, als er eine neuartige Währung namens BitCoin präsentierte. Wie es sich für einen Rulebreaker gehört, pfeift er auf Euro, Dollar und Co. Die virtuelle, von sogenannten Minern, erzeugte Währung soll ein völlig neues Bezahlen ermöglichen. Ohne tagelanges Warten auf die Überweisung – im digitalen Zeitalter ein Unding der Banken. Weiterer Vorteil von BitCoin: absolut dezentral, es gibt keine Reserven, BitCoin kann keinen massenhaften Crash ausgesetzt sein. Neben dem Bezahlen von Leistungen oder Waren kann BitCoin etwa auch dem MicroPayment von Artikeln in Webzeitungen oder Seminaren dienen.

Ein Zeitalter, in dem alles an die Öffentlichkeit tritt, prophezeit Julia Schramm, ihres Zeichens Bloggerin aus Leidenschaft. Sie geht offensiv mir ihren persönlichen Daten im Netz um. "Alles, was digitalisierbar ist, wird digitalisiert werden!" Und Informationen, die unterdrückt werden, treten umso stärker ans Licht. Schramm kann sich eine transparente Welt genau so vorstellen, wie Keiichi Matsuda. Der lässt nicht nur Produktinformationen im Raum erscheinen, sondern auch Informationen zu Personen und sogar Gedanken. In seiner Design-Vision sind Menschen offen und bereit, ihre private Welt zu veröffentlichen. In seiner Stadt werden nicht nur Informationen à la GoogleMaps angezeigt. Jeder gestaltet sich die Umwelt in Farben und Funktion so, wie sie ihm gefällt. Es ist ein sehr subjektiver Raum und eine Reflektion unserer selbst. Doch sieht er durch diese Offenbarung Chancen, dass sich Menschen begegnen, die es ohne diese Informationen nie geschafft hätten.

Open Government statt Volks-Ersetzer

Anke Domscheit-Berg, Vorstand von opengov.me, sprach einer realen Demokratie und Transparenz der öffentlichen Verwaltung das Wort. "In zehn Jahren gibt es den gläsernen Staat. In zehn Jahren sind Parlamentarier Volks-Vertreter, und nicht Volks-Ersetzer!" Kleiner Mann ganz groß, dass gleiche gilt für Lieschen Müller. Meinungsbildungsprozesse finden in rasanter Geschwindigkeit und digital statt. Die Fakten auf den Tisch zu bekommen, ist keine Illusion mehr. Verwaltungen werden ihre Prozesse und Entscheidungen offenlegen müssen. Das Volk will wissen, was in seinem Namen geschieht. Die kollaborativen Elemente einer neuen digitalen Gesellschaft ermöglicht weltweite Kooperationen. Nach Fukushima und dem Kommunikationsdesaster von TEPCO organisierten Menschen Geigerzähler und stellte die gemessenen Daten unverzüglich ins Netz. "Der Wutbürger wird zum Mut-Bürger. Und König von Deutschland kann jeder sein", so Domscheit-Berg. Engagement, Partizipation und technische Möglichkeiten wälzen ein ganzes System um.

Diskussionspflicht und Powerpoint-Verbot

Im Zeitalter von Cloud und Networks verordneten sich die Teilnehmer des 2b AHEAD Zukunftskongress einige Benimm-Regeln. Jeder "Referent" hat maximal 10 Minuten Zeit, um seine Ideen und Gedanken vorzustellen. Es herrschte absolutes Powerpoint-Verbot, aber ein Diskussions-Gebot. Produkt- oder Firmenpräsentationen waren tabu. Business-Speed-Dating und World-Café erlaubten nur begrenzte Zeiten, bevor eine Rotation die Teilnehmer wieder neu mischte. Ungewöhnlich, inspirierend, faszinierend nannten Gäste die zwei Tage. Ungewöhnlich an einem außerordentlichen Ort zu tagen, ist die Marke der Kongresse. Und ihre Wirkung? Gedanken reisen an unbekannte Orte, faszinierende Menschen treffen einander, jede freie Minute wird zum Austausch benutzt. Und nur eines ist sicher bei 2b AHEAD: Das Unsichere, die wage Zukunft und Visionäre, die sich dieser Aufgabe annehmen.

Quelle: eigene Recherche

Tom Köhler, Hamburg, Tom Köhler, Hamburg

Tom Köhler - Tom Köhler, Journalist, Fotograf, Netzwerker, Inhaber der Agentur Abenfarben in Hamburg. www.abendfarben.de

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