Offene Bücherschränke in der Stadt Wien

Offener Bücherschrank - Susanne Schmich/pixelio.de
Offener Bücherschrank - Susanne Schmich/pixelio.de
Seit Februar 2010 gibt es in der Stadt Wien eine privat initiierte kostenlose 24-Stunden-Tauschbörse für Bücher. Derzeit werden drei Standorte betrieben.

Seit nunmehr fast zwei Jahren wird in Wien eine kostenlose 24-Stunden-Tauschbörse für Bücher betrieben. Besonderheit dieser Tauschbibliothek ist die Positionierung im sogenannten öffentlichen Raum. Grundsätzlich werden in der modernen Raumplanung Unterscheidungen zwischen privatem, halböffentlichem und öffentlichem Raum getroffen. Mit öffentlichem Raum wird der ebenerdige Teil einer Gebietskörperschaft definiert. Dieser Raum muss der Öffentlichkeit frei zugänglich sein sowie von der Gebietskörperschaft bewirtschaftet und unterhalten werden. Diesen öffentlichen Raum bilden in der Stadt Wien Standorte auf öffentlichem Grund, die sich im Freien befinden. Somit handelt es sich um einen sogenannten „offenen Bücherschrank“. Ähnliche Ideen wurden in den letzten Jahrzehnten ansatzweise auch in den bundesdeutschen Städten Bonn, Mainz und Berlin sowie in der steirischen Landeshauptstadt Graz initiiert.

Kostenloses Bücherangebot unter freiem Himmel

Das erste kostenlose Bücherangebot in der Bundeshauptstadt Wien unter freiem Himmel wurde im siebenten Wiener Gemeindebezirk Neubau eröffnet. An der Ecke Zieglergasse/Westbahnstraße, nahe des Wiener Gürtels, steht der am Gehsteig verankerte Bücherschrank. Der Bücherschrank hat eine Fassungskapazität von 250 Exemplaren und ist in drei Ebenen unterteilt. Zum Schutz der dort deponierten Literatur vor Witterungseinflüssen wurden zu öffnende Glastüren vorgesehen. Darüber hinaus ist die gesamte Schrankkonstruktion gekippt, sodass Niederschlag ungehindert abfließen kann, und so nicht ins Innere eindringen soll. Als Initiator fungierte eine Privatperson aus dem Künstlermilieu.

Initiative lebt vom Geben und Nehmen

Die Initiative des offenen Bücherschrankes lebt vom Prinzip des Gebens und Nehmens. Nur wenn eine sich ungefähr die Waage haltende Anzahl an Freiwilligen an dieser Tauschbörse mit Bücherspenden und Bücherentnahmen beteiligt, wird diese kulturelle Institution am Leben erhalten. Dabei kommt es sozusagen zur Verwirklichung eines Prinzips der spontanen Ordnung. Aus dem Privatbesitz selbständiger Individuen werden Bücher aus den unterschiedlichsten Literaturrichtungen und Sachbereichen angeboten und nachgefragt. Der kulturell-geographische Standort für diesen modernen publizistischen Tauschhandel ist der jeweilige offene Bücherschrank. Dort verdichtet sich Angebot und Nachfrage des Literaturgeschmacks einer Millionenstadt wie Wien. Die jeweils neu eintreffenden Buchexemplare werden durch freiwillige Projekthelfer mit einem Aufkleber der Initiative gekennzeichnet. Mit diesem Initiativenaufkleber sollen die gespendeten Bücher dem Warenkreislauf dauerhaft entzogen werden, um sie im Austausch und zur weiteren intellektuellen Verwertung zu halten.

Bisher drei Standorte in Wien umgesetzt

Neben dem Standort Zieglergasse/Westbahnstraße wurden bisher zwei weitere Schrankstandorte erschlossen. Ein zweiter offener Bücherschrank steht im 16. Wiener Gemeindebezirk am Standort Brunnenmarkt/Grundsteingasse. Ein dritter offener Bücherschrank steht im Heinz Heger Park im 9. Wiener Gemeindebezirk. Ob es weitere Standorte in einem der übrigen 20 Wiener Gemeindebezirke geben wird, ist derzeit noch offen. Vor allem die südlichen Gemeindebezirke Landstraße, Simmering und Favoriten oder die östlich der Donau befindlichen Bezirke Floridsdorf und Donaustadt bieten sich als potentielle Standorte an. Dort gibt es ein Einzugsgebiet von jeweils mehreren Hunderttausend Einwohnern und damit potentiellen Nutzern.