
- Offener Bücherschrank im Wiesbadener Westend - Silke Hamann
Leseratten kennen das: eigentlich wollte man abends vor dem Einschlafen nur noch mal eine halbe Stunde lesen, aber das Buch ist einfach zu spannend um aufzuhören und plötzlich ist es innerhalb von einer Nacht verschlungen. Am nächsten Tag plagen einen zwei Probleme. Erstens die entsetzliche Müdigkeit und zweitens die Frage, wo nun die nächste Bettlektüre herkommt. Offene Bücherschränke bieten zumindest für das zweite Problem eine praktische und kostenlose Lösung. Auch Wiesbadener Leseratten können sich glücklich schätzen: ihnen wird im Westend geholfen. An der Kreuzung Yorckstraße und Scharnhorststraße steht ein solcher Schrank und enthält eine bunte Auswahl an Lesestoff.
Offene Bücherschränke als kostenlose Alternative
Buchgeschäfte und Onlineshops bieten eine große Auswahl an aktueller und etablierter Literatur. Doch gerade Vielleser spüren die ständigen Ausgaben für den Bücherkauf schnell in ihrem Geldbeutel. Wer nach gebrauchter Literatur auf dem Flohmarkt stöbert, reduziert die Ausgaben drastisch, ist jedoch terminlich gebunden, da die meisten Flohmärkte nur einmal im Monat stattfinden. Eine flexiblere Lösung bietet hier die Bibliothek, die durch eine große Auswahl besticht und – abgesehen von der einmaligen Gebühr für den Leihausweis – kostenlos ist, solange man die Leihfristen einhält. Eine weniger bekannte und vergleichsweise neue Alternative sind offene Bücherschränke. Sie sind für jedermann rund um die Uhr zugänglich, kostenlos, und die neu entdeckten Lieblingswerke dürfen nach dem Lesen einfach behalten werden. Für wen geteilte Freude allerdings doppelte Freude ist, der kann seine Schätze auch einfach anderen Lesern zur Verfügung stellen.
Wie funktioniert der Büchertausch?
Offene (oder öffentliche) Bücherschränke sind mittlerweile in vielen deutschen Städten zu finden, wo sie für jeden zugänglich an öffentlichen Plätzen stehen. Alte und neue Bücher stapeln sich in den unterschiedlichsten Ablageorten, wie alten Telefonzellen, Verteilerkästen, Vitrinen oder wetterfesten Metallschränken. Das Sortiment ist ähnlich vielfältig und reicht vom Kinderbuch bis zum Elternratgeber, vom Lexikon bis zum Bildband, vom Faust bis zum neusten Harry Potter. Das Prinzip beruht auf einer anonymen Tauschbörse, die sich selbst reguliert: jeder kann Bücher hinbringen oder mitnehmen, die gelesenen Bücher kann man zurückstellen oder behalten. Während der eine das Angebot nutzt, um in seinem eigenen Regal Platz zu schaffen, möchte der andere vielleicht seine Büchersammlung erweitern: wie viele Bücher man hineinstellt oder entnimmt, ist jedem selbst überlassen. Durch den ständigen Wechsel tauscht sich der komplette Bestand oft nach wenigen Tagen aus – so können auch Vielleser ihren Lesedurst stillen. Selbst wenn in Einzelfällen einmal der ganze Schrank leer geräumt werden sollte, füllt er sich dennoch schnell wieder von Neuem.
Wer betreibt die Bücherschränke?
Was Anfang der neunziger Jahre als Kunstprojekt der Aktionskünstler Michael Clegg und Martin Guttmann in Graz, Hamburg und Mainz begann, hat sich mittlerweile in ganz Deutschland als Bereicherung für die Bürger erwiesen. Die Schränke werden von unterschiedlichen Trägern gefördert und oft durch Spendengelder finanziert. Dabei bedürfen sie nach der erstmaligen Errichtung fast keiner weiteren Pflege – solange sie nicht das Ziel von Vandalismus werden. Die Betreuung übernehmen sogenannte "Bücherschrankpaten". Doch meist werden die Schränke so gut akzeptiert, dass sich solche Probleme gar nicht erst ergeben. Im Wiesbadener Westend wurde der Bücherschrank vom Ortsbeirat initiiert und im Dezember 2010 eingeweiht. Mittlerweile finden sich dort täglich zahlreiche Kinder und Erwachsene ein, um in der "Schatzkiste" zu stöbern. Im Sommer lädt die Holzbank neben dem Schrank zum Schmökern in der Sonne ein. Im Winter kann man sich in den gegenüberliegenden Hofladen "Haselnuss" setzen und seine Lektüre bei einer Tasse Kaffee genießen.
Gibt es einen offenen Bücherschrank auch in meiner Nähe?
Wer einen offenen Bücherschrank in seiner eigenen Stadt sucht, wird im Internet schnell fündig. Eine recht umfangreiche Liste findet sich beispielsweise auf der Tauschseite Tauschgnom. Außer den Bücherschränken an öffentlichen Plätzen gibt es auch Regale in kirchlichen oder öffentlichen Einrichtungen, wie beispielsweise Universitäten. Auch in manchen Gaststätten und Cafés ist der offene Büchertausch möglich. Zwar ist man hier an Öffnungszeiten gebunden, jedoch sind diese Bücherregale vor Wetter und mutwilliger Beschädigung geschützt. Die Zahl der offenen Bücherschränke wächst beständig. Wer jedoch in seiner eigenen Stadt nicht fündig wird, findet sicher schnell Unterstützer, wenn er die Einrichtung eines solchen Schranks initiiert. Mögliche Anlaufstellen sind zum Beispiel Fördervereine von Schulen, Bürgerstiftungen oder Ortsvereine. Mit etwas Glück findet sich sogar ein Unternehmen, das als Sponsor zur Verfügung steht. Die Einrichtung eines Bücherschranks kostet etwa 6.000 Euro, wie das Goethe-Institut berichtet, doch die Investition lohnt sich. Eine solche Tauschbibliothek bringt Freude ins Viertel und trägt so zur Verbesserung der allgemeinen Stimmung bei. Seit der Schrank im Westend steht, begegnet man dort immer wieder lächelnden Menschen mit einem Buch unter dem Arm.
Quellen:
Die offene Bibliothek
Tauschgnom
Goethe-Institut
