Gewisse Dinge, bei früheren Oktoberfestbesuchen gerne reichlich genossen, verträgt der Wiesngänger nicht zwangsläufig auch noch mit zunehmendem Alter. So kann er beträchtliche Magenprobleme erleiden, hervorgerufen durch das Gefühl, sich permanent zu überschlagen und das Teufelsgesicht, das ständig auftaucht, macht es nicht besser. Wer etwas robuster ist, verträgt solche Zustände jedoch auch in reiferen Jahren noch und wird die Hexenschaukel, jenes Fahrgeschäft, das wie so viele in Amerika erfunden wurde und Ende 1894 erstmals auf der Wiesn aufgebaut wurde, immer wieder gerne aufsuchen − immerhin ist die Hexenschaukel, neben Toboggan, Krinoline und einigen weiteren Schaustellerbetrieben, eine der wenigen Wiesnattraktionen aus längst vergangenen Zeiten, die immer noch Jahr für Jahr auf der Theresienwiese stehen.
Teuflische Hexenschaukel: Nicht so harmlos wie sie scheint
Eben blickte der Hexenschaukelinsasse noch auf fleischige Englein, doch kaum wähnt er sich im Himmel, ist er schon in der Hölle gelandet und sieht in eine flammenumzingelte Teufelsfratze. Ein leichter Schwindel macht sich breit, während er zwischen Himmel und Hölle hin- und herpendelt und sich dabei mehrfach überschlägt. Also breitet er die Arme über die Schaukellehne und hängt im Sitz. Lieber würde er sich jetzt am Nebenmann festkrallen, aber man blamiert sich doch ungern und schließlich weiß er, dass er nicht der Verdammung anheimfallen wird. Weder der eigene Leib noch die Leiber der anderen werden in die Hölle geschleudert, denn das Fahrgeschäft schaukelt nur ein wenig hin- und her, alles andere ist Illusion. Wissen hilft jedoch nicht immer, auch dann nicht, wenn der Oktoberfestbesucher höchst freiwillig jenen dunklen Raum, in dem er nun mit anderen sitzt, betreten hat, weil er genau das erleben wollte, was er nun erlebt. Die Hexenschaukel wird nicht umsonst auch Illusionsschaukel genannt, denn sie lässt ihre Insassen schon nach kurzer Zeit vergessen wo sie sind.
Alles nur Illusion in der Hexenschaukel
Möglich ist das, weil der Gleichgewichtssinn getäuscht wird. Während die Schaukel in der Mitte des Raumes lediglich hin und her schaukelt, dreht sich das äußere Gehäuse mit seinen Teufelsfratzen und Engeln und schon entsteht der Eindruck, man stehe auf dem Kopf und werde vom Teufel angegrinst. Im „Fünferlooping der vorletzten Jahrhundertwende“, wie Ulrich Keller sein altertümliches Fahrgeschäft nennt, überschlägt sich der Wiesnbesucher also, ohne dass er sich anschnallen muss. In Kellers alter Hexenschaukel ist das – abgesehen von wenigen Gelegenheiten, wie Firmenfeiern, für die man sie buchen kann – nur auf dem Oktoberfest möglich, denn der fast schon antiken Schaukel kann das Reisen von Volksfest zu Volksfest nicht mehr zugemutet werden. Doch jedes Jahr im Herbst können sich Illusionswillige auf der Theresienwiese die Sinne verwirren lassen und selbst wer diese auch in der Hexenschaukel noch allzeit beisammen hat, kann sich immer noch an dem Gefühl erfreuen, dass sich einmal alles um ihn dreht.
