
- Seit Jahrzehnten auf der Wiesn: Die Krinoli - Niederländer/Die Krinoline
Die Krinoline auf dem Münchner Oktoberfest hat schon viel erlebt. Seit 1924 ist sie zu Gast auf der Wiesn und hat in all den Jahren nicht nur viele Fahrgäste kommen und gehen sehen, sondern auch viele Fahrgeschäfte und wenn sie das Treiben von Olympia-Looping, Flip Fly oder Night Fly so beobachtet, überlegt sie sich manchmal, wie lange es die jungen Kollegen wohl noch machen werden. Es gab einmal eine Zeit, in den 1930er Jahren, da wusste sie nicht, wie lange sie es selbst noch machen würde: Sie sah zu, wie die Menschen in die Berg-und-Tal-Bahnen stiegen und gelegentlich wünschte sie sich, ein wenig schneller zu sein, wenn sie ihre Krinoline-Kollegen im Lauf der Zeit verschwinden sah. Als ihre Vorgängerinnen um 1900 herum entstanden waren, da kamen die Leute zu ihnen, weil sie neu waren und nicht nur im Kreis fuhren, sondern auch auf- und ab schwankten. Weil ihre Bewegungen an jene der Reifröcke, die die Frauen im 19. Jahrhundert trugen, erinnerten, hatten sie den Namen Krinoline bekommen. Damals waren sie noch aufregend, nun waren sie nicht mehr interessant, dachte sie. Doch ihrer damaligen Befürchtungen zum Trotz wird die Krinoline immer noch jährlich für das Oktoberfest aufgebaut.
Entspannen in der Krinoline
In all den Jahrzehnten, wenn sie sich so umsah und mitunter auf den Turm des alten Toboggan blickte, der noch älter war als sie, wenn er auch noch nicht so lange auf dem Oktoberfest zu Gast war, dachte sie immer wieder an die vielen anderen Fahrgeschäfte, die sie im Lauf der Zeit gesehen hatte und die nun wieder verschwunden waren. Eines Tages war das Enterprise gekommen, das als sensationell galt und ein wenig wünschte sie sich, sich auch kopfüber drehen zu können, aber nach einigen Jahren war auch das Enterprise wieder verschwunden und nun waren Flip Fly, Night Fly und Olympia Looping da. Mittlerweile wünscht sich die Oktoberfest-Krinoline jedoch nicht mehr, bei 100 Kilometer pro Stunde fünf Überschläge zu bieten oder ihre Fahrgäste in gut 20 Meter Höhe durchschütteln zu können. Immer öfter hört sie die Menschen, die auf den roten Sitzbänken ihrer bemalten Gondeln Platz nehmen sagen, wie schön es ist, so langsam dahinzugondeln. Alles so stressig sonst und die Panik damals, als der Olympia Looping mitten während der Fahrt plötzlich stehenblieb. War ja noch mal gutgegangen.
Blasmusik auf dem Krinoline-Balkon
Dankbar denkt die Wiesn-Krinoline deshalb manchmal an ihren ersten Besitzer Michael Großmann, der sie, die bei den Preußen in Berlin gebaut wurde, auf dem Oktoberfest aufstellte und in den 1930er Jahren einen elektromechanischen Antrieb für sie erfand. Seither brauchte sie keine drei bis vier Männer mehr, um sie mitsamt ihren Fahrgästen in Schwung zu bringen und das hatte sie wahrscheinlich gerettet, zusammen mit der Idee eine Mini-Blaskapelle zu engagieren. Wenn die Musiker auf dem eigens für ihre Vorgänger an die Außenwand angebauten kleinen Balkon sitzen um die Orgelklänge der frühen Jahre zu ersetzen, wenn sich manchmal sogar Gastmusiker, etwa aus der Jazzszene zu ihnen gesellen, dann denkt sie daran, wie sie Geschäftsleute aus den Niederlanden und sogar aus den USA mitsamt den Musikern aufkaufen wollten. Aber Theodor und Matthias Niederländer, Enkel und Urenkel von Michael Großmann, hatten sie behalten und so freut sie sich jedes Jahr aufs Neue aufs Oktoberfest.
