Oldenburg vor 100 Jahren

Wirtschaft, Gesellschaft und Militär in Oldenburg 1910

Schloss in Oldenburg - Foto Sautmann
Schloss in Oldenburg - Foto Sautmann
Residenz und Garnison, Verwaltung und Dienstleistung prägten Oldenburgs bürgerlichen Charakter schon vor 100 Jahren; Industrie hingegen gab es kaum.

Oldenburg vor 100 Jahren – rund 30.000 Menschen lebten in der Landeshauptstadt, die zugleich auch Residenz des Großherzogs und seiner Familie war.

Residenz- und Garnisonsstadt

Als Residenz- und Landeshauptstadt war Oldenburg auch Sitz zahlreicher Stadt-, Landes- und Reichsbehörden. Dazu gehörten, um nur einige zu nennen, das Staatsministerium des Großherzogtums mit seinen drei Departements des Innern, der Justiz und der Finanzen. Der Oldenburgische Landtag tagte ebenfalls in der Stadt. Außerdem hatten das Oberverwaltungs- und das Verwaltungsgericht, Land- und Amtsgericht hier ihren Sitz. Der öffentliche Dienst gehörte zu den wichtigsten Arbeitgebern am Ort und verlieh ihm den Charakter einer Verwaltungsstadt. Zudem war Oldenburg auch Garnisonsstadt: zu den etwa 30.000 Einwohnern, die Stadt und Stadtgebiet zusammengenommen um 1910 zählten, gehörten auch rund 1.500 Soldaten. Außer dem Brigadestab der 37. Infanteriebrigade lagen in und bei Oldenburg: die 1. Abteilung des Ostfriesischen Feldartillerieregiments Nr. 26 mit ihrem Kommando, das Oldenburgische Infanterieregiment Nr. 91 und das Oldenburgische Dragonerregiment Nr. 19 mit ihren Stäben.[1]

Geringer Industrialisierungsgrad

Allerdings gehörte Oldenburg auch zu jener großen Gruppe von Klein- und Mittelstädten im Deutschen Reich, denen das spektakuläre Wachstum der industriellen Großstädte im Kaiserreich versagt geblieben ist. Um 1910 gab es hier ganze 23 Fabriken mit insgesamt 623 Arbeitern. Der geringe Industrialisierungsgrad hing ursächlich mit der ungünstigen geographischen Lage Oldenburgs im Schatten des Industrie- und Handelszentrums Bremen zusammen. Außerdem fehlte es an Bodenschätzen und Rohstoffen, die für jede Industrialisierung unabdingbar gewesen wären. Zudem hatte die bürgerlich geprägte städtische Bevölkerung auch nur geringes Interesse am Ausbau der Industrie.[2] Für solcherlei Zögerlichkeiten mit verantwortlich waren die so genannten „Rentiers“. Es handelte sich hierbei hauptsächlich um wohlhabende Bauern aus den Butjadinger und Stadlander Marschen, die sich in der Residenzstadt zur Ruhe gesetzt hatten, um hier, von ihren Zinsen lebend bzw. ihr Vermögen verzehrend, den Lebensabend zu verbringen. Rund 1.700 Rentiers wurden in Oldenburg gezählt, und „sie trugen wesentlich dazu bei, den Charakter der Stadt tief bürgerlich und gewissermaßen industriefeindlich einzufärben“.[3]

Neuer und alter Mittelstand

Durch die Verwaltungsfunktion der Stadt bedingt, waren Beamte und Angestellte, der so genannte „neue Mittelstand“, stark vertreten.[4] Von den 11918 gezählten „Zensiten“ stellte diese Gruppe 2506 Personen. Sie setzten sich zusammen aus Oberbeamten (305), Mittelbeamten (926), Unterbeamten (550), Privatbeamten (635) und Lehrern (190).

Der „alte Mittelstand“ war mit 1237 Zensiten etwa halb so stark vertreten. Diese Gruppe setzte sich aus 358 Kleinkaufleuten, 662 selbständigen Handwerkern, 132 Gastwirten und 85 in Oldenburg gemeldeten Landwirten zusammen. Die Einkommensverhältnisse in dieser Gruppierung variierten allerdings erheblich. Während die Kleinkaufleute mit 3698,- im Jahresdurchschnitt doppelt soviel verdienten wie die Handwerker (1857,-), lagen die Gastwirte mit 2354,- etwa in der Einkommensmitte, die Landwirte mit 1651,- am unteren Ende der Einkommensskala.

Arbeiterschaft und Fabriken

Die Gruppe der Arbeiterinnen und Arbeiter war mit 2908 Personen die absolut größte Einzelgruppe. Ihr Jahreseinkommen lag mit durchschnittlich 765,- deutlich unter dem der Unterbeamten. Die Arbeiterschaft war in sich aber äußerst heterogen. Ihren größten Anteil stellten mit 1342 Personen die gelernten männlichen Arbeiter. 623 von ihnen wurden in den 23 Fabrikationsbetrieben der Stadt beschäftigt (es gab in Oldenburg also mehr Angestellte und weit mehr Beamte, als Fabrikarbeiter). Zu den Fabriken zählten sechs Eisengießereien und Maschinenfabriken mit 219 Arbeitern, 14 Druckereien mit 245 Arbeitern (darunter 75 allein bei der Firma Stalling), eine Tabakfabrik (82 Arbeiter), eine Konservenfabrik (40 Arbeiter) und eine Pianofabrik mit 37 Arbeitern. Außerdem wurden die gelernten männlichen Arbeiter auch im Staatsdienst (vor allem bei der Eisenbahn) und im Handwerk beschäftigt. Daneben lebten 941 ungelernte Arbeiter in der Stadt; zusammen mit den 625 Arbeiterinnen [5] erzielten sie die geringsten Arbeitereinkommen.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass sich dem städtischen Charakter entsprechend kein Industrieproletariat entwickeln konnte. Dagegen stand auch die heterogene Zusammensetzung der Arbeiterschaft: „Das ausgesprochen elitäre, unpolitische, nicht-klassenbewußte Selbstverständnis der Arbeiterschaft im größten örtlichen Betrieb, den Eisenbahnwerkstätten, die große personelle Fluktuation unter den Handwerksgesellen, das Fehlen ausgesprochener Arbeiterwohnviertel und die vielfach häufig ländlich geprägte Wohn- und Lebensweise vieler Arbeiter sprachen dagegen“.[6] Im politischen Vergleich wird der bürgerliche Charakter der Stadt nochmals deutlich. Während die Sozialdemokraten bei der Reichstagswahl von 1912 in der gewerblich/industriell orientierten Gemeinde Osternburg, aber auch in Eversten und Ohmstede zwischen 46 % und 52 % der Stimmen gewannen, erhielten sie in der bürgerlichen Stadt Oldenburg ganze 25,6%.[7] Hier siegten die Linksliberalen mit annähernd 50 % der Stimmen.

Quellen und Literatur

[1] Vgl. Hugo Ephraim, Die Stadt Oldenburg in sozialstatistischer Beleuchtung, Tübingen 1910, S. 28.

[2] Vgl. Detlef Roßmann, Kulturelle Öffentlichkeit in Oldenburg-Osternburg 1918-1933…, 3 Bde., Diss., masch., Oldenburg 1979.

[3] Heinrich Schmidt, Oldenburg um 1900. Wirtschaftliche, soziale und politische Grundzüge, Oldenburg 1975, S. 45.

[4] Vgl. Ephraim, Stadt

[5] Vgl. Ebenda, S. 33.

[6] Dietmar v. Reeken, Durchbruch der Moderne?, Oldenburg 1880-1918, in: Geschichte der Stadt Oldenburg 1830-1995, Bd.2, Oldenburg 1995, S. 210.

[7] Vgl. Werner Vahlenkamp, 125 Jahre Sozialdemokratie in Oldenburg, Oldenburg 1994, S. 27.

Dr. Richard Sautmann, Dr. Richard Sautmann

Richard Sautmann - Dr. Richard Sautmann, von Beruf Historiker und freiberuflicher Autor. Nach dem Magisterstudium an der Universität Oldenburg und ...

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