
- Jedes Kind braucht eine Oma - Claudia Hautumm - pixelio.de
Was tun, wenn die eigenen Großeltern vielleicht schon gestorben sind oder einfach zu weit weg wohnen, um öfters mal für die Enkel da zu sein? So ergeht es nicht nur berufstätigen Eltern oder Alleinerziehenden, die immer mal jemanden brauchen, wenn es im Büro doch länger dauert oder Abendtermine anstehen.
Charlotte ist zwölf Jahre, hat liebe Eltern und sogar einen richtig netten, großen Bruder. Und doch ist sie neidisch auf ihre Mitschülerinnen, die immer ihren „Oma-Tag“ haben, deren Oma zum Sportturnier zum Anfeuern kommt und die auch sonst ein offenes Ohr für Probleme hat. Charlottes Oma lebt zu weit weg, als dass sie sich öfter sehen könnten, nur zwei bis dreimal im Jahr – mehr nicht.
Doch Charlotte ist entschlossen, sich selbst eine Oma zu suchen, die am besten gleich um die Ecke wohnen soll. Ihre Eltern sind zunächst etwas verwundert, doch weil ihre Tochter hartnäckig bei ihrem Wunsch bleibt, geben sie nach. Nur alleine soll sie nicht losziehen – die Eltern werden abwechselnd mitkommen, wenn es um ein erstes Kennenlernen geht.
Der Berliner Großelterndienst bringt Omas in die Familien
Charlotte stößt im Internet auf den Großelterndienst, ein Projekt des Berliner Frauenbundes. Seit 20 Jahren werden dort in erster Linie für Alleinerziehende Wunsch-Omas oder Wunsch-Großeltern gesucht, um die Eltern zu entlasten. Die meisten sind zwischen 45 und 69 Jahren, doch es gibt auch ältere. 4 Euro werden jeweils für die ersten fünf Stunden verlangt, danach 2,50 Euro. Für wen das zu viel ist wird dennoch eine Lösung gesucht. Der Andrang der Familien ist sehr groß. Rund 800 stehen auf der Warteliste und darüber hinaus ist Charlotte mit ihren zwölf Jahren eigentlich schon zu alt. Normalerweise wird nur für Kinder bis 10 Jahre eine Oma vermittelt, weil danach meist so viel für die Schule gelernt werde muss, dass die Zeit knapp wird.
Die Großmütter werden vorrangig als Betreuungshilfe gesucht, doch als kurzzeitigen Babysitter-Ersatz wollten die Gründerinnen ihr Angebot nicht verstanden wissen. Ihnen geht es vor allem auch um Solidarität, Kontakt zwischen den Generationen und Nachbarschaftshilfe. Sie vermeiden daher den Begriff "Leih-Oma", denn für sie steht die gegenseitige Sympathie im Vordergrund. Gewünscht sind langfristige Verbindungen, damit beide Seiten eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen können. Nach ihren Erfahrungen tut dies nicht nur dem Kind gut, das nun eine Person hat, die nur für sie da ist und meistens geduldiger ist als gestresste Mütter.
Oma und Enkel - eine gegenseitige Bereicherung
Auch die Omas profitieren davon, so die Leiterin des Berliner Großelterndienstes, Helga Krull, “manche leben richtig auf, werden wieder jung, weil sie nun aktiver ihren Lebensabend verbringen und stolz auf ihre Wunsch-Enkel sind.“
Auch Charlotte soll eine Chance gegeben werden, eine Oma zu finden. Wie müsste sie denn sein und vor allem, was möchte Charlotte mit ihr unternehmen? Die 12-jährige hat konkrete Vorstellungen: So darf ihre Wunsch-Oma nicht zu jung sein, denn sie soll ihr von früher erzählen können. Das ist Charlotte besonders wichtig. Aber sie soll auch unternehmungslustig sein und immer ein offenes Ohr für sie haben. Charlottes Wünsche werden notiert und anhand dessen wird nun eine Oma in der Nähe gesucht. Doch da die Warteliste so lang ist, hängt Charlotte auch noch eigene Zettel mit ihrer Telefonnummer in ihrem Kiez auf.
Auf ihrer Suche erfährt Charlotte viel über ihre Stadt und die Bewohner. Nicht nur in Berlin sind die traditionellen Familienstrukturen in Auflösung begriffen, Mobilität ist gefordert. Das führt oft dazu, dass Großeltern wie in Charlottes Fall weit weg wohnen und Kinder kaum noch Kontakt zur älteren Generation haben. Besonders in Städten wie Berlin leben viele ältere Menschen alleine – und es werden immer mehr.
Jede Großmutter ist ein Archiv gelebter Geschichte
Auf Charlottes Gesuch hin hat sich eine ältere Dame aus dem benachbarten jüdischen Altersheim gemeldet. Charlotte besucht Frau Goldstein mit ihrer Freundin und beide bekommen ganz unvermutet eine eindrückliche Geschichtsstunde über Deutschlands dunkelstes Kapitel.
Als einzige ihrer Familie hat die 75-jährige Ruth Goldstein den Holocaust überlebt. Mit einem der letzten Kindertransporte kam sie als Dreijährige nach Argentinien. Dort wuchs sie in einem Kinderheim auf – zusammen mit 50 anderen jüdischen Waisen. Verabschieden konnte sie sich nicht mehr von ihren Eltern und dem Bruder. Ihr Kindermädchen gab sie als eigene Tochter aus und rettete sie so vor der Deportation in den Tod. Als junge Frau kehrte sie 1959 zurück nach Berlin, eigentlich nur auf Besuch. Doch sie blieb, um den ersten jüdischen Kindergarten in Berlin mit aufzubauen.
Eigentlich hatte sich Charlotte ihre Oma genau so vorgestellt: warmherzig, offen und voller – wenn auch bestürzender – Geschichten aus ihrem Leben. Doch die Schülerin erfährt auch, dass diese Erfahrungen Ruth Goldstein heimatlos machten. Nie würde sie sich noch irgendwo in Deutschland richtig zu Hause fühlen können, so die alte Dame. Ihre Heimat sei, wenn überhaupt, dann Israel, wohin sie vielleicht irgendwann auswandern werde. Dass sie ihre gerade gefundene Oma unter Umständen auch recht bald wieder verlieren könnte, schreckt Charlotte dann doch etwas ab und schweren Herzens macht sie sich weiter auf die Suche.
Drei Omas für Charlotte - wer ist die richtige?
Kurz darauf hat sie die Auswahl zwischen drei älteren Damen, die ihre Aushänge gesehen haben und sich gut vorstellen können, Charlotte als ihre Wunsch-Enkelin zu bekommen. Nun hat sie die Qual der Wahl und die 12-jährige macht es sich nicht leicht. Die Wahl fällt schließlich auf eine allein stehende Dame, die ganz in ihrer Nähe wohnt. Oma Schmidt, wie sie sehr bald genannt wird, hat keine Verwandten mehr. Ihr Mann starb nach langer Krankheit und Kinder hatten sie keine. Sie freut sich also umso mehr, dass sie nun so unverhofft zu einer quirligen, neugierigen und liebenswürdigen Enkelin gekommen ist.
Nach den ersten Treffen zum gegenseitigen Kennenlernen verabreden sie sich für einen Ausflug. Oma Schmidt wuchs in Berlin auf und erlebte als Kind den Krieg und die Besatzung. Für Charlotte sind ihre Erzählungen zwar bedrückend, aber auch spannender als jedes Geschichtsbuch. Und da ihre neue Oma gerne und gut erzählt, hätte sich Charlotte keine bessere Oma vorstellen können als sie. Als nächstes planen sie einen Familienausflug ins Bowling-Center – erstmals zu fünft. Fast wie eine richtige Familie, die es so allerdings immer seltener gibt.
Quellen: Recherche/ Hintergrundgespräch beim Großelterndienst Berlin, mit Leiterin Helga Krull
