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Onkel Wanja, wie man ihn mag

Theater T1 bringt den Tschechow-Klassiker lebensnah auf die Bühne

Thorsten Lensing und Jan Hein zeigen wieder einmal hochkarätig besetztes Theater. Dabei gelingt es ihnen, die Tschechowsche Depression mit Humor darzustellen.

Wie ein aufgezogenes Rumpelstielzchen hüpft der Schauspieler über die Bühne. Es ist Devid Striesow, der in der Rolle des Landarztes Michail Astrow aus Anton Tschechows „Onkel Wanja“ einen dem Alkohol zugetanen Workoholic mimt. Thorsten Lensing und Jan Hein vom Berliner Theater T1 sind ihrem Prinzip wieder einmal treu geblieben und haben für ihre Inszenierung nur hochkarätige Schauspieler engagiert. Neben Josef Ostendorf, der als melancholisch-sympathischer Onkel Wanja überzeugt, zieht Striesow allerdings zweifellos besondere Aufmerksamkeit auf sich, wenn er scheinbar mühelos improvisiert, auf Zuschauerreaktionen eingeht und einen verzweifelten wie ehrlichen Trunkenbold mimt, der seine Ideale in der Ökobewegung findet.

Premiere im Pumpenhaus Münster

Das Regie-Duo schafft für Tschechows Drama, das im Münsteraner Theater im Pumpenhaus Premiere feierte, einen Bühnenhintergrund wie im Original: auf der einen Seite eine Schaukel und ein Tisch mit Samowar, auf der anderen nichts als ein Fenster, das vor allem als Sitzgelegenheiten dient. Wie die Fliegen ducken sich die Protagonisten an der Wand entlang, ständig auf dem Sprung, nie wirklich zu Hause. Und so ist es auch tatsächlich: Professor Serebrjakow (Rik van Uffelen) ist mit seiner jungen Frau Elena nur in das Landhaus gezogen, weil er sich als Emeritus ein Leben in der Stadt nicht mehr leisten kann. Wohl fühlt er sich als Intellektueller zwischen der ländlichen Bevölkerung allerdings nicht. Onkel Wanja, der gemeinsam mit der Professoren-Tochter Sonja, dargestellt von Ursula Renneke, in selbstloser Schwärmerei für den erfolgreichen Wissenschaftler lange Jahre Haus und Hof bestellt hat, ist von der möchtegern Berühmtheit tief enttäuscht, so dass er sein bisheriges Leben in Frage stellt. Einzig Elena alias Ursina Lardi kann ihn noch kurzzeitig begeistern. Sein Leben ist ihm verpfuscht. Elena wiederum, die ihre Existenz als Geliebte bzw. Ehefrau wechselnder Männer aufgebaut hat, ist an der Seite des Alten überhaupt nicht glücklich. Und Sonja fühlt sich als Landgutstochter mit der ganzen Arbeit im Stich gelassen und ist unglücklich verliebt in Astrow, den Arzt.

Depressive Stimmung, ohne zu lähmen

Typisch depressive Tschechow-Stimmung macht sich breit, jedoch ohne das Publikum zu lähmen. Dafür spielen die Schauspieler viel zu lebensnah, dafür macht sich zu viel Selbstironie und Humor breit, etwa, wenn Elena Onkel Wanjas Rotwein getränktes Unterhemd auswringt, um noch einen letzten Tropfen abzubekommen oder wenn der Landarzt nackt bis auf die Kniestrümpfe und „sternhagelmüde“ auf dem Samowartischchen sitzt, um mit Wanja über das Leben zu räsonieren. Gelungen auch die Darstellung des Professors – Rik van Uffelen wirkt wie die Karikatur eines Gelehrten, wenn er vor sich hin röchelt und seiner jungen Frau als übellauniger Alter das Leben schwer macht. So nimmt die Inszenierung, getragen von der hochkarätigen Schauspielbesetzung, ein Tempo an, das mitreißt, bis am Schluss auch letzte Lebensfunken gelöscht werden. Als Onkel Wanja sich schließlich das Leben nehmen möchte, wird es ruhig und dunkel auf der Bühne; ein langer Kampf ums Glück ist verloren. Das Publikum hat es genossen - großer Applaus!

Isabell Steinböck, Isabell Steinböck

Isabell Steinböck - Isabell Steinböck ist freiberufliche Journalistin mit dem Themenschwerpunkt Kultur (Bühnentanz und Theater) sowie Kinderredaktion. Nach ...

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