Online-Umfrage: Können Sie Hunger von Appetit unterscheiden?

appetit haben oder hungrig sein? - Gerd Altmann / pixelio.de
appetit haben oder hungrig sein? - Gerd Altmann / pixelio.de
Ernährungsexperten glauben, dass viele Menschen in reichen Ländern kaum noch echtes Hungergefühl kennen. Eine Befragung im Internet soll das jetzt klären.

Wir sollen uns „vernünftig“ ernähren, raten Experten. Vermutlich wissen sie selbst, dass das oft ein frommer Wunsch bleibt. Denn was und wie viel wir essen, entscheidet nicht allein der Verstand. Unser Seelenleben redet ein gewichtiges Wörtchen mit. Auch Faktoren wie Erziehung, kulturelle und soziale Einflüsse sowie einprägsame Werbebilder beeinflussen unser Essverhalten.

Lieblingsspeisen beruhen auf guten Erfahrungen

Schon im Mutterleib wird der Geschmack geprägt. Das hat die amerikanische Wissenschaftlerin Julie Mennella gezeigt. Auf ihre Bitte hin tranken Schwangere und stillende Frauen regelmäßig Karottensaft. Ihre Kinder aßen später gern Karotten, während Altersgenossen, die keine frühen Erfahrungen mit diesem Gemüse gemacht hatten, von Mohrrüben nicht begeistert waren.

Sogar in den Genen sollen unsere kulinarischen Vorlieben schon verborgen sein. Eine Schwäche für Süßes und eine Abneigung gegen Bitteres sind uns schon in die Wiege gelegt. Nur süße Früchte sind reif – in Urzeiten hat dieses intuitive Wissen geholfen zu überleben. Die Abneigung gegenüber Bitterem ist sogar noch größer als gegenüber Saurem. Ohne die angeborene Aversion gegen Bitteres hätten sich Menschen längst bei der Suche nach Essbarem vergiftet, denn viele Pflanzen schützen sich mit Hilfe bitter schmeckender Substanzen davor, gefressen zu werden.

Saures bringt uns zwar nicht um, aber der Genuss von sauren, unreifen Früchten kann heftige Bauchschmerzen verursachen. Ab dem vierten Lebensmonat können Säuglinge Salz schmecken. Die Geschmacksrichtungen bitter und sauer werden von Kindern lange abgelehnt. Das schützt sie meist auch heute noch davor, Ungenießbares in größeren Mengen aufzunehmen.

Der Mensch ist, was er isst ...

... sagt der Volksmund. Denn Essen dient keineswegs nur der Erlösung von Hungergefühlen. Nicht umsonst unterscheidet man zwischen Hunger und Appetit. Seit Jahrhunderten sind Kochen und (gemeinsames) Speisen Ausdruck von Kreativität, Kultur, sozialem Status und Persönlichkeit. Nur haben wir es heute nicht mehr lediglich mit den Grundnahrungsmitteln zu tun, sondern mit derzeit schätzungsweise 250.000 Supermarkt-Produkten.

Wer nicht mehr lustvoll essen kann, dem fehlt ein wesentliches Element im Wohlbefinden. Manche Experten glauben gar, dass die ständige Sorge, ob wir uns richtig ernähren, der Gesundheit wahrscheinlich mehr zusetzt als falsche Fette, Zucker oder Alkohol.

Ernährungspsychologen sprechen von „gezügeltem Essverhalten“ und siedeln dieses in einer Zwischenzone zwischen „normalem“ Essverhalten und einer Essstörung an. Man isst nicht das, worauf man Appetit hat, sondern das, was man für gesund oder kalorienarm hält. Das Essen unterliegt ständig der rationalen Kontrolle. Zu diesem Esstyp zählen sowohl sehr gesundheitsbewusste Esser als auch Menschen, die immer wieder meinen, abnehmen zu müssen. Untersuchungen zufolge neigen die Betroffenen dazu, vor allem bei Stress und schlechter Stimmung mehr zu essen als ihnen lieb ist. Sie empfinden sich in diesen Situationen als „ungezügelt“ und sprechen von Heißhunger-Attacken.

Habe ich wirklich Hunger – oder nur Appetit?

„Die Antwort auf die Frage, warum wir essen, erscheint natürlich einfach: weil wir Hunger haben“ so Uwe Knop, Ernährungswissenschaftler aus Frankfurt am Main. „Doch zahlreiche Ernährungsexperten sind der Meinung, die Menschen in Industrieländern könnten sich nicht mehr auf ihr Hungergefühl verlassen. Ein Beleg für diese allgemeine Behauptung fehlt jedoch.“ Diese allgemeine „Ess-Entmündigung“ ist nach Ansicht von Uwe Knop nicht mehr als eine vage Vermutung – denn es liegen keine aktuellen Daten vor, die den „Auslöser des Essverhaltens“ hierzulande widerspiegeln. Dabei stimmt selbst die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) der Forderung von Uwe Knop „Nur essen, worauf man Lust hat, wenn man echten Hunger hat“ im Kern zu: „Ganz grundsätzlich und für gesunde Menschen stimmt seine These vermutlich“, so Antje Gahl, Sprecherin der DGE in einer E-Mail an Uwe Knop.

Um herauszufinden, ob die Deutschen, Österreicher und Schweizer ihren echten Hunger noch kennen und beim Essen auf ihr natürliches Hungergefühl vertrauen, ruft Uwe Knop, die Bürger dazu auf, an der entsprechenden Umfrage auf echte-esser.de teilzunehmen.

Buchtipps:

Susanne Fehrmann: DiePsyche isst mit. Foitzick Verlag, ISBN 3-929338-16-5, 19,95 Euro

Susanne C. Grunert: Essen und Emotionen. Die Selbstregulierung von Emotionen durch das Essverhalten. Beltz Verlag, ISBN 3-621-27188-0, 19,95 Euro

Alexandra W. Logue: Die Psychologie des Essens und Trinkens. Spektrum Verlag, ISBN 3-827-40393-6, 9,70 Euro

Rüdiger Dahlke, Dorothea Neumayr: Vom Essen, Trinken und Leben. Mit allen Sinnen kochen. Haug Verlag, ISBN 3-8304-2243-3, 19,95 Euro

Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat - zum Beispiel durch einen Arzt oder einen Psychotherapeuten - nicht ersetzen kann.

Bildnachweis: © Gerd Altmann / pixelio.de

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