
- Schlafmohnkapseln in Afghanistan - 20min.ch
In einem am 10.Februar 2010 veröffentlichten Bericht prognostiziert das in Wien ansässige Büro für Drogen und Verbrechensbekämpfung der Vereinten Nationen (UNODC) für dieses Jahr eine gleichbleibende Opiumanbaufläche in Afghanistan, aber zugleich eine mögliche Verringerung des Ertrages. Afghanisches Opium ist der Rohstoff für Heroin - die tödlichste Droge der Welt – und eine bedeutende Finanzierungsquelle für regierungsfeindliche Kräfte innerhalb Afghanistans und in benachbarten Ländern.
Die kurzfristige Winterprognose 2010 des UNODC basiert auf den Angaben der Bauern zur Pflanzzeit. Während die meisten künftigen Mohnkapseln den Boden noch nicht durchbrochen haben, gibt diese Bewertung einen ersten Ausblick auf die Ernteaussichten in 2010. Der Opiumanbau in Afghanistan ist seit dem Rekordhoch von 193.000 Hektar im Jahr 2007 um mehr als ein Drittel auf 123.000 Hektar in 2009 zurückgegangen. Das Einpendeln in diesem Bereich gilt als wahrscheinlich und würde die bescheidenen Fortschritte der Vergangenheit zumindest stabilisieren.
Opiumerträge in Afghanistan fünfmal höher als im Goldenen Dreieck
Wichtig erscheint für dieses Jahr vor allem, dass die Produktion weiter sinken könnte. Noch vor kurzem haben die afghanischen Farmer Höchsterträge erzielt, die 2009 bei 56 Kilogramm pro Hektar lagen. Das ist das fünffache der Erträge, wie sie etwa im Goldenen Dreieck eingefahren werden. Schlechtere Witterung in der gegenwärtigen Wachstumsperiode könnte jedoch in diesem Jahr die Gesamtproduktion in Afghanistan beeinträchtigen. Dies würde den Abwärtstrend von 8.200 Tonnen im Jahr 2008 auf 6.900 Tonnen im vergangenen Jahr fortsetzen.
Die Zahl der Provinzen ohne Opiumanbau wird als stabil oder leicht ansteigend vorausgesagt. Von den 20 opiumfreien Provinzen des letzten Jahres sollen mindestens 17 ohne Anbau der Schlafmohnkapseln bleiben. Die Provinzen Bahglan, Faryab und Saripol im Norden des Landes verlieren offensichtlich diesen Status aufgrund der wieder aufgenommenen Bepflanzung kleinerer Flächen in Gebieten, die als unsicher gelten. Umgekehrt könnten fünf Provinzen, in denen 2009 noch Opium produziert wurde, in diesem Jahr als anbaufrei eingestuft werden.
Schlafmohnproduktion in Provinzen mit geringem Anbau stoppen
UNODC-Direktor Antonio Maria Costa forderte die afghanische Regierung und die internationale Gemeinschaft auf, sich besonders auf die acht Provinzen zu konzentrieren, in denen der Opiumanbau geringfügig vorgenommen wird, aber noch nicht vollständig eingestellt ist. Mit angemessenen von den örtlichen Kommunen getragenen Maßnahmen – etwa Kampagnen unter Einbeziehung der Shura, von den Gouverneuren geführte Ausrottungsaktionen oder Entwicklungshilfe – könnten laut Costa drei Viertel des Landes in kurzer Zeit frei von Opiumfeldern sein.
Seit 2007 spielte der Absatzmarkt eine ausschlaggebende Rolle für die Entscheidung der Bauern gegen den Opiumanbau. Diese Überlegung besteht weiterhin, denn in den Produktionszentren im Südwesten des Landes nennen die Bauern niedrige Preise und geringe Erträge als Hauptgrund dafür, in diesem Jahr keinen Mohn zu pflanzen. Jedoch gibt es Anzeichen für neue Preistrends bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Erlöse für legale Kulturen wie Weizen fielen mit 43 Prozent schneller als jene für Opium mit sechs Prozent. „Entwicklungsarbeit ist daher bitter nötig, um den afghanischen Farmern zu helfen, Einkommensalternativen zum Opium zu finden“, sagt der Anti-Drogen Chef der UNO.
In Unruhegebieten wird mehr Opium kultiviert
Costa unterstreicht auch die Notwendigkeit einer ordentlichen Regierungsarbeit. Der Bericht seines Büros zeigt, dass in jenen Landesteilen, in denen die Regierung in der Lage war, dem Recht zum Durchbruch zu verhelfen, 61 Prozent der Bauern erklären, sie würden keinen Schlafmohn kultivieren, weil dies ungesetzlich sei. Im Südwesten jedoch, wo der zentrale staatliche Einfluss kaum hinreicht, nannten nur 39 Prozent der Farmer den Bann der Opiumproduktion als Grund für einen Verzicht auf diese Kultur.
Ein enger Zusammenhang besteht auch zwischen Unruhen und Anbau. Die UNODC Studie belegt, dass in fast 80 Prozent der Dörfer mit sehr schlechten Sicherheitsbedingungen Opium angebaut wird, während in nur sieben Prozent der Dörfer die Mohnkapsel wächst, die nicht von Gewaltakten betroffen sind.
“Um die größte Rohstoffquelle für die gefährlichste Droge der Welt weiter zu reduzieren, brauchen wir mehr Sicherheit, Entwicklung und verantwortungsbewusste Regierungsführung“, sagt Costa. „Die afghanischen Behörden müssen ihre eigene Strategie zur Drogenkontrolle durchsetzen. Der Rest der Welt hat ein immenses Interesse an ihrem Erfolg“.
