Orientteppiche – Geschichten aus 1001 Nacht

Der größte Importhafen für handgeknüpfte Teppiche ist Hamburg

Teppichkunst - Karl-Heinz Liebisch/PIXELIO
Teppichkunst - Karl-Heinz Liebisch/PIXELIO
In der Hamburger Hafencity ist Scheherazade zu Gast. Hier lagern Teppiche verschiedener Provenienz, vor allem aus dem Iran und warten auf ihren Versand in die ganze Welt.

Schon die Namen an den Speichern aus rotem Backstein erinnern an eines der bedeutendsten Ursprungsländer, den Iran. Hier werden die Teppiche zwischengelagert. Sechzig kleine und große Handelsfirmen haben eine Staufläche von ca. 68.000 m2 angemietet und kümmern sich um den Verkauf im Inland sowie den Vertrieb und Weiterversand an Händler in der ganzen Welt.

Wer einmal beginnt, sich mit den Mustern und der regionalen Herkunft handgeknüpfter persischer Teppiche zu beschäftigen, betritt zwar die Welt von Scheherazade, verstrickt sich aber auch schnell in ein Knäuel von Informationen, das nur ein Experte zu entwirren versteht.

Teppichmuster – von der Arabeske bis zum Zypressen-Motiv

Gegenständliche Abbildungen waren ursprünglich selten und sind eher ein Zugeständnis an den westlichen Geschmack, denn beseelte Wesen dürfen im Islam nicht abgebildet werden. Dennoch gibt es Auftragsarbeiten, die Porträts und Jagdszenen darstellen.

Sehr beliebt sind Gartenteppiche, auf denen Zypressen (Lebensbaummotiv) und unterschiedliche Pflanzen zu sehen sind. Auch die Felderteppiche in ihrer strengen geometrischen Form bilden oft Elemente aus der Pflanzenwelt ab. Ein typisch persisches Motiv sind Rose und die Nachtigall (gol-e bolbol). Daneben gibt es die kleineren Teppiche, als deren zentrales Motiv eine Vase erscheint.

Vielfach aber dominieren Arabesken, stilisierte Blumenranken, ob sie nun den gesamten Teppich zieren, ein Medaillon bilden oder nur als Bordüre erscheinen, die eine einfarbige ovale Fläche in der Mitte des Teppichs – den sogenannten Spiegel – umrahmt. Die Medaillons mit ihren sechzehn oder sogar zweiunddreißig Zacken erinnern in ihrer aufwendigen Ausgestaltung an Mandalas und laden zum meditativen Innehalten ein.

Nicht zu vergessen, die kleineren Gebetsteppiche, die von den Gläubigen schnell zusammengerollt und mitgenommen werden können, um zur rechten Stunde zu Allah zu beten. Auf diesen Teppichen ist eine Gebetsnische, der Mihrab, abgebildet.

Als Beispiel für ein typisches Motiv ist das Boteh-Muster anzuführen, in unserem Sprachgebrauch eher als Paisley-Muster bekannt. Die Deutung des Symbols bleibt unklar. So sagen die einen, es handele sich dabei um einen Palmwedel, andere behaupten, es sei ein stilisiertes Auge, das Symbol gegen den bösen Blick.

Neben den floralen gibt es die geometrischen Muster, eines der bekanntesten ist das Herati-Muster (Fischmuster), nach der Stadt Herat benannt, die ursprünglich zum Iran gehörte. Diese Muster verlaufen über den gesamten Teppich, lassen aber noch Platz für Bordüren. Daneben sind auch geometrische Muster möglich, die um den einfarbigen Spiegel angeordnet sind.

Bordüren als Teppichabschluss

Sie bilden den Rahmen des Teppichs und werden nach der harmonischen persischen Ecklösung und den rechtwinklig aufeinanderstoßenden Bordüren unterschieden. Sie können aus einer einzigen breiten Leiste bestehen oder aus einer Haupt- und mehreren schmaleren Nebenleisten. Ihre stilisierten Muster tragen anschauliche Namen, wie Armreifborte, reziproke Zinnenborte, Schmetterlingsborte oder "laufender Hund". Auch wenn der Hund im Islam als unreines Tier gilt, so hat er doch als Wellen-, Mäander- oder Hakenleiste auf dem Teppich seinen Platz gefunden. Und auch wir dürfen sie betreten, denn sie sind robust, wenn auch die feinsten von ihnen aus Seide geknüpft wurden.

Knüpftechnik, Farben und Material geben Aufschluss über die Herkunft

So groß wie das Land Iran, so vielfältig sind auch die Teppiche. Einer der Indikatoren für ihre Herkunft ist das Material, aus dem die Kett- und Schussfäden bestehen. In den meisten Fällen wird für die Kette Baumwolle verwandt, da sich der fertige Teppich dann nicht verziehen kann. Bei sehr hochwertigen Produkten wird aber auch Seide als Kettfaden eingesetzt. Die Frage des Materials stellt sich ebenso beim Schuss. Darüber hinaus prüft der Fachmann, ob es sich um einen glatten Faden handelt oder einen, der Knötchen aufweist, ob über die geknüpfte Reihe ein oder zwei Schuss erfolgten. Aus diesem Grund wird der Teppich auch stets genau von der Unterseite betrachtet.

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist der Knoten, ob türkischer (Ghiordes-Knoten), oder persischer Knoten (Senneh-Knoten). Da beim türkischen die Florfäden exakt nebeneinander liegen, wird gern behauptet, er eigne sich besser für geometrische Muster, während der persische Knoten durch die gestaffelte Anordnung der Fäden ein florales Muster lebendiger erscheinen lasse. Besondere Beachtung verdient natürlich das Material, das für den Flor, den eingeknüpften Faden, verwandt wird. Er besteht meistens aus Wolle, bei hochwertigen Stücken aus Seide.

Ein weiterer Faktor zur Bestimmung der Herkunft sind die Farben, ob synthetische oder natürliche) und der Farbton. Im Westen des Irans wird beispielsweise Krapprot verwandt, das warme, nach Braun changierende Töne ergibt, während im Osten Cochenille zum Einsatz kommt, das zu kalten bläulichen Nuancen tendiert. Der Fachmann kann auch beurteilen, welche Art von Wolle mit welcher Farbe eingefärbt wurde, sodass die vorliegenden Farbnuance möglich wurde. Ferner betrachtet er den Abschluss, sowohl der Seiten, ob sie verstärkt wurden und mit welchem Garn, und auch, ob der Teppich über Fransen verfügt und wie diese verarbeitet wurden, ob zu Doppelfransen, ob verknotet oder geflochten. Und letztlich zählt die Knotendichte, die von den einfachsten Nomadenteppichen von 20.000/m2 bis zu den feinsten Bidjars und Teppichen aus Nain, Ghom oder Isfahan mit weit über 1.000.000/m2 variieren kann. Verständlich, dass eine größere Knotendichte einen haltbareren Teppich ergibt und einen höheren Preis rechtfertigt.

Jede Region hat ihre Eigenheiten bezüglich der Farben, Motive, Knüpftechnik und Ausgestaltung. Unregelmäßigkeiten sind übrigens nicht als Fehler zu werten, sondern deuten meist auf Nomadenteppiche hin. Darüber hinaus wird gesagt, jeder Knüpfer arbeite bewusst einen kleinen Fehler in sein Stück ein, denn perfekt könne nur Allah in seiner Schöpfung sein.

Literatur:

  • Volkmar Gantzhorn: Orientalische Teppiche: Benedikt Taschen Verlag GmbH, Köln 1998
  • P.R.J. Ford: Der Orientteppich und seine Muster, Weltbild Verlag GmbH, Augsburg 1995
  • Kurt Zipper: Lexikon des Orientteppichs, Klinghardt & Biermann, Verlagsbuchhandlung GmbH, München 1981
Vera Carius, Sieke-Marthe Hamann

Vera Carius - Meine Geburtsstadt ist Hannover, dort wo man angeblich das beste Deutsch spricht. Nach dem Studium der Romanistik und Geschichte in ...

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