Der Orkan entwurzelte hunderte Fichten im Quellgebiet von Sieg und Eder. Sämtliche Straßen, die dort hinausführten, wurden dadurch blockiert. Die Spaziergänger, darunter auch zwei kleine Kinder, mussten stundenlang in einem ehemaligen Forsthaus ausharren. Mit dabei war auch der 71jährige Siegener Unternehmer Hans-Martin Bub.
Suite101: Wie wurden Sie vom Sturm überrascht?
Hans-Martin Bub: Wir wollten im Forsthaus Hohenroth, einem Waldinformations- und Tagungszentrum, einen Kaffee trinken. Vorher waren wir spazieren gegangen. Die Sturmwarnungen haben wir, ehrlich gesagt, nicht so ernst genommen. Und dann hörten wir die Bäume knacken und den heftigen Wind. Wir sind schnell ins Auto gestiegen, kamen aber nur einige hundert Meter weit, da lagen dann schon die ersten Fichten quer über der Fahrbahn. Feuerwehrleute schickten uns wieder zurück zum Forsthaus, wo dann auch andere Wanderer eintrafen. Am Ende waren wir 30 Leute, darunter ein zweijähriges Mädchen und ein dreijähriger Junge.
Suite101: Das alte Forsthaus ist das einzige befestigte Gebäude weit und breit. Wie haben Sie sich dort gefühlt?
Hans-Martin Bub: Zunächst dachten wir, dass wir nach kurzer Zeit wieder weg können. Aber so gegen halb sechs am Abend kam der Anruf vom Krisenstab des Kreises und vom Forstdirektor, dass dies zu gefährlich sei. Da gab es dann eine kleine Panik. Wir hatten zwar genug zum Essen und Trinken. Aber die Mutter des einen Kindes hatte noch einen Säugling zu Hause, der gestillt werden musste. Alle paar Minuten rief der Vater an und fragte, wie es weitergeht. Als es immer später wurde, mussten wir die Mutter beruhigen, die ständig Weinkrämpfe bekam. Außerdem war noch ein Herzkranker dabei, der keine Medikament mit hatte, aber sie dringend brauchte. Er wurde von einem Arzt am Telefon betreut. Für ihn, die beiden Mütter mit ihren Kindern und für einige Ältere wurden dann auch die sieben Betten und zwei Feldbetten reserviert, die wir für die Nacht zur Verfügung hatten.
Suite101: Wollte keiner auf eigene Faust los?
Hans-Martin Bub: Die Bäume rund ums Forsthaus bogen sich ständig hin und her, zwei sind sogar auf den nahen Parkplatz gefallen. Es schneite heftig, dazu kam der Sturm. Einmal war es besonders mulmig: Da gab es fünf Minuten beinahe absolute Stille, und dann brauste der Orkan mit tosender Lautstärke durch die Bäume. Wir bekamen richtige Angst. Da hat auch der letzte eingesehen, dass es besser ist, wir harren aus. Wir haben uns wie eine große Familie in einen Kreis gesetzt und versucht, uns gegenseitig Mut zu zu sprechen. Für die beiden Kinder war es allerdings eher wie ein kleines Abenteuer, denke ich mal.
Suite101: Wie sind sie gerettet worden?
Hans-Martin Bub: Gegen Mitternacht standen dann ein Dutzend total durchnässte Feuerwehrleute der Freiwilligen Feuerwehr vor der Tür. Sie wurden mit einem Riesenapplaus begrüßt und erstmal mit einem heißen Kaffee versorgt. Stundenlang hatten sie sich mit Kettensägen, Seilwinden und schweren Räumfahrzeugen den Weg durch den Wald freigeräumt. Dann ging es im Konvoi mit den Feuerfahrzeugen und einem Rettungswagen, in dem der Herzkranke transportiert wurde, nach Erndtebrück. Glücklicherweise war keines unserer Autos beschädigt worden. Für den Weg durch den Wald, der normalerweise in 20 Minuten zu bewältigen ist, haben wir dann beinahe eine Stunde benötigt. Mir wäre beinahe noch das Benzin ausgegangen, weil ich ja eigentlich nur einen kurzen Ausflug hatte machen wollen.
