Psychothriller "Orphan – Das Waisenkind"

Horror à la "Das Omen", mit bestem Twist seit "The Sixth Sense"

Der Psychothriller "Orphan - Das Waisenkind" überzeugt durch ein cleveres Drehbuch, einen schockierenden Twist und vor allem die junge Hauptdarstellerin Isabelle Fuhrman.

Mit schöner Regelmäßigkeit kommen Thriller mit bösartigen Kindern in den Hauptrollen in die Kinos. Bei „Orphan – Das Waisenkind" handelt es sich um den mit Abstand besten Vertreter dieses Subgenres seit vielen Jahren. Was der bislang wenig positiv in Erscheinung getretene Spanier Jaume Collet-Serra („House Of Wax“) abliefert, ist nicht weniger als ein nervenzerfetzend spannender, intelligenter Psychothriller mit einem in seiner Genialität an „The Sixth Sense“ gemahnenden Twist.

Gefährliche Psychopathin

Kate (Vera Farmiga) und John Coleman (Peter Sarsgaard) wirken mit ihren beiden Kindern wie eine perfekte Familie: Beruflich erfolgreich, attraktiv, hübsches Haus. Aber hinter der schönen Fassade bröckelt es gewaltig: Nachdem sie ein totes Baby zur Welt brachte, hatte Kate den Boden unter den Füßen verloren und sich dem Alkohol zugewandt. Erst dank einer langwierigen Therapie konnte sie ihr Alkoholproblem in den Griff bekommen.

Dennoch fühlt sich vor allem ihr Mann vernachlässigt. Um mit dem schmerzlichsten Kapitel ihres Lebens abzuschließen, schlägt Kate vor, ein Kind zu adoptieren. John ist einverstanden und begleitet sie zum Waisenhaus. Auf Anhieb ist das Ehepaar von der ungewöhnlich reif wirkenden Esther (Isabelle Fuhrman) angetan. Zu Beginn scheint Esther sich perfekt in die Familie zu integrieren. Vor allem ihr Verhältnis zur taubstummen Tochter der Colemans, Max (Aryana Engineer), ist offenbar innig und liebevoll.

Doch als sich Unfälle in Zusammenhang mit Esther häufen, wird Kate misstrauisch. Schließlich glaubt sie zu wissen, dass Esther eine gefährliche Psychopathin ist, die es auf ihre Familie abgesehen hat. Aber selbst ihr Mann schenkt ihr keinen Glauben und beschuldigt sie, rückfällig geworden zu sein und wieder zu trinken. Mit dem Mute der Verzweiflung versucht Kate das Geheimnis hinter dem unschuldig wirkenden Mädchengesicht herauszufinden – ein abgrundtief dunkles Geheimnis, das ihre Vorstellungskraft übersteigt …

„Das Omen“ lässt grüßen

Kenner des Genres dürften in den ersten Filmminuten unwillkürlich an einen Klassiker aus den 1970er Jahren erinnert werden: Richard Donners „Das Omen“ arbeitete geschickt mit einem sehr ähnlichen Konzept, das da lautet: Frau adoptiert Kind, merkt, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt, und wird von ihrer Umgebung als paranoid oder schlichtweg verrückt angesehen.

Doch „Orphan - Das Waisenkind" ist kein plumper Abklatsch von „Das Omen“, sondern erweist sich als ungemein gewandter Psychothriller, dessen Spannung vom cleveren Drehbuch genährt wird. Zwar lässt der Film keinen Zweifel an der gestörten Psyche Esthers aufkommen. Aber anstatt blindem Gemetzel wie im gründlich missratenen „Kinder des Zorns“, nach einer Geschichte von Stephen King, Vorschub zu leisten, setzt Regisseur Jaume Collet-Serra auf ein komplexes Beziehungsgeflecht und unterschwelligen Horror.

Waisenkind zerstört Familie

Die Motive für Esthers widersprüchliches Verhalten werden lange im Verborgenen gehalten. Für den Zuschauer wirft dies Fragen auf, ohne ihn von der stetig einem souverän inszenierten Showdown entgegenströmenden Handlung abzulenken. Es bereitet geradezu diabolisches Vergnügen zu beobachten, wie das anfangs freundlich und etwas schüchtern wirkende Mädchen Esther einen tiefen Keil zwischen die einzelnen Familienmitglieder treibt.

Dabei versteht sie die Kunst der Manipulation perfekt umzusetzen, was so weit geht, dass sogar der Zuschauer Sympathien für Esther empfindet, obwohl er ihre Untaten, von der geschickt zwischen Nähe und Distanz wechselnden Kamera perfekt bebildert, mit ansieht. Denn: Steckt hinter der Grausamkeit des Kindes am Ende vielleicht sogar ein Geheimnis, in das die Colemans verwickelt sind?

Esther-Darstellerin Isabelle Fuhrman als Versprechen für die Zukunft

Geheimnisvoll gibt sich auch die Schauspielerin Isabelle Fuhrman, die in ihrer Rolle völlig aufgeht und eine sensationelle Performance liefert. Als Esther meistert sie mühelos den schwierigen Parcours zwischen kindlich naiver Ausstrahlung und bösartiger Durchtriebenheit. Ohne jeden Zweifel ist Isabelle Fuhrman eines der hoffnungsvollsten Versprechen für die Zukunft der Schauspielbranche. Dabei kann sie bis auf eine kleine Rolle in „Ghost Whisperer“ wenig vorweisen, was sich nach „Orphan – Das Waisenkind“ ändern sollte.

Sehr gut schlägt sich auch Vera Farmiga („The Departed“), die eine von Schuldgefühlen gequälte Mutter spielt. Wenig abverlangt wird Frauenschwarm Peter Sarsgaard, der bereits in „Flightplan“ an der Seite Jodie Fosters szenenweise lethargisch wirkte. Auch in diesem Film nimmt er eine passive Rolle inne, die noch vor wenigen Jahrzehnten weiblichen Darstellerinnen vorbehalten war.

Perfekter Twist in „The Sixth Sense“-Manier

Neben der unablässig treibenden Spannung überzeugt „Orphan – Das Waisenkind“ zudem durch einen cleveren Twist, der im Kontext des Geschehenen Sinn ergibt und somit nicht völlig aus heiterem Himmel gegriffen ist oder komplett absurd wie bei „Die Vergessenen“ gerät. Wer Filme à la „The Sixth Sense“ mag, wird diesen Streifen lieben!

Perfekter Psychothriller

Lange musste der Zuschauer auf einen intelligenten Psychothriller warten und wird für seine Geduld mit „Orphan – Das Waisenkind“ in jeglicher Hinsicht über alle Maße verwöhnt. Von Beginn an trotz der Filmlänge von 2 Stunden spannend, bodenständiger Plot, eine überragende Hauptdarstellerin und eine verblüffende Schlusspointe: Exakt auf diese Weise funktioniert ein perfekter Psychothriller!

Einige kleinere logische Ungereimtheiten und nicht unbedingt schlüssige Verhaltensweisen muss der Zuschauer gerade bei Horrorfilmen ohnehin in Kauf nehmen. Allerdings schmälern diese in „Orphan – Das Waisenkind“ das Sehvergnügen keineswegs, da man auf Grund der fesselnden Handlung keine Sekunde lang Zeit findet, diesen geringen Makeln nachzugehen.

Orphan – Das Waisenkind: Thriller des Jahres

Das Fazit zu „Orphan – Das Waisenkind“ kann deshalb nur lauten: Unbedingt ansehen! Zwar erfindet Jaume Collet-SerraIsabelle Fuhrman wird man garantiert noch viel hören! das Rad auch nicht neu. Aber wenn Altbekanntes dermaßen originell aufbereitet und mit einer unverbrauchten, neuen Idee gekonnt abgemischt wird, ist das Resultat nicht weniger als der Thriller des Jahres 2009.

Originaltitel: „Orphan“

Regie: Jaume Collet-Serra

Produktionsland und -jahr: USA 2009

Filmlänge: ca. 123 Minuten

Verleih: Kinowelt

Deutscher Kinostart: 22.10.2009

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