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Oscar für Argentinien – In ihren Augen

In ihren Augen Filmplakat - Camino Filmverleih
In ihren Augen Filmplakat - Camino Filmverleih
Ein alter Mordfall und eine uneingestandene Liebe bilden den Hintergrund des argentinischen Krimis und Melodrams, das 2010 den Oscar gewann.

Der Oscar für den besten fremdsprachigen Film ging 2010 nicht, wie von vielen erwartet, an „Das weiße Band“, sondern an den argentinischen Beitrag „In ihren Augen“. Beide Filme spielen in einer Übergangszeit, die in eine faschistische Diktatur mündet. Aber damit enden die Gemeinsamkeiten auch. Während Haneckes Film spröde und nüchtern erzählt, setzt Juan José Campanellas Film auf große Gefühle.

Die Handlung von „In ihren Augen“: Ein ungelöster Mordfall und eine ungelöste Liebe

Kripobeamter Benjamin Espósito (Ricardo Darín) will nach seiner Pensionierung ein Buch über den Mordfall schreiben, der ihn nie losgelassen hat. Dazu sucht er Richterin Irene Hastings (Soledad Villamil) auf, mit der er damals zusammen daran arbeitete und in die er noch immer verliebt ist.

1974 wird eine junge Frau brutal vergewaltigt und ermordet, sie hinterlässt einen völlig verzweifelten Ehemann (Pablo Rago). Trotz vieler Hindernisse und Misserfolge gelingt es Benjamin, mit Hilfe von Irene und Assistent Sandoval (Guillermo Francella), den Täter zu finden und zu überführen.

Trotz lebenslanger Haftstrafe ist der Täter nach einem Jahr wieder auf freiem Fuß, dank seiner Beziehungen zu den Faschisten, die dabei sind, die Macht in Argentinien zu übernehmen. Auf Benjamin wird kurz darauf ein Attentat verübt und er muss zu seiner Sicherheit Buenos Aires verlassen.

Jetzt, im Jahr 2000, will er den Fall endlich lösen und herausfinden, was mit dem Täter geschah. Dabei deckt er nicht nur ein schreckliches Geheimnis auf, er muss sich auch seiner neu entflammten Liebe zu Irene stellen.

Campanella: Argentiniens Erfolgsregisseur

Campanella gehört zu den erfolgreichsten Regisseuren Argentiniens. Er dreht in den USA TV-Serien, in Argentinien seine Spielfilme. Darsteller Ricardo Darín hat in fast allen seinen Filmen mitgespielt, in „Luna de Avellaneda“ (2004), „Der Sohn der Braut“ (2001) und – zusammen mit Soledad Villamil – in „El mismo amor, la misma lluvia“ (1999). Mit „Der Sohn der Braut“ war schon einmal ein Film von Campanella für den Oscar nominiert.

„In ihren Augen“: Argentinische Geschichte

Campanellas Oscargewinner „In ihren Augen“ ist eine gelungene Mischung aus Kriminalfilm und Melodram. Der Kriminalfall bildet den dramaturgischen Faden, an dem sich nebenbei die Liebesgeschichte entwickelt. Elegant wechselt der Film die Zeitebenen, vom Buenos Aires des Jahres 2000 ins Buenos Aires von 1974, erkennbar an den ausgeblichenen Farben der Bilder und dem jüngeren Aussehen der Darsteller. Die politische Situation Argentiniens 1974 wird nicht erklärt, sie erschließt sich dem Zuschauer durch Details: überquellende Akten, Kompetenzgerangel, Respektlosigkeit gegenüber Vorgesetzten. Es ist die turbulente und chaotische Phase kurz vor dem Militärputsch.

„In ihren Augen“: Blicke sagen mehr als Worte

In Campanellas Film gibt es viele gute und spritzige Dialoge, aber das Wesentliche wird über die Bilder transportiert. Blicke und Gesten sprechen aus, was Worte verschweigen. Der Mörder entlarvt sich durch Blicke, ebenso wie die unausgesprochenen Gefühle der Protagonisten zueinander. Eine Szene im Fahrstuhl verdeutlicht eindrücklich das politische Klima von Angst und Terror, ohne dass ein Wort fällt. (In Erinnerung bleibt auch eine technisch herausragende Sequenz, deren Making of hier enthüllt wird.)

„In ihren Augen“: Krimi und Liebesgeschichte mit existentiellen Fragen

„In ihren Augen“ beginnt mit einer Szene, die anschließend als Imagination eines Schreibenden entlarvt wird. So wie ein Schriftsteller Tatsachen schafft, geht das Gedächtnis auch mit seinen Erinnerungen um. Wenn die Zeit fortschreitet, wird Erlebtes vergessen oder neu interpretiert. Wie zuverlässig ist die „Erinnerung an die Erinnerung“ noch?

Im Film gibt es verschiedene Strategien, mit der Vergangenheit umzugehen. Am Beispiel des trauernden Witwers erfährt der Zuschauer, wie grausam das Festhalten an der Vergangenheit ist. Nur, wer damit abschließt, kann neu anfangen. Benjamin gelingt es, indem er genau hinschaut und den Mut findet, seine Liebe zu Irene zu wagen, trotz aller Standesunterschiede.

„In ihren Augen“ erzählt auch von unerfülltem Leben, einmal durch Verbitterung und Rache, einmal durch Verleugnung der Gefühle. Und schließlich stellt der Film die Frage, was Gerechtigkeit und was Rache ist und wie weit man dafür gehen darf.

Fazit: Ein verdienter Oscar für „In ihren Augen“

„In ihren Augen“ ist altmodisches Kino im besten Sinn: elegant, emotional, mit schönen Bildern, lebensnahen Charakteren, spritzigen Dialogen und guten Schauspielern. Der Film lässt sich Zeit, seine Geschichte zu erzählen, die Kamera verharrt lange auf den Gesichtern und geht ganz nah an sie ran. Denn, wie es der Titel schon sagt, es ist ein Film über das Sehen. Bilder offenbaren, was Worte nicht sagen. Wie jeder gute Film hat „In ihren Augen“ auch eine Metaebene, die über existentielle Fragen des Lebens reflektiert, über Erinnern und Vergessen, Gerechtigkeit und Rache, leeres und erfülltes Leben und Lieben.

In ihren Augen. Argentinien/Spanien 2009. Regie: Juan José Campanella. 129 Min. Camino Deutscher Filmverleih. Filmstart: 28.10.2010

Brigitte Grahl, Brigitte Grahl

Brigitte Grahl - Nach meinem Studium der Germanistik und Publizistik an der FU habe ich als freie Journalistin bei Print- und Online-Medien ...

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