In der Debatte um die Einstellungen der Ostdeutschen der DDR gegenüber werden immer wieder die Begriffe Ostalgie, DDR-Nostalgie und Ostidentität aufgegriffen. Dabei handelt es sich um Rückbezüge auf die DDR, die über bloßen Lokalkolorit hinausgehen.
Ostalgie
Der Begriff der Ostalgie findet sich vor allem in der öffentlichen und publizistischen Debatte wieder. Im Allgemeinen wird darunter eine Popularisierung von DDR-Produkten und DDR-Alltagskultur verstanden, die sogar unter der Mitwirkung von Westdeutschen geschieht. Dabei ist die Ostalgie ein oberflächliches Phänomen, deren Kult mit dem realen Leben in der DDR wenig zu tun hat und einen reflexiven Umgang mit den notwendigen Diskursen verdrängt.
DDR-Nostalgie
Im Vergleich dazu beschreibt die DDR-Nostalgie positive Einstellungen der Ostdeutschen gegenüber der DDR. Der Begriff der DDR-Nostalgie ist in der Forschung differenziert betrachtet worden und sie ist ein rein ostdeutsches Phänomen. Die Vergangenheit in der DDR wird dabei von den Ostdeutschen retrospektiv uminterpretiert und selektiv aufgewertet. So reklamieren die Ostdeutschen für sich die Deutungshoheit für die Geschichte der DDR. Dabei ist es unerheblich, wie klein der Ausschnitt des DDR-Erlebens in seiner räumlichen und zeitlichen Erstrecktheit war. Das bloße Teilnehmen und Erleben der DDR ist Argument genug, um Wissenschaftlern Kompetenz und den Willen zur Objektivität abzusprechen. Die Reaktionen vieler Ostdeutscher auf die Veröffentlichung der Studie Soziales Paradies oder Stasi Staat? Das DDR-Bild von Schülern – ein Ost-West-Vergleich von Monika Deutz-Schroeder und Klaus Schroeder illustrieren dies. Die Studie untersuchte das Geschichtsbild von Schülern in Ost und West mit dem Ergebnis, dass eine nostalgische Verklärung und starke Idealisierung der DDR durch ostdeutsche Schüler festzustellen ist. Die Kommentierung der Ergebnisse und der Vergleich des idealisierten DDR-Bildes mit der realen Geschichte der DDR riefen ein breites Echo hervor. In einem Großteil der Reaktionen wurde das von den Schülern idealisierte DDR-Bild verteidigt.
Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Aufarbeitung der DDR decken sich nicht dem eigenen Erlebten beziehungsweise dem als eigenem Erlebten Erinnerten. Der Unrechtscharakter der DDR mit Stasi, Schießbefehl und Mauer werden ausgeblendet und soziale Aspekte wie Kinderbetreuung, medizinische Betreuung und Arbeitsplatzgarantie werden dem gegenüber beziehungsweise darüber gestellt. Kritik an den Verhältnissen in der DDR wird von den vielen Ostdeutschen als Angriff auf die eigene Lebensleistung verstanden.
Die Umfrage des Sachsen-Anhalt-Monitors 2009 belegt die selektive und idealisierte Wahrnehmung der DDR in der Rückschau. Es möchten zwar nur die wenigsten die DDR zurück und eine Mehrheit sieht in der Wiedervereinigung mehr Vor- als Nachteile, doch werden Ausschnitte der DDR wieder verstärkt positiv herausgehoben. Die allgemeinen Feststellungen, dass in der DDR nicht alles schlecht gewesen sei, bejahen 94 Prozent und dass es sich trotz aller Einschränkungen privat ganz gut leben ließ, bestätigen 88 Prozent der Befragten.
Erklärungsansätze für die DDR-Nostalgie
Die Ursachen für diesen Prozess werden zahlreiche Hypothesen angeboten. Die Trotzhypothese sieht in den positiven Einstellungen der DDR gegenüber einen Ausdruck der Frustration über den Vereinigungsprozess mit westdeutschen Dominanz, sowie seinen Abwertungen der DDR-Verhältnisse. Er wurde vielfach als kollektive Demütigung empfunden, die mit der Erhöhung der DDR-Verhältnisse ausgeglichen werden soll.
Die Entwertungshypothese sieht hingegen die kognitive Dissonanz zwischen der Wahrnehmung der eigenen Geschichte der Ostdeutschen und dem kritischen DDR-Geschichtsbild der Westdeutschen verantwortlich. Diese als Abwertung des eigenen Lebens wahrgenommene Einschätzung durch die Westdeutschen forciert die DDR-nostalgischen Einstellungen.
Dem gegenüber sieht die Kompensationshypothese in der DDR-Nostalgie den Versuch, das Selbstbewusstsein mittels systematischer Aufwertung der Vorwendezeit. Damit sollen negative Lebensabschnitte nachträglich an Wert gewinnen und unangenehme Gesichtspunkte ausgeblendet werden. Diese Selbstwerterhöhung soll Minderwertigkeits- und Unterlegenheitsgefühle den Westdeutschen gegenüber ausgleichen.
Zunehmende politische Konnotation der DDR-Nostalgie
Die positiven Orientierungen der Ostdeutschen gegenüber der DDR begründen nicht per se einen Antisystemeffekt zur Bundesrepublik, jedoch besteht die latente Gefahr einer mittel- beziehungsweise langfristigen Selbstausgrenzung. Nach der Wende ließ sich feststellen, dass sich sukzessive eine stärkere politische Konnotation der DDR-Nostalgie entwickelt hat. Damit einher ging die zunehmend positive Bewertung der sozialistischen Ideologie. Besonders interessant ist, dass es nicht nur die ältere Generation, sondern gerade die jüngere Generation ist, die der DDR-Nostalgie Leben verleiht.
Neue Ost-Identität
Kritisch ist dabei, dass die zunehmende politische Konnotation der DDR-Nostalgie einhergeht mit einer verstärkten DDR-Bindung und einer geringeren gesamtdeutschen Bindung. Dies deckt sich mit den Ergebnissen einer 2009 durchgeführten Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach, bei denen eine deutliche Mehrheit von 63 Prozent der Ostdeutschen angaben zwischen Ost- und Westdeutschen mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zu sehen. 2004 sahen nur 43 Prozent der Ostdeutschen dies so. Es ist die Frage, wie sich hier eine Ost-Identität abzeichnet und in welchem Verhältnis sie zu einer gesamtdeutschen Identität steht. Die Ost-Identität als reflexiv erworbene Identität, die auf Erfahrungen aus der DDR und der BRD verstanden, scheint zwar keine DDR-Identität zu sein, doch scheint sie sich zunehmend durch die Abgrenzung zur Bundesrepublik zu definieren.
