Ostpreußen & Co.: Heimatsammlungen der Vertriebenen gefährdet

Gesichert: Heimatmuseum Pr. Holland in Itzehoe - HKG Preussisch Holland
Gesichert: Heimatmuseum Pr. Holland in Itzehoe - HKG Preussisch Holland
Museums-Sammlungen der BdV-Heimatkreisgemeinschaften z.B. aus Ostpreußen, Pommern oder Schlesien sind z.T. existentiell bedroht. Sorge um den Kulturverlust.

Rund 65 Jahre nach Flucht und Vertreibung aus den historischen deutschen Siedlungsgebieten in Ost-Mitteleuropa lösen sich zunehmend mehr Vertriebenenverbände auf. Diese Vertriebenenverbände haben einst mehrere gesellschaftlich relevante Aufgaben übernommen.

Immer mehr Auflösungen kommunaler BdV-Vereine

Die örtlichen Vertriebenenvereine und vor allem die Heimatkreisgemeinschaften boten als Gesprächs- und Beistandsgemeinschaft ein Ventil für die Trauer um die verlorene Heimat. So waren – neben den Landsmannschaften und Heimatkreisgemeinschaften im Bund der Vertriebenen (BdV) – auch die kommunalen BdV-Vereine eine Art Schicksalsgemeinschaft, die zugleich emotional auch ein Stück Ersatzheimat bot. Man gestaltete lokale Festivitäten oder den Volkstrauertag mit. Zum anderen waren diese kommunalen BdV-Gruppen aber auch eine wichtige Anlaufstelle für Spätaussiedler und damit essentiell für die Integration der zuwandernden Deutschen aus den osteuropäischen Siedlungsgebieten.

Nicht zuletzt boten diese Vereine aber auch mit ihren Heimatstuben in nahezu jeder bundesdeutschen Stadt ein Schaufenster zum deutschen Kulturleben in Ostpreußen, Schlesien, Pommern, an der Wolga oder beispielsweise in Siebenbürgen. Archive und Sammlungen boten in den vergangenen Jahrzehnten eine zum Teil gute Grundlage für wichtige Forschungsarbeiten zur ostdeutschen Geschichte. Ungezählte Schulklassen haben solche Heimatstuben und Museen besucht und einen kleinen Einblick in die ostdeutsche Kulturgeschichte bekommen. Nicht wenige der Schüler werden anschließend die Eltern oder Großeltern nach der eigenen Familienvergangenheit befragt haben.

Auch auf Bundesebene verlieren Vertriebene an Bedeutung

Zahlreiche dieser Vertriebenenorganisationen haben viel ihrer früheren Größe und Bedeutung verloren, dümpeln vor sich hin oder haben sich sogar ganz aufgelöst. Den Bedeutungsverlust des Bundes der Vertriebenen kann man auch am schwindenden Einfluss seiner Führungskräfte am politischen Leben erkennen. Waren in den 1950er Jahren die Sprecher der Landsmannschaften noch Staatsekretäre, Bundestagsabgeordnete oder in ähnlich exponierten Positionen, so reduziert sich die Wahrnehmbarkeit der Persönlichkeiten des BdV nach dem Ableben insbesondere von Herbert Czaja und Herbert Hupka nahezu allein auf seine Präsidentin Erika Steinbach. Inzwischen gelten ganze BdV-Landesverbände, etwa in Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein, als politische Brachen, fern jeglichen politischen Einflusses.

Kulturverlust droht: Heimatmuseen der Vertriebenen existentiell bedroht

Der Auflösungsprozess bei den Vertriebenen hat Folgen. So können etliche noch bestehende Gruppen und Heimatkreisgemeinschaften die Mieten für ihre Heimatstuben nicht mehr aufbringen. Auch die Kommunen, die bisher den Vertriebenen mietfrei Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt haben, kündigen aufgrund ihrer notorisch klammen Kassen immer häufiger die bis dahin mietfrei genutzten Räumlichkeiten. Oft kommt es auch zur Auflösung der Sammlung, da sich kein Betreuer für die Heimatstube mehr findet. Nicht jede Vertriebenenorganisation, wie etwa die ostpreußische Kreisgemeinschaft Preußisch Holland in Itzehoe oder die Stadtgemeinschaft Königsberg in Duisburg, verfügt über ein eigenes Museum.

Bei der Landsmannschaft Schlesien bemüht man sich deshalb über ein Pilotprojekt zur Sicherung der Heimatsammlungen. Die Brisanz dieses Prozesses zeigt die Arbeit des in Oldenburg ansässigen „Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ (BKGE) mit seinem Projekt „Dokumentation der Heimatsammlungen“. Das Projekt soll die Bestände erfassen, dokumentieren und erforschen – eine wichtige Grundlage für die Bewahrung werthaltiger Exponate oder ganzer Sammlungen. Freilich konzentriert sich das Projekt primär auf lokale Heimatsammlungen, also Sammlungen nach einzelnen Heimatorten.

Landesmuseen der Vertriebenen ohne ausreichende Kapazitäten

Als weniger attraktiv erweisen sich meist die landsmannschaftlich bunt zusammengestellten Heimatstuben örtlicher BdV-Gruppen. Viel Heimatkitsch ergänzt hier oft die wenigen wichtigen Exponate, wie Fluchtkoffer und Trachten. Die jeweiligen Landesmuseen wären zwar geeignete Partner, um etwa Heimatkreissammlungen zu übernehmen, doch in der Regel dürften weder die personellen noch die materiellen oder räumlichen Kapazitäten reichen, um eine solche umfassende Aufgabe tatsächlich zu bewältigen. Selbst die großen ostdeutschen Landesmuseen verfügen über kaum nennenswerte Eigenmittel und Aufstockungen der Zuschüsse von Bund und Länder sind nicht in Sicht.

Auch Patenschaften bundesdeutscher Städte für ostdeutsche Heimatkommunen böten durchaus Anlass, um Heimatstuben der Patenkinder in kommunale Museen zu integrieren. Doch wo die persönliche Bindung zwischen Vertriebenen und Patenschaftsträger fehlt, wird auch wenig Herzblut für solche Lösungen vergossen. Auch das kostet Geld. So ist so manche bis vor wenigen Jahren noch sehr lebendige Patenschaft schon komplett aufgekündigt worden, wie etwa im Falle des Kreises Burgdorf (jetzt Landkreis Hannover), die sich von der Kreisgemeinschaft Heiligenbeil getrennt hat. In anderen Fällen spielt die Patenschaft schlichtweg keine Rolle mehr und gilt als Relikt aus den Zeiten des Kalten Krieges.

Kreisgemeinschaften mit guten Beziehungen in der heute polnischen Heimat

Eine weitere Variante der Zukunftssicherung ist die Kooperation mit Museen in der heute polnischen, rumänischen oder etwa tschechischen Heimat. Doch längst nicht überall sind die Beziehungen zwischen den Kulturträgern so gut, wie zwischen der niederschlesischen Heimatkreisgemeinschaft Militsch-Trachenberg und den museal mit ihnen kooperierenden polnischen Gemeinden Milicz und Zimigrod oder so gut wie zwischen der Kreisgemeinschaft Preußisch Holland und der heute polnischen Stadt Paslek. Die Stadt war die erste Kommune in ganz Polen, die die „Chutzpe“ hatte, im Jahr 2001 einen führenden Vertriebenenfunktionär des BdV (Bernd Hinz) zum Ehrenbürger zu ernennen – ein für polnische Verhältnisse geradezu revolutionärer Akt. Dies ist auch heute noch selten.

So bleibt die Zukunft der Heimatmuseen und insbesondere der kommunalen ostdeutschen Heimatstuben weiter ungewiss und vieles könnte verloren gehen, was bewahrt werden sollte.

B. Knapstein, B. Knapstein

Bernhard Knapstein - 1967 in Köln geboren. Studium in der Rheinmetropole: Geschichte, Sport und Rechtswissenschaften. Redaktionsassistent in der ...

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