
- Parlamentsgebäude in Wien - Brigitte Buschkötter-pixelio.de
Othmar Spann, geboren 1878 in Altmannsdorf bei Wien, gestorben 1950 in Neustift, gilt als exemplarischer Vertreter der "Zwischenzeit" und ist bis heute umstritten. Seine ökonomischen Analysen finden heute noch in der Volkswirtschaft Beachtung, doch seine Ansichten zur Staatstheorie rückten ihn in die Nähe des austrofaschistischen Ständestaats unter den Kanzlern Engelbert Dollfuß und Kurt von Schuschnigg in den 1930er Jahren, als dessen "geistiger Vater" er gilt.
Ein Kind seiner Zeit: von der Monarchie zum Ständestaat
Ein Kind der k.u.k. Monarchie, stammte Spann aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, studierte in Wien, Zürich, Bern und Tübingen Nationalökonomie, Gesellschaftslehre (Soziologie) und Philosophie. 1909 wurde er Professor für Nationalökonomie in Brünn, zehn Jahre später, nachdem er aufgrund einer frühen Verwundung seinen Kriegsdienst im Ministerium versehen hatte, lehrte er das gleiche Fach und zusätzlich Gesellschaftslehre in Wien. Da er als Theoretiker der klerikalfaschistischen Ständestaats galt, wurde er 1938 nach dem Einmarsch der deutschen Armee erst verhaftet, dann aber nach einigen Monaten wieder freigelassen, ohne allerdings seine Professur zurückzuerhalten. Er zog sich auf sein Landgut im Burgenland zurück, durfte aber auch nach dem Krieg nicht mehr an der Universität lehren. Bis zu seinem Tode lebte er noch immer unter dem Verdacht, ein Faschismus-Sympathisant zu sein.
Spann als Feind des Individualismus
So groß und anerkannt seine Verdienste in der Ökonomie waren, seine Volkswirtschaftslehre von 1911 erlebte in kurzer Zeit 24 Auflagen, so sehr geriet er als Gesellschaftstheoretiker ins Zwielicht. Othmar Spann vertrat eine Theorie des Universalismus, die auf mittelalterlichen und romantischen Vorstellungen beruhte und im Umkehrschluss den liberalen Individualismus ablehnte. Das Ganze steht über den Teilen und ist mehr als deren Summe. Ihre Bedeutung erhalten sie erst durch die Beziehung zueinander. Diese Gedanken sind keineswegs neu, doch Spann versucht diese universalistische These auf alle Bereiche der Wirklichkeit anzuwenden. Er sieht die Stellung des Individuums als Primäres und Ursprüngliches überbewertet und glaubt, den Individualismus durch die Erfahrung der Polarität überwinden zu können.
Die dualistische Idee auf religiöser Grundlage
Was er Gezweiungen nennt, sind Dualitäten des sozialen Alltags wie Mutter-Kind, Lehrer-Schüler etcetera. Erst durch die Zusammenhänge, durch die Bindung entstehen die definierbaren Individuen, im Bezug zu ihrem Gegenstück. Durch Rückverbindung bleibt das Ganze auch immer in den Teilen erhalten, daraus leitet sich durch das Prinzip der Ebenbildlichkeit eine gewisse Rangordnung ab. Ursprung alles Ganzen ist Gott, Spann sieht in der Religion die Rückbindung des Menschen an seinen Schöpfer. Seine Gesellschaftslehre ist stark katholisch geprägt, neben seinem Bekenntnis zu Österreich einer der Gründe für das Misstrauen, welches die Nationalsozialisten gegen ihn hegten.
Spanns Sympathien für autoritäre Systeme
Trotzdem war seine Theorie nicht frei von totalitären Zügen, auch wenn sich Spann nicht als politischer Denker verstanden wissen wollte. Die vom Austrofaschismus errichtete Ständeordnung ging zwar indirekt unter anderem auf seine Gedanken zurück, er aber distanzierte sich und war eher am System Mussolinis interessiert. Marxismus und Sozialismus lehnte er ebenso ab, wie er an der Demokratie Kritik übte, da sie ihm als nicht zu realisierende Utopie erschien. Sein Ideal einer dezentralisierten Ständeordnung, die auf der katholischen Soziallehre basieren sollte, erwies sich jedoch als eben solche.
Quellen:
- Othmar Spann: Die Haupttheorien der Volkswirtschaftslehre. Leipzig: 1926.
- Peter Kampits: Zwischen Schein und Wirklichkeit. Eine kleine Geschichte der Österreichischen Philosophie. Wien: 1984.
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